Schweiz · Bernese Alps (Lauteraarhorn)
On the Trail of Science
Ausgabe 2018 · Text: Ben Tibbetts · Fotos: Ben Tibbetts · 4 min Lesezeit

Der Weg zum Aarbiwak am Fuß des Lauteraarhorns ist einer der schönsten der Alpen. Die monumentale Größe des Geländes in Verbindung mit dem schwierigen Zugang lässt das Gebiet besonders wild …
Der Weg zum Aarbiwak am Fuß des Lauteraarhorns ist einer der schönsten der Alpen. Die monumentale Größe des Geländes in Verbindung mit dem schwierigen Zugang lässt das Gebiet besonders wild erscheinen. Der Zustieg ist auch der anstrengendste an einen Viertausender. Nach den bahnbrechenden Forschungen von Franz Hugi am Unteraargletscher verbrachten Louis Agassiz und seine wissenschaftlichen Kollegen Édouard Desor und Charles Vogt fünf Sommer auf dem Unteraar. Ab 1840 führten sie Experimente an den umliegenden Gletschern durch und machten mehrere Erstbegehungen. Im August 1842 näherte sich Desor von Süden her dem Lauteraarhorn.
Die Südwand besteht aus 900 Meter Aufstieg durch Schnee und Eis mit bis zu 45 Grad Neigung, der letzte felsige Grat ist eine außergewöhnlich exponierte Herausforderung. 8. Mai 2018. Die Sonne ging langsam auf, als wir unseren Weg durch den von Lawinen zerstörten Wald suchten. Der erste Blick über das weite Unteraarbecken auf das Lauteraarhorn war ernüchternd. Der Berg wirkte unglaublich steil und auch die Strecke dorthin schien in einem Tag nicht machbar zu sein. Wir näherten uns dem Grimselsee und fuhren mit Ski über einen massiven Lawinenkegel weiter nach unten. Laut Karte standen wir nun mitten im See. Die Entfernung schien nicht unbedingt weniger zu werden, aber wenigstens mussten wir nicht auch noch um den See herumspuren.
Es wurde gerade wärmer, als wir unter den imposanten Klippen des Unteraartals weiterliefen. Nach stundenlangem, leider sehr langsamem Vorankommen erreichten wir schließlich um 13 Uhr das Aarbiwak, eine ruhige und abgeschiedene Hütte, klein aber gemütlich, versteckt unter den Klippen gleich oberhalb des Gletschers. Um 2:30 Uhr morgens zogen wir wieder los. Als wir den Gletscher im Dunkeln mit Fellen hinaufliefen, stand der riesige Berg direkt vor uns und verdeckte die Sterne. Die Kühnheit von Desors Team erstaunte mich, hatten sie sich einst hier mit Nagelschuhen auf den Weg gemacht. Nach einer Schlechtwetterperiode in der Mitte ihrer Forschungen im Jahre 1842, besserte sich das Wetter für die Wissenschaftler endlich. Am 8.
August eilte Desors Reiseleiter, Jacob Leuthold, aus dem Grimsel Hospiz herbei und erreichte Unteraar um 6:30 Uhr. „Die Besonnenen unter uns schlugen vor, bis zum nächsten Tag zu warten“, schrieb Desor, „aber der Wunsch, den so lange aufgeschobenen Plan auszuführen, ließ keine weitere Wartezeit zu.“ Sie verließen in Eile das Lager, erreichten um 10 Uhr morgens die Südwand und begannen zu klettern. „Das Eis war extrem hart, die Axt ging nur schwer hinein.“ [1] Valentine, Stuart, Lara und ich hatten uns im Dunkeln denselben Hang hinaufgearbeitet. Es wurde immer steiler und wir kamen beim ersten Tageslicht im oberen Couloir an. Der Schnee war in perfektem Zustand, tief und gut gesetzt.
„Der letzte Abschnitt war der gefährlichste und wegen der Steilheit des Hanges furchterregend“, schreibt Desor. Sein Team ließ die Äxte zurück, bevor es über den letzten Grat stieg... „und nahm nur ein wenig Brot, Wein und unsere wissenschaftlichen Instrumente mit... Zuerst erschien dies recht angenehm, nachdem wir jedoch einhundert Meter geklettert waren, befanden wir uns plötzlich an einem Felsüberhang, der vom Hauptberg durch einen scharfen Einschnitt von drei oder vier Metern getrennt war und uns den Weg versperrte... Es war der schönste Moment des Aufstiegs, da der Gipfel nur hundert Meter von uns entfernt war.“
[2] Nachdem ich moderne Beschreibungen dieses letzten Felsgrates gelesen hatte, der nur mit II+ bewertet wurde, erwartete ich einen schnellen Aufstieg zum Gipfel. Ich freute mich unglaublich über das herrliche Morgenlicht, und Valentine und ich rannten förmlich zu dem Kamm, um weitere Fotos zu machen. Wir erreichten bald den genannten Überhang und sahen überrascht über den Rand. Ich erinnerte mich vage daran, dass man diesen Felspfeiler nach Süden umgehen kann. Die überhängende Seite schien jedoch durch Steigeisen gut griffig, also rollte ich meine Beine vorsichtig über die Kante und ließ mich vorsichtig in den Einschnitt hinunter. Wenig später überraschte uns auch die Griffigkeit auf dem Grat darüber. Der Fels was glücklicherweise hervorragend.
Valentine und ich kletterten vorsichtig ohne Seil und erreichten den Gipfel um 7:30 Uhr. Wir schrieben unsere Namen in das Gipfelbuch und setzten uns für eine halbe Stunde in die Sonne und genossen die Ruhe. Vor uns lag der Südpfeiler des Schreckhorns, der uns in eisbedecktem Zustand vergangenen Sommer solche Schwierigkeiten bereitet hatte. Mein Blick fiel auf das lange Unteraartal und den weit entfernten Hügel, den wir auf unserem Rückweg noch besteigen mussten. Vorsichtig kletterten wir schließlich wieder hinunter. Wir sahen unsere Freunde am Fuß des Hanges auftauchen und langsame Schwünge machen, bis sie außer Sichtweite verschwanden.
Als wir nachts nach oben gestiegen waren, war der Schnee in der Südwand griffig und sogar mit Neuschnee vom Vorabend bedeckt. Ich begann, die Dauer unseres Abstiegs auszurechnen und fragte mich, ob wir direkt hinabsteigen und noch am Grimselsee vorbeikommen könnten, bevor es zu warm werden würde. Um 9 Uhr schnallten Valentine und ich auf 3.900 Meter die Ski an und fuhren in den Hang ein. Ich fuhr als Letzter. Das erste schmale Couloir war unheimlich steil und eisig. Ich zog meinen Eispickel heraus und rutschte vorsichtig nach unten. Der Hang wurde nach ein paar Metern breiter, und als es etwas flacher wurde, wurde die Abfahrt eher berauschend als beängstigend. Es ist selten, das Privileg zu haben, in einer so wilden Umgebung einen derart großartigen Hang zu fahren. Leider waren wir nur viel zu schnell unten.





Fahrer: Valentine Fabre, Lara Kesterton, Stuart Johnston



