BACKLINE Magazin
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Mongolei · Tavan Bogd (Altai)

Into the Unknown – Mongolia

Ausgabe 2013 · Text: Stephan Skrobar · Fotos: Zlu Haller · 4 min Lesezeit

Into the Unknown – Mongolia

Uka, der stets entspannt grinsende Koch, tauschte besorgte Blicke mit Tsogo aus, dem mongolischen Übersetzer. Das Küchenzelt war kurz davor, dem starken Wind nachzugeben. Das Zelt der Mädels hatte …

Uka, der stets entspannt grinsende Koch, tauschte besorgte Blicke mit Tsogo aus, dem mongolischen Übersetzer. Das Küchenzelt war kurz davor, dem starken Wind nachzugeben. Das Zelt der Mädels hatte bereits vor ein paar Stunden aufgegeben. Nun waren wir gefordert, die anderen Zelte so schnell wie möglich mit zusätzlichen Seilen und eilig aus dem frisch gefallenen Schnee gegrabenen Steinen zu sichern. Es war Mitte Mai, es war Winter – und Halbzeit unserer Expedition in das abgelegene Tavan-Bogd-Massiv in der Mongolei. Gefühlsmäßig hatten wir jeden Kontakt zur Außenwelt verloren.

Kälter, windiger und eisiger als erwartet, zeigte sich bei klarem Wetter die Gegend, doch auch beeindruckender und weitläufiger, als wir uns vorgestellt hatten – meist unter einem unvorstellbar blau strahlenden Himmel. Wir wollten in dieser abgelegenen Ecke des Altaigebirges spannende Linien befahren und nebenbei ein paar der 4.000 Meter hohen Gipfel mitnehmen. Melissa Presslaber, eine der besten österreichischen Big-Mountain-Freeriderinnen, hatte die Idee zu diesem Trip und ein Team aus ähnlich ambitionierten Skibergsteigern zusammengestellt: Liz Kristoferitsch, Österreichs erfolgreichste Freeride-Snowboarderin, den umtriebigen Contestfahrer Michi Mayrhofer, den Fotografen Zlu Haller, eine Innsbrucker Boulder-Legende, den erfahrenen Filmemacher Tom Andrillon aus Frankreich und mich, Stephan Skrobar, Leiter eines Freeride-Centers in Österreich.

Die Vorbereitung kostete Zeit, Geld und Nerven und war doch Teil der gesamten Erfahrung. Es galt, Visa und Border-Permits zu organisieren, Impfungen aufzufrischen, Sponsoren anzubetteln, Rettungsmethoden zu wiederholen und letztlich unsere Ausrüstung in Taschen unterzubringen, die Fluglinien und deren Personal nicht zu Wutausbrüchen treiben würden. Letzteres misslang allerdings kläglich. Die allerletzten logistischen Schritte erledigten wir in der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator. Dort war Mongolia Expeditions unser unverzichtbarer Partner für Transport und Verpflegung – und für den so wichtigen Kontakt zur einheimischen Kultur und Lebensweise.

Vor und nach unserem Ausflug in die Berge verbrachten wir einige Tage in Olgii im Bayan-Olgii-Aimag am westlichen Ende der Mongolei. Diese Kleinstadt strahlt eine entspannte Atmosphäre aus; Kühe und rare Verkehrsampeln leben hier in gleichmütiger Eintracht nebeneinander, und die Sonne taucht den Abendhimmel in warmes Magenta. Von Olgii brachen wir zur letzten Etappe unserer Reise gen Westen auf, in die Berge der Tavan Bogd. In einem dieser unzerstörbaren russischen Minivans, die für Straßen gebaut sind, wo es keine Straßen mehr gibt, fuhren wir einen Tag lang durch die Steppe, bis wir das Ende des fahrbaren Terrains erreichten.

Die erste Nacht im Zelt hing jeder seinen Gedanken nach, die zumeist um die Tiere kreisten, die sich draußen vor der Zeltwand herumtrieben: Wildpferde, Schafe, Yaks, Wölfe, Bären, Vielfraße. Kamele transportierten schließlich unsere Ausrüstung über sechs Stunden ins Basislager, während wir immer wieder mit offenem Mund die Berge der Tavan Bogd Range staunten: Alles war größer, weiter, kälter und windiger als erwartet. Sich auf das Tavan-Bogd-Gebirge vorzubereiten, war schwierig. Literatur gab es so gut wie keine. Unsere einzige Orientierungshilfe war der grobkörnige Ausdruck einer russischen Militärkarte aus dem Jahr 1969. Soweit wir wussten, lagen die ersten Skibefahrungen erst zehn Jahre zurück.

Wir mussten uns auf eigene Einschätzung und den täglichen Wetterbericht via Satellit aus Innsbruck verlassen. Die Schneebedingungen waren bissiger als erhofft, die exponierte Lage und die strengen Winde aus China hatten dem Schneedeckenaufbau zugesetzt. Das Skifahren war nicht wirklich lustig. Unser Basecamp lag einigermaßen geschützt hinter der Moräne des gewaltigen Potanin-Gletschers auf knapp 3.100 Metern. Hier drehte sich das Leben primär darum, Daunenschichten zu wechseln, Pferdefleisch zu essen und Diskussionen um die Eispanzer zu führen, die jeden Berg bedeckten, den wir sahen. Die späteren Schneestürme konnten zumindest Letzteres ansatzweise entschärfen. Unser erstes Erkundungsziel lag am Ende einer langen Tour über den Potanin.

Am Gipfel des Nairamdal treffen die Grenzen der Mongolei, Chinas und Russlands aufeinander. Das ist auch schon das Spektakulärste an diesem Berg, abgesehen von der beeindruckenden Aussicht: China zur Linken, Russland zur Rechten – das ist wirklich außergewöhnlich. Es wurde Zeit fürs richtige Freeski-Mountaineering, also die Berge nach interessanten Rinnen und Hängen abzusuchen. Wir begannen mit faszinierenden Couloirs am Burgit, dem Berg gegenüber unserem Basislager. Dann ging es weiter am Naran, einem schönen Knappviertausender zwischen den zwei Gletschern Potanin und Alexander. Manchmal waren wir allein, manchmal in kleinen Teams unterwegs.

Dadurch intensivierte sich zum einen die Gewissheit, weit weg jeglicher Zivilisation und möglicher Hilfe zu sein, verstärkte sich zum anderen aber auch die Notwendigkeit höchster Konzentration – und das Gesamterlebnis. Nach einer Woche fegten zwei Schneestürme durchs Basislager. Wir übten Krisenmanagement, diskutierten Wetterprognosen, verlegten unser Lager in ein widerstandsfähiges Ger, ein traditionelles mongolisches Zelt, spielten Karten oder verkrochen uns in die Schlafsäcke. Als sich die Wolken verzogen, war es noch kälter, die Schneedecke höher und vom Wind verblasen. Stoisch zogen wir unsere Spuren durch riesige Nordhänge, die im Film beeindruckend aussahen, aber weit weg von klassischem Soulskiing waren.

Am letzten Tag schälten wir uns zeitig aus den Zelten, um endlich die beeindruckende Chüiten-Nordostwand zu befahren. Mit 4.374 Metern ist der Chüiten der höchste Berg der Mongolei, und die Prognose versprach kaltes, windiges, niederschlagsfreies Wetter. Die Vorhersage behielt nur teilweise recht: Als wir nach sieben Stunden den Gipfelgrat erreichten, schnalzte uns ein weiterer Schneesturm aus China die Gipfel- und Abfahrtsfantasien aus dem Gesicht. Wir taten das einzig Vernünftige und drehten um, auch wenn es frustrierend war. Einige Tage später kehrten wir nach Olgii zurück – mit zwiespältigen Gefühlen der Erfolglosigkeit. Aber es war natürlich kein Misserfolg. Vielmehr war es ein unglaubliches Abenteuer in einem einzigartigen Land.

Into the Unknown – Mongolia
© Zlu Haller
Into the Unknown – Mongolia
© Zlu Haller
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© Zlu Haller
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© Zlu Haller
Into the Unknown – Mongolia
© Zlu Haller

Fahrer: Liz Kristoferitsch, Michi Mayrhofer, Melissa Presslaber, Stephan Skrobar