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Schweiz · Val Maighels (Surselva)

NoMansLand

Ausgabe 2021 · Text: Ricarda Schneegass · Fotos: Anton Brey · 5 min Lesezeit

NoMansLand

Steil ist geil. Nur die Harten kommen in den Garten. Ohne Fleiß kein Preis. Muss das immer so sein? Kann man sich nicht auch einfach über sanfte Hänge, gemütliche Hütten und entspannte Tagestouren …

Steil ist geil. Nur die Harten kommen in den Garten. Ohne Fleiß kein Preis. Muss das immer so sein? Kann man sich nicht auch einfach über sanfte Hänge, gemütliche Hütten und entspannte Tagestouren freuen, ohne dass sich immer gleich der Ehrgeiz meldet? Oh doch, man kann, oder in unserem Fall Frau kann. Der Winter 2020/2021 hatte nicht nur gut begonnen, sondern zeigte sich auch Mitte März noch einmal von seiner allerbesten Seite: viel Neuschnee und noch immer eine ausreichende Unterlage bis ins Tal. Kurzfristig, und aufgrund des aktuellen Wetterberichts, entschieden wir uns für ein Wochenende in der Surselva. Ein entspanntes Wochenende. Stress gibt es in den Zeiten von Corona schon genug.

Entspanntes Skitourengehen, coole Abfahrten, aber auch guter Kaffee, gutes Essen und guter Wein. Die Surselva ist eine Region in Graubünden. Der ein oder andere kennt vielleicht eher die nahegelegenen Freeride-Destinationen Disentis oder den Oberalppass. Vor einigen Jahren war ich schon einmal hier, um im Sommer mit einem der zwei hauptberuflichen „Strahler“ der Schweiz und meinem damals elfjährigen Sohn auf Schatzsuche zu gehen. Die Gegend ist bekannt für die vielen Bergkristalle, die sich über Jahrtausende formiert haben. Strahlen – so heißt das Bergkristallsuchen – hat hier lange Tradition, und nach wie vor liegen viele Schätze verborgen unter Gletschern. Dieses Mal ist erst März und wir sind gerade in Sedrun angekommen.

Bereits das vierte Jahr in Folge hat sich unsere rein weibliche Truppe zum Skitourengehen verabredet. Kaum sind alle da, schon geht es los: „Sooo schön, hier zu sein!“ „Ich bin jetzt schon glücklich!“ „Passt meine neue Brille zum Helm?“ Eigentlich ist alles wie immer: Bettina, die Gynäkologin, gibt die besten Geschichten der letzten Monate preis; Kathrin und Sirma schildern den Wahnsinn ihres anspruchsvollen Berufs plus Homeschooling mit drei kleinen Kindern. Wir nehmen uns nicht allzu ernst, es wird viel gelacht. Das war schon immer so bei unserem jährlichen Trip. Ein Unterschied zu den vergangenen Jahren wird aber offensichtlich: Alle wollen entspannen.

Der innere Schweinehund spielt dieses Jahr, nach den entbehrungsreichen Monaten des Corona-Winters, keine allzu große Rolle. Deswegen einigen wir uns darauf, erst den späteren Zug zu nehmen und ratschen und trinken noch bis weit nach Mitternacht. Für alle ist am nächsten Morgen beim Blick aus dem Fenster sofort klar: Genau so haben wir uns das vorgestellt. Alles glitzert, die Welt der Surselva strahlt – auch unter der Schneedecke – und wir sind mittendrin. Nach dem Frühstück mit dem besten Bergkäse den wir je gegessen haben, packen wir die Rucksäcke. Die Nacht werden wir am Berg auf der Maighelshütte verbringen. Mit dem Zug geht es zum Oberalppass. Wir steigen nicht alleine aus: Mit uns macht sich eine größere Schneeschuhtourengruppe fertig.

Schon eine etwas schräge Bewegungsform: Die Armen müssen sogar bergab gehen anstatt zu fahren! Kurz vor der Hütte ziehen wir Richtung Piz Badus. Mäßig steile Hänge, keine Spuren und wegen der kühlen Temperaturen alles noch so richtig schön weich. Was will man mehr? Gegenüber sehen wir die Schneeschuhgruppe. Sie stapfen den Weg vom Piz Cavradi herunter, der offensichtlich ihr heutiges Ziel war. Sollten wir Mitleid haben? Egal – spätestens bei unseren ersten Schwüngen sind wir in einer anderen Welt. Wir sehen einander beim Fahren zu und freuen uns. Skifahren ist doch einfach der Wahnsinn! Später am Nachmittag und am Abend freuen wir uns auf der gemütlichen Hütte über den Tag. Über das Skifahren.

Über die zurückgewonnene Freiheit und auch darüber, sich einmal nichts beweisen zu müssen oder zu wollen. Es gibt keine selbst verordneten Herausforderungen. Ist uns deswegen langweilig? Keinesfalls. Der nächste Tag startet mit Schneegestöber. Wir frühstücken trotzdem halbwegs motiviert und essen den zweitbesten Bergkäse der Welt. Unser heutiges Ziel: der Piz Borel. Ein idealeres Gelände für ratschende Ladies gibt es kaum. Zunächst geht es im flachen Talboden entlang, erst ganz zum Ende der Tour wird es steiler und aus vier Spuren nebeneinander wird schließlich eine. Inzwischen lugt die Sonne immer wieder zwischen den Wolken hervor: Beeindruckend, wie Licht die Szenerie verändern kann!

Zur Abfahrt meint Julie, sie sei noch nie in so guten Bedingungen unterwegs gewesen. Und das ganz ohne vorherige Quälerei – und vor allem fast ganz allein. Wieder bestätigt sich, dass Skifahren zu den besten Beschäftigungen der Welt zählen muss! Zurück in Sedrun hat unser liebenswertes Gastgeberehepaar heute ein Käsefondue vorbereitet. Der Käse schmeckt hier einfach in allen Aggregatzuständen! Was hat Harald Juhnke einmal geantwortet, als er nach seiner Definition von Glück gefragt wurde? „Leicht einen sitzen und keine Termine mehr“. Genau. So ähnlich geht es uns gerade auch. Und das, obwohl sich keine von uns konditionell oder technisch verausgabt hat. Für den letzten Tag haben wir uns den Piz Maler vorgenommen.

Ein idealer Skitourenberg: zuerst recht schnell Höhenmeter machen, dann mit einer wundervollen Aussicht in alle Richtungen an einem Bergkamm entlang. Die Harscheisen können wir gut brauchen, der Bergrücken ist teilweise rutschig und abgeblasen. Trotzdem kosten wir jede Minute aus. Es schwingt aber auch schon etwas Wehmut mit, denn unser Ausflug neigt sich dem Ende entgegen. Drei Tage sind einfach zu kurz. Lange suhlen wir uns aber nicht in diesem Gefühl. Hinter uns kämpfen sich zwei Skitourengruppen mit lokalen Bergführern hinauf. Da wird ganz schön aufs Gas gedrückt. Samt freigepickelter Spitzkehren-Plateaus. Wir wundern uns über ihre verbissen wirkenden Gesichter. Sehen wir auch manchmal so aus? Egal. Heute ist es auf alle Fälle ganz anders.

Ganz auf den Piz Maler gehen wir an diesem Tag nicht mehr. Es zieht nämlich rasch zu und die letzte Abfahrt des Wochenendes wollen wir nicht im Nebel herumstochern. Lieber wollen wir sie mit den restlichen Sonnenstrahlen noch einmal genießen!

NoMansLand
© Anton Brey
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© Anton Brey
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© Anton Brey
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© Anton Brey
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© Anton Brey

Fahrer: Ricarda Schneegass, Bettina, Kathrin, Sirma, Julie

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