BACKLINE Magazin
EN

Norwegen · Stjernøya Island Mountains

Finding Stjernøya

Ausgabe 2014 · Text: Leslie Anthony · Fotos: Mattias Fredriksson · 5 min Lesezeit

Finding Stjernøya

Nach einem langen, lohnenden Tag in den Bergen entlang Norwegens nördlichster Küste waren aus elf Skifahrern aus aller Welt fast richtige Segler geworden. Bei schönstem, für Anfang Mai nördlich des …

Nach einem langen, lohnenden Tag in den Bergen entlang Norwegens nördlichster Küste waren aus elf Skifahrern aus aller Welt fast richtige Segler geworden. Bei schönstem, für Anfang Mai nördlich des Polarkreises untypischem Wetter hingen wir auf dem Deck der 25 Meter langen Zweimaster-Ketsch ab, lasen, schrieben oder standen an der Reling und beobachteten Delfine und riesige Seeadler. Kapitän Charles Wara drehte in seinen sonnenverbrannten Händen eine Karte und zeigte uns die Abfahrten an den Bergen der nahen Küste, wo gigantische Wasserfälle den Fjord wie Silberfäden in einem grünen Wandteppich durchzogen.

Obwohl es unser erster Tag auf der S/Y Goxsheim war und die meisten Crew-Mitglieder schon viele Skitrips in Norwegen erlebt hatten, dachten wir alle: Dies ist der beste Trip, den wir jemals gemacht haben. Der Tag begann früh mit der Überfahrt zu einem Strand mit schwarzem Sand, über den sich Bäche gurgelnd ihren Weg bahnten. Wir liefen durch dichtes Wollgras, über matsch- und schneebedeckte Hänge und gruben uns in den Zwergbirkenwald hinein, der hier jeden Bergfuß ziert. Durch lichter stehende Bäume spurten wir nach oben, folgten einem der vielen Bäche bis in ein von unten uneinsehbares Becken. Über einen felsigen Grat gelangten wir auf ein kupiertes Plateau, das in dieser Region auf den meisten Bergen zu finden ist.

Nach weiteren sonnigen Stunden ließen wir unsere Beine an einem überhängenden Felsblock in die Tiefe baumeln und blickten über den Fjord. Weit unten schaukelte die Goxsheim und erinnerte an einen Holzring an einem smaragdgrünen Finger. Die Abfahrt durch eine flache Talmulde lief schnell in einen steilen Hang aus. Hinter uns staubte es grandios, als wir von Rinne zu Rinne durch perfekten Schnee stoben. Auf einem kleinen, an einen Walbuckel erinnernden Hügel mitten im Schnee schoben wir beim Abschwingen wochenalte Lawinenreste auf den aperen Boden. Unser schwedischer Guide Per Ås, mit Wohnsitz in La Grave, fragte: hinunter zum Boot oder 20 Minuten in ein unbekanntes Tal steigen?

Chad Sayers, Mattias Fredriksson, Janne Tjärnström, Klas Granström, Kapitän Charles und ich zogen die Felle auf, denn was ist besser als eine Tour, die bisher wissentlich noch niemand gemacht hat? Nahe eines teilweise gefrorenen, ultramarinblauen Sees fanden wir unsere Linie: einen Hang mit meterhohem Schnee, umrandet von Felsabbrüchen, die in eine mehrere Kilometer lange natürliche Halfpipe führten. Es folgten Freudenschreie, mit denen keiner gerechnet hatte – auch nicht mit der Rentierherde über einem Birkenwäldchen. Weiter unten waren die kleinen Bäche zu reißenden Schmelzwasserflüssen mutiert – wie bewaffnete Wikinger wateten unsere Skandinavier durch, während Sayers und ich – typische Kanadier – unsere Stiefel auszogen und barfuß durch das eiskalte Wasser stapften, das die Hosenbeine hinaufkroch.

Dann ging es eine Stunde lang durch Moos, Schnee, Gras, Matsch und Sand. Wieder an Bord hingen wir unsere verschwitzten Klamotten auf, sprangen wie Geisteskranke in das kalte Meer und hievten eimervoll gekühltes Bier an Deck. All das wiederholte sich am nächsten Tag. Und am übernächsten... Bis zum Ende der Woche machten wir keine Tour zweimal, fuhren immer neue Linien. Meist mit der Karte in der Hand, sieben bis acht Stunden pro Tag mit 1.000-Meter-Abfahrten von unbenannten Gipfeln bei strahlendem Wetter. „Besser kann es nicht werden“, sagten wir. Doch es wurde jeden Tag besser – besseres Gelände, besserer Schnee... In dieser so einsamen alpinen Gegend ist das leicht vorstellbar, zumal es bisher wirklich schwierig war, hierher zu kommen.

Vor ein paar Jahrzehnten scheiterten Versuche, diesen Teil Norwegens für Tourengeher und Freerider zugänglicher zu machen, weil die meisten Nordamerikaner nicht auf das vermeintlich schlechte Wetter an den Küsten nahe arktischer Breitengrade scharf waren. Als in den 1990ern der italienische Bergführer Lucas Caspari das „Sail & Ski“-Konzept in den Lyngen Alps ins Leben rief, etablierte es sich unter Skandinaviern und Europäern. Der mit Lyngen vertraute Per Ås begann 2005 mit Charles zu arbeiten, der sich die Goxsheim gekauft hatte, um seinen Traum von einer Weltumsegelung zu realisieren. Um diese zu finanzieren, bot er Segeltouren an. Zunächst im Sommer, dann aufgrund der steigenden Nachfrage von Skitourengehern auch im Winter.

Damals benutzte Charles Ski nur zum Langlaufen. Im ersten Jahr brachte er seine Gäste nur von A nach B; sein Angebot war jedoch schnell sehr erfolgreich, und immer mehr Bergführer buchten. Charles besorgte sich eine Tourenausrüstung und schloss sich den Gruppen an, wenn das Wetter passte und das Boot sicher ankerte. Das Tourengehen und die Abfahrten gefielen ihm und er war fast immer mit dabei. Bald erkundete er die weiter entlegenen Fjorde abseits des Hafens von Alta auf Stjernøya (Sterneninsel) – wo auch wir uns hauptsächlich aufhielten. Da die Finnmark, die an Finnland und Russland grenzt, so weit im Norden liegt, bleibt der Schnee in den Fjorden länger und auch in niedrigeren Regionen liegen; zusätzlich ist die Gegend relativ sicher.

Während unserer letzten 24 Stunden machte die Gruppe zwei große Tagestouren. Danach, im bisher schönsten Fjord vor Anker, brachen wir zu einer Tour nach dem Abendessen in der Mitternachtssonne auf, mit Temperaturen weit über dem Gefrierpunkt und berauschenden Abfahrten in kupferfarbenem Licht bis zur Wasserlinie. Unsere allerbeste Tour war die letzte. Früher als sonst zogen wir los und mussten einmal nicht durchs Unterholz robben. Vom Wasser weg führte ein Nordhang auf unsere steilste Tour, durch engere Schluchten und über exponiertere Berghänge als zuvor. Per und Charles hatten das Kartenmaterial gut studiert. Wir erlebten anspruchsvolle Kletterei und wunderbare Ausblicke.

Vögel umkreisten unsere Gipfelbrotzeit aus Tee und Sandwiches, dann ging es ein letztes Mal zum Boot hinab. Vom breiten Gipfel folgten wir der Falllinie in den Abgrund. Die Gruppe teilte sich, die meisten fuhren mit Per in eine steile Passage, Charles und ich nahmen westlich eine längere Abfahrt. An einem gefrorenen Gebirgssee trafen wir uns wieder, und die Route ging durch ein enges, gefrorenes Bachbett, das an einem tosenden Wasserfall endete, der sich direkt ins Meer ergoss. Alles Leben kehrt zurück in den Ozean, so sagt man. Die Goxsheim tanzte auf dem glitzernden Wasser und erwartete unsere Rückkehr.

Finding Stjernøya
© Mattias Fredriksson
Finding Stjernøya
© Mattias Fredriksson
Finding Stjernøya
© Mattias Fredriksson
Finding Stjernøya
© Mattias Fredriksson
Finding Stjernøya
© Mattias Fredriksson

Fahrer: Per Ås, Klas Granström, Chad Sayers, Janne Tjärnström

Mehr aus Norwegen