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Schweiz · Albula Alps (Graubünden)

Gold Rush

Ausgabe 2026 · Text: Franz Thomas Balmer · Fotos: Franz Thomas Balmer · 3 min Lesezeit

Gold Rush

Steile Passagen, ein schmaler Grat und endlose Stille: Das Gfroren Horn auf 2.746 Metern bei Davos liegt verborgen, wo kaum jemand hinsieht. Eine Skitour für alle, die Einsamkeit suchen. Und das Abenteuer im Unscheinbaren finden. Die Hänge glitzern weiss – doch unser Ziel liegt höher. Abgelegener. …

Steile Passagen, ein schmaler Grat und endlose Stille: Das Gfroren Horn auf 2.746 Metern bei Davos liegt verborgen, wo kaum jemand hinsieht. Eine Skitour für alle, die Einsamkeit suchen. Und das Abenteuer im Unscheinbaren finden. Die Hänge glitzern weiss – doch unser Ziel liegt höher. Abgelegener. Kälter. Mit jedem Schritt auf den Fellen wird das Atmen rhythmischer, das Denken leiser. Das LVS ersetzt das Sieb, die Tourenskier das Goldwaschbrett. Wie moderne Goldsucher steigen wir auf. Auf der Suche nach Pulverschnee und einem Moment, der alles wert ist.

Unten im Tal glitzert der Luxus des Weltwirtschaftsforums: Limousinen, die Uhren der Tech-Milliardäre. Doch Led Zeppelin wusste schon: „All that glitters is not gold.“ Das wahre Gold dieses Davoser Winters glänzt nicht im Kongresszentrum, sondern verborgen im Seitental Sertig. Hier zählt kein Börsenkurs, sondern ein Luxus, den man für kein Geld kaufen kann: weisses Gold.

Normalerweise meint es Frau Holle Mitte Januar gut mit Davos. Dieses Jahr herrscht jedoch Arbeitsverweigerung. Die Suche nach Pulverschnee wird zur Schatzsuche – mühsam und ungewiss.

Die bekannten Routen sind längst verspurt. Doch mein Skitourenkumpel Martin und ich haben einen guten Riecher und steigen in den Bus Nummer 308 nach Sertig Sand. Schon nach 25 Fahrminuten fühlen wir uns in eine andere Welt versetzt. Die verschneite Winterlandschaft mit ihren alten Walserhäusern bildet den maximalen Kontrast zur höchstgelegenen Stadt der Alpen. Während unten Sicherheitszäune Davos durchziehen, suchen wir hier oben Freiheit. Ein einsamer Kontrapunkt zum globalen Spektakel im Tal.

Sertig Dörfli liegt auf 1.861 Metern und zählt zu den schönsten Bergdörfern Graubündens. Nur wenige Menschen trotzen hier allen Jahreszeiten. Die Walser kamen im 13. Jahrhundert, rodeten Wälder und errichteten ihre tiefbraunen Häuser aus Lärchenholz. Selbst die alten Speicher stehen noch auf ihren Steinplatten. Wir lassen das denkmalgeschützte Kirchlein „Hinter den Eggen“ von 1699 hinter uns und tauchen tiefer in die Stille ein.

Über Nacht hat der Wind neue Linien in den Schnee gezeichnet. Weiche Wellen, gefrorene Spuren, absolute Einsamkeit.

Nur das Rascheln der Hardshelljacken und das Klicken der Bindungen durchbrechen die Ruhe. „Das Gfroren Horn macht seinem Namen alle Ehre“, sagt Martin und haucht Wärme in seine Finger. Die Sonne versteckt sich noch hinter den Gipfeln. Durch sein Fernglas entdeckt er einen Eiskletterer am gefrorenen Wasserfall – ein fragiler Tanz im bläulich schimmernden Eis.

Der schneearme Winter hat die Landschaft kantig hinterlassen. Wo sonst mächtige Schneedecken die Davoser Bergwelt weichzeichnen, dominiert nackte Geologie. Tiefe Schatten und windgepresste Schneerücken machen jede Rippe sichtbar. Für uns bedeutet das vor allem harte Arbeit. Martin spurt voraus. Mal greifen die Ski kaum auf dem eisigen Untergrund, dann sinken wir überraschend tief in versteckte Schneetaschen ein. Schweiss brennt in den Augen, Kälte kriecht unter die Ortovoxjacke. Genau das ist die Mühsal der Goldsucher. Den Goldrausch muss man sich in diesem Winter verdienen.

Mit jedem Höhenmeter öffnet sich der Blick. Der Aufstieg zieht zunächst durchs Tal, bevor er steil auf die Nordseite führt. Der Schlussgrat wirkt spektakulär. Kaum eine Skischuhbreite trennt Himmel und Abgrund. Jeder Schritt zählt. Die Spannung erinnert an einen Mexican Stand-off aus einem Tarantino-Film.

Dann: Gipfelglück auf 2.746 Metern. „Wow!“ Mehr Worte braucht es nicht. Den Rest erzählt die Bergwelt rund um Martin herum. Der Atem hängt als feiner Nebel in der Luft, die Stille klingt nach.

Drei Linien führen hinab, drei Arten, das eigene Gold zu finden. Die sanfte Variante folgt der Aufstiegsspur. Die Nordflanke ist steil, meist unverspurt und ein Rausch für Könner. Oder die sonnige Südflanke, auf der nur die linke Option sicher an den Felsen vorbeiführt.

Der wahre Goldrausch aber liegt woanders. Im Augenblick, bevor man losfährt. In der Stille, die bleibt, wenn alles gesagt ist. Mit einem leisen Echo von Neil Young im Kopf: „Gold rush, go find your fortune – but don’t you lose your soul.“

Schwarz-Weiß-Aufnahme der verschneiten Kirche Sertig Dörfli vor Bergflanken
© Franz Thomas Balmer
Schwarz-Weiß-Panorama mit Aufstiegsspur durch ein verschneites Hochtal
© Franz Thomas Balmer
Schwarz-Weiß-Blick über zerklüftete verschneite Gipfel rund ums Sertigtal
© Franz Thomas Balmer
Schwarz-Weiß-Aufnahme eines Skifahrers in einem Pulverhang unter Felsgipfel
© Franz Thomas Balmer

Fahrer: Martin Oester

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