Norwegen · North-Senja
Senja – Polar Circles
Ausgabe 2013 · Text: Sven Bethke · Fotos: Anton Brey, Martin Fiala · 5 min Lesezeit

Da hänge ich wieder einmal zwischen Himmel und Hölle. Einen Pickel in der rechten, einen in der linken Hand, ramme ich krampfhaft die leichten Alu-Steigeisen in das brüchige Eis, die Ski am Rucksack …
Da hänge ich wieder einmal zwischen Himmel und Hölle. Einen Pickel in der rechten, einen in der linken Hand, ramme ich krampfhaft die leichten Alu-Steigeisen in das brüchige Eis, die Ski am Rucksack festgeschnallt. Ein beklemmender Tiefblick tut sich unter mir auf, über mir die nicht enden wollende Rinne. Niederrieselnder Schnee erschwert das Atmen, kombiniert mit kleinen Eisstücken, die um die Ohren sausen. In der Ferne drückt die Flut kaltes Atlantikwasser in die ruhig liegenden Fjorde, die wie erstarrt wirken. Die Ruhe dringt aber nicht bis zu mir vor, zu sehr pocht mein Herz vor Anstrengung und vielmehr noch aus Respekt vor der anschließenden Abfahrt in dieser beeindruckenden Rinne am Westhang des Krokelvtinden: ein Couloir, so perfekt, als ob es Gott Thor persönlich in den Fels geschlagen hätte.
Als ich Martin im Sommer in Friedrichshafen traf, hätten wir uns beide im Seniorenheim zu Kaffee und Kuchen verabreden können, denn zu diesem Zeitpunkt fühlten sich unsere Körper steinalt an. Martin hatte im Frühling bei einer Skitour einen schweren Absturz nur knapp überlebt; ein halbes Jahr später glichen seine Bewegungen eher denen eines Schwergewichtsboxers nach überstandenen zehn Runden mit Mike Tyson als denen eines abenteuerlustigen Topathleten. Ich hatte mich gerade einigermaßen von einer schweren Knieoperation erholt, mit der Prognose, den kommenden Winter mit Physiotherapie und Schneemannbauen verbringen zu können, ganz sicher nicht mit Ski an den Füßen.
Und dennoch erzählte Martin von seiner Idee, im kommenden Frühling mit einem Wohnmobil und Kajaks nach Nordnorwegen aufzubrechen, um dort vom Wasser aus Skitouren zu unternehmen. Gemeinsam mit Toni, dem ski- und bergaffinen Fotografen. Ein halbes Jahr später sitzen wir tatsächlich in einem Café östlich von Tromsø, essen Kanelbulle, eine Art Zimtschnecke, und planen die nächsten Tage. Von der Idee, die Lofoten zu erkunden, mussten wir uns verabschieden. Anfang Mai reicht der Schnee auf der Inselgruppe nicht mehr für sinnvolle Touren. Die 24 Stunden Helligkeit – in wenigen Tagen wird die Sonne gar nicht mehr untergehen – setzen der Schneedecke in den tiefen Höhenlagen deutlich zu, was unseren Aktionsradius weiter eingrenzt.
Am ersten Tag konnten wir eine herrliche Tour auf den Lemelfjellet im Tamokdalen, südlich der Lyngen Alps, unternehmen, auf der wir innerhalb von fünf Stunden alle vier Jahreszeiten erlebten; mit wechselhaftem Wetter war in Norwegen zu rechnen. Nach einem „Downday“ und nicht minder unsicheren Wetterverhältnissen versuchten wir heute, den Sapnstinden bei Elvenes zu erklimmen. Starker Nebel und eine Sichtweite von gefühlten fünf Metern ließen uns zwischendurch Schneehöhlen graben, in denen wir auf Wetterbesserung warteten. Das baumlose Gelände und das rudimentäre Karten- bzw. GPS-Material zwangen uns schließlich kurz vor dem Gipfel zur Umkehr.
Und trotzdem gaben die kurzen Schönwetterfenster den Blick frei auf die schier unendlichen Weiten der wilden norwegischen Landschaft. Nun wollen wir nach Westen, um die Fjorde zu erkunden. Laut dem Skitourenführer von Fryflit bietet die Insel Senja unzählige Möglichkeiten inklusive etlicher Touren vom Wasser aus. Die Westküste der Insel ist für ihre Archipel-Form bekannt, und diverse Touristenführer locken mit Bildern von weißen Sandstränden. Am späten Abend und bei herrlichem Sonnenschein treffen wir in Straumsnes ein – unserem Standort für die nächsten Tage.
Zuvor hatten wir bereits das Ziel für den nächsten Tag entdeckt: Bei der Auffahrt zum Skaland-Tunnel stand sie auf einmal vor uns, diese unglaublich perfekte Rinne mit 400 extrem steilen Höhenmetern. Martin und ich wussten sofort, dass sie unsere gemeinsame Reinkarnation in die Welt der Skiabenteuer bedeutete, und Toni hatte am gegenüberliegenden Hang schon den Standort für perfekte Bilder ausgemacht. Der Wecker klingelt um fünf Uhr, und schon stehen wir am Fuß der Rinne. Die ersten 60 Höhenmeter sind fast unüberwindbar, so weich und tief ist der Schnee. Wir wollen unser Unterfangen schon abbrechen, als wir endlich auf hartgepressten, fast eisigen Schnee treffen. Knappe zwei Stunden benötigen wir für den Aufstieg.
Die Schlüsselstelle entpuppt sich als eine etwa 30 Meter lange Passage mit blankem Eis und einer Breite von maximal drei Metern. Wohl wissend, dass wir diese Stelle nicht würden abfahren können, ziehen wir weiter gen Gipfel. Oben angekommen, bläst uns der starke Wind fast davon und trägt zur dramatischen Stimmung bei. Hier stehen wir nun, beide rekonvaleszent und weit von unserer Bestform entfernt, kurz davor, eine der steilsten und engsten Rinnen unseres Lebens zu befahren. Angst und Respekt wechseln mit Adrenalin und Freude ab. Wir beschließen, zu Fuß bis über die Schlüsselstelle abzusteigen und kurz unterhalb die Ski anzuschnallen. Der Stand ist so steil und eng, dass die kleinste Unachtsamkeit einen Sturz in die Tiefe bedeuten würde.
Die dünne Pulverschneeschicht auf der eisigen Unterlage erleichtert die Bewegungen ebenfalls nicht. Als Martin soweit ist, verabschiedet er sich mit einem kurzen „Alright“ ins Funkgerät in die Tiefe – das Zeichen für Toni an der Kamera. Jetzt wird mir der Unterschied zwischen einem normalen Skifahrer und einem ehemaligen Weltcup-Abfahrer bewusst. Souverän setzt Martin Schwung an Schwung, immer über den Bergski abspringend, in der Manier der Urväter des Steilwand-Fahrens wie Toni Valeruz oder Heini Holzer. Meine Fahrt verleitet Toni anschließend zur trocken gestellten Frage, ob meine Ski keine Kurven fahren könnten; ich war nur heilfroh, gesund wieder in der Fläche zu stehen. Nach diesem Highlight vergehen die restlichen Tage und Touren wie im Flug.
Aus dem Plan, die Skitouren mit den Kajaks anzugehen, wird nichts, da wir aufgrund der Wärme immer sehr früh los müssen, und es deutlich zu wenig Schnee in den ganz tiefen Lagen gibt. So paddeln wir meist am Nachmittag zur Entspannung los und entdecken die vielfältige Landschaft und Tierwelt rund um Senja. Als absolutes Highlight bleibt mir eine Kajaktour spät abends in Erinnerung: Absolute Ruhe und eine glühende Sonne, die nicht hinter dem Horizont verschwinden will, zaubern eine Traumwelt für uns. Eben dieser Kontrast zu den action-geladenen Skitouren macht diese Reise zu einem unvergesslichen Erlebnis, das in mir eine unbeschreibliche Ruhe und Zufriedenheit hinterlässt.





Fahrer: Sven Bethke, Martin Fiala



