Schweiz · Blanche de Perroc (Wallis)
An exceptional Birthday Present
Ausgabe 2014 · Text: Drew Tabke · Fotos: David Carlier · 5 min Lesezeit

Es ist Juni im Wallis. Ein feuchter Frühsommer-Sturm hat die hohen Gipfel in frisches Weiß getaucht. Für die meisten Menschen bedeutet das nur eine veränderte Landschaft: Zwei, drei Tage lang stehen …
Es ist Juni im Wallis. Ein feuchter Frühsommer-Sturm hat die hohen Gipfel in frisches Weiß getaucht. Für die meisten Menschen bedeutet das nur eine veränderte Landschaft: Zwei, drei Tage lang stehen die Gipfelzacken, die es in dieser Ecke der Schweiz zuhauf gibt, mit leuchtend-weißen Spitzen da, bis die Sonne den Schnee auflöst und wieder das Grau und Blau von Fels und Gletschereis vorherrschen. Für ernsthafte Steilwandskifahrer wie Gilles Sierro signalisieren derartige Wetterwechsel den Startschuss für Vorhaben wie die Befahrung einer der steilsten Abfahrten der Westalpen.
Im Juni 2014 gelang Sierro in Begleitung des Fotografen David Carlier die Erstbefahrung der Nordwand der Blanche de Perroc, einem zerklüfteten, komplexen Gipfel hoch über dem Herens-Tal. Diese neue Abfahrt ist nur eine von vielen erfolgreichen Missionen, die Sierro als einer der talentiertesten und ehrgeizigsten Extremskifahrer in den letzten Jahren bewältigt hat. Geboren in Hérémence, im Herens-Tal mit Blick von der Haustür auf Gipfel wie Blanche de Perroc oder Dent Blanche, verwundert es nicht, dass das erstklassige Terrain seiner Heimat Sierro immer wieder anzieht. Nachdem er sich in seinen Zwanzigern zunächst auf Freestyle und Halfpipe konzentriert hatte, wurde er mit 30 Jahren zertifizierter IFMGA-Guide.
Seither ging es für ihn immer nur nach oben. Es begann mit Klassikern wie den Abfahrten durch die Westflanke des Dent de Tsalion und die Nordwand der Pointe de Vouasson. Doch dann führte es Sierro in immer steileres Gelände. Zwischen 2009 und 2011 befuhr er unter anderem die Nordwand des Mont Blanc de Cheilon, die Nordwand der Pigne d'Arolla, die Nordwand der La Luette und die Südwestseite der Dent Blanche. Dann, am 7. Juni 2013, dem Tag vor Sierros 34. Geburtstag, konnte er mit zwei Freunden erstmals die West-Südwestflanke der Dent Blanche befahren, die „Schweizer Falllinie“, eine Route, die einige als die wichtigste neue Linie in den Alpen seit vielen Jahren betrachten. Zeitsprung: Ein Jahr später, 6. Juni 2014.
Erneut waren die Schneeverhältnisse in den hohen Lagen gut und Sierro wusste, dass die Zeit wieder gekommen war. „David (Carlier) und ich hatten vor, ein paar künstlerische Fotos beim Hiken und Fahren auf den Gletschern zu machen“, erklärt Sierro. „Aber vom Tal aus konnten wir sehen, dass die Schneedecke weit oben sehr gut war und dass sich das unter Umständen für ein ehrgeizigeres Vorhaben eignen würde.“ Die beiden stiegen auf schneelosen Trails etwa 1.000 Meter zum Tsarmine Gletscher auf, von wo sie die Nordseite der Blanche de Perroc komplett einsehen konnten. „Ich sehe mir diese Flanke schon seit Jahren an und hatte sie auch schon zweimal in Angriff genommen“, so Sierro weiter. „Die Verhältnisse waren besser als je zuvor.
Wir beschlossen, es zu versuchen.“ Sierro und Carlier kletterten gemeinsam die immer steiler werdende Wand hinauf, bis sie sich etwa auf halber Höhe trennten. Carlier suchte die richtigen Stellen für seine Fotos. Sierro stieg alleine weiter... „Ich stieg genau die Linie hinauf, die ich später, wenn möglich, abfahren wollte. So konnte ich den Schnee inspizieren und nach Eis und Felsen suchen“, sagte er. „Der Aufstieg war ziemlich problemlos, aber ich merkte schnell, dass die Abfahrt an zwei Stellen richtig anspruchsvoll werden würde.“ Nach nur eineinhalb Stunden stand er auf dem ausgesetzten Gipfel. Die Bedingungen erschienen optimal und er schnallte seine Ski an, den Abgrund direkt unter den Skispitzen.
Mittlerweile kam auch Carlier am Gipfel an, um gleich wieder zu einer sehr exponierten Stelle auf einem Grat unterhalb und rechts von Sierro abzusteigen, von wo aus er die Abfahrt dokumentieren wollte. Als Sierro in den oberen Hang einfuhr, war der Schnee stabil und pulvrig. Die Auflage war großartig, gleichzeitig war das Gelände furchteinflößend und bot keinen Spielraum für Fehler, die in einem unkontrollierbaren Absturz enden würden. „Die konvexe Hangneigung da oben sorgte für ein paar echt beängstigende Szenarien im Kopf!“ konstatierte Sierro. „Gleich am Anfang wird der Hang steiler und verschwindet dann aus dem Sichtfeld, so dass man unter sich nur noch den Gletscher und den Wald im Tal sieht.“
Vorsichtig tastete sich Sierro nach unten und nach rechts. Als der Hang sein maximales Gefälle von 57 Grad erreicht hatte, kam die erste der beiden technischen Passagen in Sicht. Skifahrerisch war es das maximal Mögliche. „Ich wusste, dass in einigen der engen Passagen unter dem Schnee Felsen und Eis sein würden. Beim Aufstieg hatte ich daher versucht, genügend Schnee auf diesen Stellen zu lassen, damit ich überhaupt abfahren konnte. In den engsten Abschnitten musste ich teilweise auf den Felsen aufkanten, um weiterfahren zu können“, erklärte er. Nach der ersten Schlüsselstelle machte Sierro einige Schwünge in ein Steilstück in der Hangmitte, immer noch mit tiefem Abgrund unter ihm...
„Teilweise war der Schnee extrem schwierig zu fahren, mit Eis oder Harsch darauf“, erinnerte er sich. Dann kam die zweite Schlüsselstelle: erneut eine Rinne mit dünn beschneiten Felsen und Eis, durch die er mit äußerster Vorsicht fuhr. Als Sierro die Stelle geschafft hatte und damit die Abfahrt und alle Schwierigkeiten fast vorbei waren, konnte er sich endlich entspannen. Carlier war inzwischen auch durch die schwierigsten Stellen abgestiegen und leistete seinem Freund bei den letzten, genussvollen Schwüngen Gesellschaft. „Als wir unten aus dem Hang kamen, wurde der Schnee immer besser und wir machten ein paar Schwünge bei besten Frühjahrsbedingungen bis hinunter zum Gletscher“, so Sierro.
Die Mission war erfolgreich – eine weitere Erstbefahrung ohne Abseilpassagen in seinem Heimattal. Zeugnis davon geben einige tolle Bilder einer Bergflanke, die nur wenige Menschen jemals selbst befahren werden. Motiviert von diesem Erfolg und dank der nach wie vor großartigen Bedingungen in den Hochlagen, traf sich Sierro am nächsten Tag mit dem in Chamonix lebenden Schweden Andreas Fransson und einem Kunden, um das 2.500 Meter hohe Marinelli-Couloir an der Ostflanke des Monte Rosa zu befahren. Die Abfahrt war das perfekte Geschenk zu Sierros 35. Geburtstag. Damit konnte er die Saison mit einem Ausrufezeichen abschließen.
Am gleichen Tag noch begann eine Hitzewelle, die die Nullgradgrenze auf 5.000 Meter ansteigen ließ und die Extremskisaison 2014 in der Region endgültig beendete. Die Berge wechselten in ihr Sommerkleid, und Sierro tauschte die Ski gegen das Bike. Aber es ist niemals wirklich vorbei... „Einige der Gipfel, die ich noch befahren möchte, haben im September oder Oktober die richtigen Verhältnisse, daher schau ich immer ganz genau nach oben“, so Sierro.





Fahrer: Gilles Sierro



