BACKLINE Magazin
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Deutschland / Österreich · Allgäu Alps (Hornbachkette)

Lessons in Paradise

Ausgabe 2011 · Text: Martin Fiala · Fotos: Anton Brey · 5 min Lesezeit

Lessons in Paradise

Nach einem aufregenden olympischen Winter 09/10 mit vielen Reisen freute ich mich darauf, einen ruhigen Sommer und einen hoffentlich schneereichen Winter 10/11 daheim im Allgäu zu verbringen. Im …

Nach einem aufregenden olympischen Winter 09/10 mit vielen Reisen freute ich mich darauf, einen ruhigen Sommer und einen hoffentlich schneereichen Winter 10/11 daheim im Allgäu zu verbringen. Im Frühsommer hat es mich nach längerer Zeit in die Hornbachkette verschlagen. Die Hornbachkette gehört, obwohl sie nahezu vollständig auf der österreichischen Seite des Lechtals liegt, zu den Allgäuer Alpen. Sie besteht aus rund 35 Gipfeln, die sich – ein Berg schöner als der andere – wie auf einer Perlenkette aneinanderreihen. Im Norden wie im Süden finden sich gewaltige Kare. Der höchste Gipfel – der Große Krottenkopf – bringt es immerhin auf 2.656 Meter. Es ist aber nicht die Höhe, die den besonderen Reiz dieser Bergkette ausmacht.

Es ist vielmehr die einmalige Lage, die Abgeschiedenheit, das völlig Unerschlossene wie auch die Bergeinsamkeit, die man hier nördlich des Lechtals noch findet. Diese eine zufällige Tour war die Initialzündung, denn mir fielen sofort die unzähligen, faszinierenden Freeridelines auf. Ich beschloss – bis zum Winter möglichst viele Touren zu unternehmen und die Gegend genau kennenzulernen, um dann im Winter – so nahm ich es mir zumindest großspurig vor – an allen 35 Gipfeln je eine schöne Line zu ziehen. Bis zum Spätherbst 2010 wurden es immerhin 22 wunderschöne Gipfeltouren in der Hornbachkette und mir dämmerte es langsam, dass ich mir da ganz schön was vorgenommen hatte. Der Winter 10/11 ließ auf sich warten und kam recht spät.

Er brachte neben vielen Traumtagen auch einige eindrucksvolle Nachhilfestunden mit sich. Die erste Lektion erfolgte im Dezember. Es lag zwar bereits ein Meter Schnee in höheren Lagen, die Grundlage fehlte jedoch komplett. Nach einigen recht „materialintensiven" Versuchen wurde mir klar, dass ich einfach noch warten musste. Weitere Schneefälle brachten dann eine sehr labile Lawinenlage um die Weihnachtszeit. Nach dem Motto „lieber halb voll, als halb leer" übte ich mich also in der fortgeschrittenen Tugend der Geduld und des positiven Denkens und machte einige kleinere Erkundungstouren. Silvester wurde gestrichen, es war endlich so weit! Der Wecker ging am Neujahrstag um 5.30 Uhr, ein Traumtag kündigte sich an.

Gut eine Stunde später habe ich mich mit dem Fotografen Anton Brey im Lechtal getroffen und wir gingen in Häselgehr los. Die Spannung wuchs während des Zustiegs durch das Haglertal mit jedem Schritt. Die Verhältnisse waren diesmal richtig geil. Unser Ziel war das Sattelkar. Hier habe ich bei meinen Erkundungen einige schöne Rinnen gesichtet und war ziemlich gespannt, welche Verhältnisse uns oben erwarten würden. Im Sattelkar angekommen, kam ich mir wie im Freeride-Schlaraffenland vor. Welch ein Luxus, die Qual der Wahl zu haben! Warum in die Ferne schweifen, denn das Gute liegt so nah. Wie schlau doch Johann Wolfgang von Goethe war.

Die südwestliche Exposition hatte bereits vom Vortag einen leichten „Deckel" und war an diesem Tag deshalb nur zweite Wahl. Ich entschied mich für die südöstliche Rinne am östlichen Ausläufer der Noppenspitze. Durch das Fernglas sah es so aus, als ob man bis zu der Schulter hochsteigen könnte. Die Rinne weist im oberen Bereich circa 50 Grad auf und mündet in Felsplatten mit circa 60-65 Grad. Wird es gehen? Ist es wirklich sicher? Ich sprach mich mit Toni ab und ging los. Die Verhältnisse waren klasse, rund 20 Zentimeter gesetzter Neuschnee, darunter ein guter Deckel. Nach circa 20 Minuten musste ich die Felle abziehen und die Ski auf den Rucksack schnallen. Jetzt ging die echte Viecherei los.

Es wurde immer steiler, knietief, 160 Puls, 20 Schritte, kurze Pause, wieder 20 Schritte. Ich ging immer wieder die Line im Geist durch und war extrem gespannt. Unter den Platten wurde es plötzlich hüfttief. Sie waren ziemlich glatt und ich kam mit den Skischuhen keinen Zentimeter mehr weiter. Ich beschloss deshalb, hier zu starten. Erst einmal hieß es, den Puls wieder runterbringen. Die kommenden Routinehandlungen beruhigten mich. Helm anziehen, Brille auf, Helmcam checken, Skischuhe zuknallen. Beim Skianziehen wurde mir wieder bewusst, wie steil die Gaudi hier war. Dennoch: „Was für ein Privileg, hier oben zu stehen", dachte ich mir. Letzter Check – alles ok! Es folgten 30 Sekunden, die für mich so vieles sinnvoll machen.

Das war Motivation für mehr! Im Januar war ich in die Organisation des ersten Ski Cross Weltcups in Deutschland stark involviert und musste mich also bis Ende Januar erneut gedulden. Gleich nach dem Weltcup verabredete ich mich erneut mit Toni, um eine Line an der Kreuzkarspitze anzugehen. Der Aufstieg durch das Haglertal war angenehm. Nach circa 1.000 Höhenmetern standen wir vor dem Luxnacher Sattel auf 2.093 Meter. Die Exposition des Aufstiegshanges in den Sattel ist Nordost bis Ost. Von unten konnten wir die Windverfrachtungen sehen, mit vernünftiger Spurwahl schien es uns jedoch machbar und im grünen Bereich.

Ich wusste, dass unter dem Felsriegel ein circa ein Meter breites Band liegt, das einen Durchstieg zum Sattel im steilsten Bereich sicher ermöglichen würde. Der direkte Zustieg war komplett eingeweht, die Wechte lachte uns von unten mahnend an. Anton ließ einen guten Abstand. Ich setzte die letzte Kehre an, ging circa fünf Meter, weitere vier Meter trennten mich noch vom Felsriegel. Genau in diesem Augenblick krachte es, WUMM! Ein ungefähr zehn Zentimeter breiter Riss über eine Länge von fünf Metern und 30 Zentimetern Tiefe öffnete sich zwischen meinen Beinen. Mein Adrenalinspiegel lag über meinem Kopf. Ich machte die nächsten Schritte zum Felsriegel wie auf Watte, stand nun mit 200 Puls auf festem Boden. Anton kam sehr vorsichtig nach.

Es ging nochmal gut an diesem Tag und mit noch geschärfteren Sinnen und noch mehr Umsicht auch bei den weiteren zehn Befahrungen in der Hornbachkette bis zum Ende des Winters. Zwischenzeitlich sind seit dem ersten Ausflug in die Hornbachkette 16 Monate vergangen und ich durfte über 50 Tage in dieser so wundervollen Bergkette verbringen. Ich lernte sie nicht nur sehr gut kennen, sondern auch lieben. Sie gab mir reichlich zurück und lehrte mich auch, insbesondere Geduld zu haben. Naja, für einen „Geduld-Jedi" langt es sicher noch nicht ganz, aber die erteilten Nachhilfestunden sitzen.

Ich freue mich nun auf die weiteren Gipfel in der noch unentdeckten Hornbachkette und hoffe auf einen schnee- und erlebnisreichen sowie sicheren Winter 11/12 und wenn es sein muss – aber nur wenn es wirklich sein muss... eben auch als „Geduld-Jedi".

Lessons in Paradise
© Anton Brey
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© Anton Brey
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© Anton Brey

Fahrer: Martin Fiala