Schweiz · Pennine Alps (Dent Blanche / Wallis)
Cardinal Obsession
Ausgabe 2015 · Text: Drew Tabke · Fotos: David Carlier · 5 min Lesezeit

Gilles Sierro stand auf dem Gipfel der Dent Blanche und sah hinab in die Route, die er gerade heraufgeklettert war: die extrem steile und furchterregend exponierte Ostwand. Die bevorstehende Abfahrt …
Gilles Sierro stand auf dem Gipfel der Dent Blanche und sah hinab in die Route, die er gerade heraufgeklettert war: die extrem steile und furchterregend exponierte Ostwand. Die bevorstehende Abfahrt würde seine dritte von diesem großartigen Berg sein. In der Vergangenheit hatte er bereits die west-südwestliche Flanke und den Südgrat befahren. Es war 9 Uhr morgens am 22. April 2015, doch trotz der frühen Stunde und Jahreszeit und der schwindelerregenden Höhe von 4.357 Meter hatte die Sonne die Schneedecke bereits aufgewärmt und ihre fragile Verbindung mit dem darunterliegenden Eis und Fels zu lösen begonnen. Wenn er fahren wollte, dann war jetzt der richtige Zeitpunkt.
Da er in Hérémence im Val d’Hérens aufgewachsen ist, waren die riesigen Gipfel wie die Dent Blanche schon immer Gilles Sierros Hausberge. Und als IFMGA-Bergführer sind sie auch sein Büro. Über 30 Mal stand er schon auf der Dent Blanche, oft mit Kunden, und seine Liste eindrucksvoller Steilwandabfahrten wird jeden Winter länger. Es war also keine große Überraschung, als der Produzent und Fotograf David Carlier bei Sierro anfragte, ob er die Region Hérens in seinem neue Film „13 Faces du Valais“ repräsentieren wolle. Und es gab wohl auch keinen besseren Berg, um Sierros Fähigkeiten auf Ski darzustellen, als das Kronjuwel des Val d’Hérens, die Dent Blanche. Die Dent Blanche ist eine schroffe Felspyramide und der siebthöchste Gipfel der Alpen.
Vier markante Grate führen von ihr in alle vier Himmelsrichtungen. Aus der Vogelperspektive sieht der Berg wie ein Kreuz aus. Zwischen den vier Hauptgraten liegen außergewöhnlich steile Fels- und Eishänge, die auf die Gletscher darunter abfallen – am Limit des mit Ski Befahrbaren. Nur wenige konnten hier bisher ihre Spuren hinterlassen. Dédé Anzevui war der erste, der den Südgrat und die Ostwand befahren hatte, beide Male unter Zuhilfenahme eines Hubschraubers. Was Sierros skifahrerische Karriere an der Dent Blanche angeht, so wiederholte er zunächst Anzevuis Südgrat-Route, bevor er gemeinsam mit zwei Freunden im Juni 2013 die spektakuläre „Swiss Fall Line“ durch das West-Südwest-Couloir eröffnete.
Sierro vollendete beide Abfahrten aus eigener Kraft, inklusive des langen Zustiegs und der gesamten Kletterei durch beide Routen. Die Besteigung durch den Osthang stellte sich wegen der Filmarbeiten und aufgrund der starken Sonneneinstrahlung jedoch etwas komplizierter dar, so dass Sierro und sein Team 2015 die Sache anders angehen mussten. Nach einem sehr trockenen Winter kam Ende März und Anfang April richtig viel Schnee, der die Berge der Region in dickes Weiß hüllte. Die Verhältnisse schienen für eine Besteigung akzeptabel, daher wurden Sierro, Carlier und zwei Kameraleute direkt zu einem Biwak an einer Eiskante unterhalb der Ostflanke geflogen, wo sie die Nacht verbrachten.
Am nächsten Morgen wurden seine Vorbereitungen und sein Aufbruch filmisch dokumentiert, und Sierro stieg alleine in die Wand ein. Wie bei allen anderen Extremabfahrten war es für Sierro unverzichtbar, auch durch die Wand aufzusteigen. So testet er den Schnee, lokalisiert Felsen und Eis unter der Schneeoberfläche und speichert diese Informationen für die bevorstehende Abfahrt ab. „Am nervösesten war ich wegen der am wenigsten steilen Stelle nahe dem Biwak. Dort war es am lawinengefährlichsten und ich wollte eine sichere und möglichst schnelle Linie finden“, so Sierro. Sobald er diese Stelle überwunden hatte und in den Steilhang kam, stieg Sierro extrem schnell weiter. Nach zwei Stunden betrat er den Gipfel und bereitete sich auf die Abfahrt vor.
Noch schnell eine SMS an seine Freundin, dann gab es ein kurzes Gipfelinterview, und Sierro bekam eine GoPro an den Helm montiert. „Wie bei all meinen Steilabfahrten war ich ziemlich entspannt. Ich genoss den Ausblick und machte mir keine allzu großen Gedanken über die Abfahrt“, erinnerte er sich. „Ich war ein wenig nervös, aber nicht wirklich besorgt. Skifahren soll Spaß machen – Angst ist kontraproduktiv. Wenn ich es bis zum Gipfel geschafft habe, dann kenne ich die Route, habe aktuelle Infos über das Terrain und die Verhältnisse und bin zuversichtlich, dass es machbar ist.“ Er fuhr los und hatte auf den ersten 50 Metern trockenen Pulverschnee. Am steilsten war es mit rund 58 Grad im ersten Abschnitt.
Dann kam schwerer, unberechenbarer Frühjahrsschnee. Schon früh in der Abfahrt folgte die technische Schlüsselstelle, eine tiefe Rinne in V-Form zwischen zwei Schneewällen. „Ich wollte zwei, drei Schwünge auf der einen Seite der Rinne machen und dann auf die andere Seite wechseln, um von dort aus der Rinne herauszufahren“, erklärte Sierro. Aufgrund der deutlich wärmeren Schneeoberfläche im Vergleich zum Aufstieg stieß Sierro mehrfach auf unerwartete Eisplatten. Er meisterte die Stellen im oberen Teil und durchquerte dann schnell die Ausfahrts-Rinne, um zum vermeintlich sicheren Biwak zu gelangen. Damit hatte Sierro die dritte von vier Abfahrtsrouten an der Dent Blanche geschafft.
Die gesamte Filmcrew wurde kurz darauf mit dem Helikopter vom Biwak zurück zum Heliport in Sion im Rhônetal ausgeflogen. Noch am selben Tag begann die historische Hitzewelle, die ganz Europa im Frühling und Sommer 2015 in Atem halten sollte. Damit war auch die Steilwandsaison für diese Saison beendet. Aufmerksame Beobachter der extremen Skiszene in den Alpen mögen bemerkt haben, dass die Nordseite des Bergs bislang ohne Skispuren geblieben ist, so unglaublich das klingen mag. Sierro hat bereits drei der vier Seiten der Dent Blanche auf seinem Konto. Wann wird man also auch auf der letzten Seite Spuren sehen? Ist das überhaupt möglich? „Wer weiß“, sagt Sierro.
„Es kommt darauf an, dass alle Faktoren passen – großartige Verhältnisse, freie Zeit, die Motivation und natürlich, dass man im Kopf dazu bereit ist. Es gibt einen guten Grund, warum noch niemand diese Seite gefahren ist. Aber ihr kennt mich ja.“





Fahrer: Gilles Sierro



