Schweiz · Mischabelmassiv
Just Like a Dream
Ausgabe 2025 · Text: Giacomo Meneghello · Fotos: Giacomo Meneghello · 3 min Lesezeit

Die 4000er der Alpen üben seit jeher eine besondere Faszination aus. Es ist die Anziehungskraft der Hochgebirge – majestätisch, abgelegen, überwältigend – aber auch der zutiefst menschliche Wunsch nach Anerkennung, Höhe und Erfüllung. Viele zieht es zu den berühmten Gipfeln: Matterhorn, Weisshorn, …
Die 4000er der Alpen üben seit jeher eine besondere Faszination aus. Es ist die Anziehungskraft der Hochgebirge – majestätisch, abgelegen, überwältigend – aber auch der zutiefst menschliche Wunsch nach Anerkennung, Höhe und Erfüllung. Viele zieht es zu den berühmten Gipfeln: Matterhorn, Weisshorn, Alphubel. Doch selbst unter den Ikonen gibt es sie noch – Stille, Einsamkeit, Klarheit. Man muss nur den richtigen Moment erwischen. Spätfrühling im Wallis. Die Lifte stehen längst still, die Hütten sind geschlossen. Doch für manche ist genau jetzt die Zeit, in der sich die Berge wirklich öffnen und von ihrer stillsten Seite zeigen. Wir waren zu viert und erreichten den Winterraum der Täschhütte.
Überraschend komfortabel: Holzbetten mit Daunendecken, eine ausgestattete Küche, Feuerholz, sogar sanitäre Anlagen. Fast zu luxuriös für uns, die an kalte Biwaks, gefrorene Schuhe und Schnee als Teewasser gewöhnt sind. Doch es ging nicht um Komfort – sondern um Präsenz, geteilte Stille, einfaches Zusammenspiel: Wasser schmelzen, Ofen anfeuern, gemeinsam kochen. Alltägliche Handgriffe, die in der Höhe essenziell wirken – weil hier alles bewusster wird. Wir stiegen am Nachmittag von der Täschalp auf. Unten war der Schnee bereits verschwunden, doch oben hielten die Gipfel ihr winterliches Gesicht. Als wir die Hütte bei letzter Helligkeit erreichten, schweiften unsere Blicke längst zu den Graten.
Wir versuchten, die Berge auf klassische Weise zu erkennen – ohne Apps, ohne GPS. Nur mit Karte, Erinnerung und reiner Vorstellungskraft. Und einem Hauch Vorfreude. Die Sterne erschienen früh und wurden schnell immer mehr. Wir stiegen ein Stück den Hang hinauf, stellten unsere Stirnlampen an und warteten. Dann kam der Sonnenaufgang. Rosarotes Licht überflutete das Mischabelmassiv. Ein perfektes Bergtheater – und wir in der ersten Reihe. Die Zeit stand still. Worte waren überflüssig. Das erste Ziel: der Alphubel. Von der Täschhütte aus bietet der Südostgrat einen konstanten Anstieg. Nach einem kurzen Steilstück öffnete sich der breite, vergletscherte Gipfel. Und wir waren allein – auf einem der meistbestiegenen 4000er der Alpen. Auf der Saas-Fee-Seite bringen Lifte sonst Massen hinauf. Heute nicht. Nicht zu dieser Jahreszeit. Die Abfahrt: glatt, weiß, traum-
haft. Zurück am Pass stiegen wir auf den Feechopf – ein kleiner Gipfel mit großem Panorama. Eigentlich wollten wir weiter zum Allalinhorn. Doch der Grat war grenzwertig, zu verschneit, zu ausgesetzt – zu heikel. Wir änderten den Plan. Das Wetter war zu gut, unsere Energie zu hoch. Also weiter zum Strahlhorn. Wir querten den Mellichgletscher, erreichten den Allalinpass und begannen den langen, zähen Schlussanstieg. Der Hang zog sich ins Endlose. Als endlich der felsige Gipfelgrat auftauchte, waren wir erschöpft – und glücklich. Ein Gipfel ohne Geräusche, ohne Konkurrenz – nur der Berg, der Wind, die Sonne. Genau das hatten wir gesucht. Einen Ort, den man nicht nur erreicht, sondern fühlt.
Zurück in der Hütte schien alles besser: das Bier kälter, die Pasta würziger, die Stille noch goldener. Vielleicht lag es an uns. Mit der Dämmerung senkten sich auch unsere Lider – wie ein Vorhang nach einem intensiven Tag. Am nächsten Morgen: das Rimpfischhorn. Kürzer, aber technisch anspruchsvoller. Wir folgten unseren Spuren zurück und ließen die Ski für die letzten 200 Höhenmeter stehen – jetzt brauchten wir Pickel und Steigeisen. Eine schmale Rinne führte auf einen ausgesetzten Grat. Schritt für Schritt näherten wir uns dem Gipfelkreuz. Wieder waren wir allein. Unter uns zogen sich die Spuren vom Vortag wie Erinnerungen über den Gletscher. Lange blieben wir nicht. Die Sonne stieg höher. Der Firn würde nicht
ewig halten. Wir stiegen rasch ab, schnallten an, als der Schnee perfekt aufgefirnt war. Butterweich, schnell, schwerelos. Jeder Schwung schrieb Freude in den Hang – wie eine Zeile, die man nie mehr vergessen möchte. In der Hütte bewegten wir uns nur noch langsam. Der Zauber war nicht verflogen – er war in uns übergegangen. Wir wollten nicht weg von hier. Doch wir würden es mitnehmen – dieses Gefühl, diese Tage, diese Wahrheit. Derartige Momente vergehen nicht. Sie bleiben. Vielleicht wegen der Gipfel. Vielleicht wegen der Menschen. Vielleicht wegen des Traums. Und ja – wir kommen wieder. Nächstes Frühjahr. Oder schon früher.





Fahrer: Lorenzo Filisetti, Maurizio Magatelli, Federico Magatelli



