Schweiz · Rätikon (Carschina Hütte)
Coffee, fire and the choice of free lines
Ausgabe 2012 · Text: Bastian Bäumer · Fotos: Paul Masukowitz · 4 min Lesezeit

Wir machten uns auf die Suche nach einem geeigneten Platz für unser Vorhaben: Ein Dach über dem Kopf sollte es sein, mitten in einem Revier, das variantenreich genug ist, um abwechslungsreiche Tage …
Wir machten uns auf die Suche nach einem geeigneten Platz für unser Vorhaben: Ein Dach über dem Kopf sollte es sein, mitten in einem Revier, das variantenreich genug ist, um abwechslungsreiche Tage im Weißen Gold verbringen zu können. Wir wollten dem Grundgedanken des Freeridens nachspüren und die freien Momente im Schnee finden. Die Carschina Hütte im Rätikon erfüllte unsere Vorstellungen. Neben ihrem architektonischen Charme und dem üppig ausgestatteten Winterraum bietet sie ein vielfältiges Gelände quasi im Vorgarten – und damit einen ganz speziellen Reiz für Freerider. Am Parkplatz in St. Antönien – Achtung, Parkticket-Kontrolle – ist der Aufstieg zur Hütte mit 2,5 Stunden angeschrieben.
Hier unten im Tal lässt sich der Weg dank guter Beschilderung problemlos finden, mit zunehmender Höhe werden die Wegweiser seltener bzw. liegen sie unter einem dicken weißen Mantel verborgen. Es ist also ratsam, sich rechtzeitig über die verschiedenen Aufstiegsmöglichkeiten zu informieren. Vielen Freeridern liegen lange Aufstiege noch immer fern. Auch ich mache da keine Ausnahme und stelle mir beim rhythmischen Klacken der Bindung die immerwährende Frage: „Warum?“ Warum diesen Aufwand in Kauf nehmen? Es ist ja schon anstrengend genug, die Höhenmeter zur Hütte zu überwinden. Nun zerrt zusätzlich der Rucksack mit dem Gepäck für vier Tage Aufenthalt an den Schultern.
Warum nicht stattdessen gemütlich ein Bier auf dem heimischen Sofa genießen und sich der medialen Berieselung hingeben? Das Schweigen meiner Freunde während des nächtlichen Aufstiegs werte ich als Zeichen für ähnliche Gedanken. Zum Glück weist uns der Vollmond den Weg. Er zeichnet ein sanftes Schattenspiel auf die umliegenden Bergflanken und taucht die Szenerie in ein zartes, unwirkliches Licht. Zauberhaft sieht das aus. Und auf einen Schlag ist das ständige „Warum?“ aus dem Kopf verschwunden. Geweckt vom ersten Lichtstreif zeigt unser noch etwas verschlafener Blick aus dem Hüttenfenster die große Vielfalt, die das alpine Leben bieten kann.
Da drängen kein Skibus, den man in der Frühe erreichen muss, und kein Tag, der mit Liftschluss sein abruptes Ende findet. Das leicht kupierte Gelände, das die Hütte umgibt, lädt zu ersten entspannten Runs in der Morgensonne ein, entlang unserer Aufstiegsspur zurück in Richtung St. Antönien. Ebenso reizvoll erscheint der Gipfel des Schafbergs östlich der Hütte, mit langen Abfahrten, kleineren Cliffs und interessanten Geländeübergängen hinunter ins westseitige Hochplateau. Stunden bevor die ersten Touren- oder Schneeschuhgruppen in die Nähe der Gipfel kommen, bietet sich uns eine schier endlose Auswahl. Wir entscheiden uns für eine kurze Tour Richtung Nordwesten zum Drusator (Drusentor), das die Grenze zwischen der Schweiz und Österreich markiert.
Von hier genießen wir den Blick ins Montafon, über die Nordflanke hinunter zum Maurenwald, einer Aufstiegsvariante zur Carschina Hütte vom Inntal. Unzählige Windlippen und Rücken kennzeichnen das Gelände zwischen Drusator und Carschina Hütte. Ihr Anblick lässt das Surferherz im Freerider höher schlagen. Euphorisch ziehen wir die ersten langen Turns des Tages in den Schnee. Zurück an der Hütte treffen wir auf die ersten Tourengeher, die von St. Antönien heraufkommen. Gerade an schönen Wochenenden ist das Plateau zu Füßen der Sulzfluh ein beliebtes Ausflugsziel. Nach einem intensiven frühen Morgen im Schnee steht aber einer ausgedehnten Pause in Gesellschaft nichts im Weg. Die Zeit drängt uns in keiner Weise.
Schließlich ermöglicht die kammnahe Lage der Carschina Hütte auch kurz vor Sonnenuntergang noch einen kleinen Hike, um drei oder vier genussvolle Turns in das rötliche Licht des am Horizont versinkenden Feuerballs zu legen. Beim freudigen Gedanken an die abendliche Runde und den dampfenden Espresso im Winterraum verflüchtigen sich förmlich die letzten Aufstiegsmühen des Tages. Wir sind auf das Nötige beschränkt, da werden gerade die kleinen Dinge besonders wertvoll. Ein simples Zettel und Bleistift beispielsweise, in der digitalen Welt schon fast in Vergessenheit geraten, bekommen jetzt einen emotionalen Wert. Sie teilen das Erlebnis mit den Menschen, die den eigenen Weg begleiten.
Die leise schlagenden Flammen des Holzofens in der nächtlichen Ruhe werfen einen ganz bewegenden Blick auf die Freundschaften. Wieder taucht ein „Warum?“ in meinen Gedanken auf. Warum das Bier auf dem Sofa und die mediale Berieselung vorziehen, wenn man sich hier im Winterraum einer Berghütte ebenso heimisch fühlen kann und derart intensive Momente genießen darf? Gestärkt vom allabendlichen Nudelmahl mit spartanischer Sauce und dem motivierenden Rückblick auf den Tag scheint selbst der Schlaf zwischen trocknender Funktionswäsche und den Daunenjacken als Kopfkissen ein ganz besonderer zu werden. Vorfreude. Auf ein Neues am nächsten Tag! Das reduzierte Leben hier oben scheint so voller Leichtigkeit, erscheint so simpel zu sein, ist letztlich aber alles andere als einfach... Vor allem nicht einfach zu finden.





Fahrer: Tine Huber, Bastian Bäumer, Marcel Zalewski



