Italien · Pala Group (Dolomiten)
Only as old as you Feel
Ausgabe 2018 · Text: Giovanni Spitale · Fotos: Damiano Levati · 4 min Lesezeit

Es war einmal zu einer Zeit, als es hier immer Schnee zu geben schien. In den länger werdenden Novembernächten kuschelten sich die Kinder in den Ställen aneinander, hörten alte Geschichten und …
Es war einmal zu einer Zeit, als es hier immer Schnee zu geben schien. In den länger werdenden Novembernächten kuschelten sich die Kinder in den Ställen aneinander, hörten alte Geschichten und wärmten sich an den Tieren. Ihre Gedanken, ihre Träume und Wünsche flogen weit weg zu den Wolken. Die erste Schneeflocke war immer ein Ereignis. Von da an war es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie Skifahren konnten. Skifahren ist vielleicht ein bisschen übertrieben. Alles, was sie hatten, waren ein paar Fassdauben mit etwas zum Halten ihrer Füße. Aufgenagelte, alte Pantoffeln, heimlich von einer Tante gestohlen, waren zum Beispiel perfekt. Es gab keine Lifte. Keine Hubschrauber. Keine Schneemobile. Es gab so gut wie nichts. Nur diese unglaublichen Berge.
Zu Fuß stiegen die Kinder den Hang oberhalb des Dorfes hinauf. Die hohen Berge waren zu steil, zu gefährlich, zu weit weg. Dann rutschten sie irgendwie nach unten, am besten mit ein paar Schwüngen. Runter, dann wieder rauf. Ihr Atem gefror in ihren Wollschals und legte sich auf ihre schneebedeckten Kleider. Wieder hinunter, wieder hinauf, bis sie nicht mehr konnten. Viele waren damit bereits glücklich. Viele, aber nicht alle, denn es gibt immer jemanden, der das möchte, was sich niemand anders vorzustellen wagt. Dieser Jemand fragte sich, wie es sich wohl anfühlen würde, die steilen Berge, die engen Couloirs hinunterzufahren. Verrückt. Arnaud, Aaron und Eric klettern schnell nach oben.
Das Couloir verbreitert sich und es dauert nicht lange, dann traversieren sie nach links. Sie schnallen ihre Skier ab und ziehen Eispickel und Steigeisen heraus. Sie folgen dem schmalen Grat zum Gipfel und spüren die Leere um sich herum, die eine fast schon ohrenbetäubende Präsenz hat. Es ist früh am Morgen. Die Sonne, die gerade über dem Plateau aufgegangen ist, beginnt, die Gipfel der Pale zu streicheln. Einige Strahlen durchschneiden die dünne Luft. Die Steigeisen, die nicht einmal eineinhalb Kilo wiegen, lassen winzige blaue Eissplitter aufspritzen. Die leichten Skier ragen an den Rucksäcken der drei Bergsteiger geradeaus in den Himmel. Ihre scharfen Kanten glänzen im Morgenlicht und schneiden vorerst nur durch die Luft.
Es gab eine Zeit, da war alles anders. Um richtige Skier zu bekommen, musste man viel Glück haben: Wenn man die richtigen Freunde hatte, würde man vielleicht ab und zu ein ausrangiertes Paar ergattern. Vielleicht musste man sie reparieren; vielleicht waren sie zu lang und mussten abgeschnitten werden. Im Vergleich zu Fassdauben ein Traum. Mit diesen Skiern konnte man richtig etwas anfangen, schnell fahren wie die Champions. Wie Zeno Colò, der das Kleine Matterhorn mit 160 km/h herunterraste. Man musste nur einen zusätzlichen Pullover tragen und dann einfach weiter nach oben klettern. Wer hat behauptet, dass man dieses Couloir nicht herunterfahren kann? Arnaud ist 32 Jahre alt und fährt Ski, seit er stehen kann. So laufen die Dinge in seiner Familie.
Erst fuhr er in der Schweiz auf seinen Heimatbergen. Dann ging es in die große Welt hinaus. In den letzten dreißig Jahren ist er so ziemlich überall Ski gefahren: von den Alpen bis zu den Rockies, von Alaska bis in den Iran. Aber seit er die Pale di San Martino entdeckt hat, vergeht kein Jahr, in dem er nicht mit Freunden aus der Umgebung loszieht. Diese Berge bestehen nur aus Fels und Kontrasten. Trotzdem, oder wahrscheinlich gerade aus diesem Grund, sind sie unwiderstehlich. Couloirs mit so markanten und verspielten Linien sind nur in der Pale zu finden. Hier muss man einfach Ski fahren. Eric, der etwas langsamer unterwegs ist, bleibt kurz stehen. Er ist hier zu Hause, er wurde in diesen Bergen geboren, kennt sie wie seine Westentasche.
Jedes Tal, jeden Stein. Er sieht zu, wie seine Freunde nach oben klettern, eingepackt in atmungsaktive und wärmende Kleidung, die sich gegen den Himmel abhebt. Er lächelt. Aus diesem Grund, genau aus diesem Grund, liebt er es, Menschen zur Pale zu bringen. Jedes Mal ist es wie beim ersten Mal. In ihren staunenden Blicken findet er, was er als Kind gefühlt hat, bei seinen Erstbegehungen. Die ständige Wiederentdeckung der Schönheit, die sie umgibt, ist etwas so Zartes, etwas, dem sie sich mit Leidenschaft und Liebe widmen können. Aaron beginnt, seine Abfahrtslinie zu suchen. Seine Augen erforschen die Schneedecke im Inneren des Couloirs und stellen sich vor, wo er seine Schwünge auf die makellose Oberfläche setzt.
Er hält an Felsstufen und engen Passagen, beurteilt Höhe und Risiko mit der Sorgfalt eines Uhrmachers, der seine Mechanik überprüft. Er sieht zum Dorf hinunter, unten ins Tal, das noch im Schatten liegt. Er atmet ein Stück Himmel ein. Ruhe. Nur der zarte Klang der immer kürzer werdenden Schwünge der Freunde sind in diesem Moment zu hören. Arnaud und Eric werden langsamer und fahren nach links, um ein Cliff zu umfahren. Aaron schiebt an und fährt ihnen hinterher. Weit weg, unten im Dorf, zieht eine Hand, von neunzig Wintern deutlich gezeichnet, den Vorhang zur Seite, um einen Blick nach draußen zu werfen. Das trübe Augenpaar leuchtet für einen Moment noch so auf wie damals, als es nur Fassdauben zum Skifahren gab. „Warum nicht?“ flüstert seine Stimme... „Alt ist doch nur, wer sich alt fühlt. Ich gehe heute Skifahren.“





Fahrer: Arnaud Cottet, Aaron Durogati, Eric Girardini, Piero de Lazzer



