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Schweiz · Dents Du Midi (Wallis)

Skiing the Gate Keeper of the Valais

Ausgabe 2014 · Text: Yves Garneau · Fotos: Yves Garneau · 5 min Lesezeit

Skiing the Gate Keeper of the Valais

Philippe, der jüngste Bruder meines Vater, sprach oft über den Berg, meist dann, wenn die Familie beim gemeinsamen Weihnachtsessen saß. Mit zarten acht Jahren verbrachte er ein Jahr im abgelegenen …

Philippe, der jüngste Bruder meines Vater, sprach oft über den Berg, meist dann, wenn die Familie beim gemeinsamen Weihnachtsessen saß. Mit zarten acht Jahren verbrachte er ein Jahr im abgelegenen Internat Beau Soleil in der Schweiz, doch vom Berg sprach er, als hätte er sein Leben lang nichts anderes gesehen. Dabei erzählte er etwa: „Von meinem Schlafzimmerfenster in Villars konnte ich auf der anderen Talseite die Portes du Soleil sehen. Dort gingen wir mit der Klasse zum Skifahren. Direkt über dem Skigebiet standen die Dents du Midi mächtig mit ihren gezackten Gipfeln und warfen einen Schatten über den Talgrund, als wären sie der Torwächter des gesamten Wallis.“ An den exakten Wortlaut erinnere ich mich nicht mehr.

Aber was er sagte hinterließ den Eindruck, dass es dieses mächtige Gebirge vermocht hatte, ihn in den einsamen Nächten zu trösten, in denen er seine damals in Belgrad stationierten Eltern so sehr vermisste. Als ich 1997 Kanadas Westküste verließ und nach Verbier ging, sah ich den Berg zum ersten Mal mit eigenen Augen. Seine unverwechselbaren Bergspitzen begrüßten mich bei der Anfahrt durch das Rhonetal in meine neue Heimat und meinen künftigen Winterspielplatz. Obwohl ich die nächsten 17 Jahre auf seine gegenüberliegende Seite starren würde, hinterließ der mächtige Berg auch auf mich einen einzigartigen Eindruck – anders als je ein Berg zuvor.

Heute, gut 20 Jahre später, stehe ich bei klarem Wetter auf dem Gipfel des höchsten, der wie Reißzähne geformten Gipfel und mache mich fertig für eine seiner bekanntesten Abfahrten, die Haut Cime. Im Süden steht der Mont Blanc wie ein großer Bruder, der über seine Geschwister wacht. Im Nordwesten schimmert der wunderbar türkisfarbene Lac Leman im Talgrund zwischen Frankreich und der Schweiz. Ich verstehe, warum ein Torwächter, wenn es je einen gab, auf der Spitze dieses außergewöhnlichen Berges sitzen würde, den perfekten Aussichtspunkt über die Alpen von Frankreich bis Italien. Vorsichtig nehme ich die Steigeisen ab und platziere meine Skier so am steilen Abhang, dass sie nicht abrutschen können.

Das Adrenalin, das vom exponierten Aufstieg noch durch meine Adern schießt, stört meine Konzentration und ich verliere eine meiner Tourenstiefelzungen, die dafür gedacht sind, bei der Abfahrt mehr Steifigkeit im Schuh zu geben. Ich erwische sie nicht mehr und sehe nur noch, wie sie über eine Kante rutscht und unter mir im steiler werdenden Hang verschwindet. Keine 48 Stunden zuvor hatten Ilir Osmani und ich Ausrüstung für drei Tage in einen Transporthubschrauber gewuchtet, um damit die acht Minuten bis zur Schutzhütte der Dents du Midi zu fliegen. Ich hatte den Auftrag, eine Serie von Ski- und Kletterfotos für eine bekannte Skimarke zu schießen und benötigte den Heli, um das Material fürs Drei-Tage-Shooting auf den Berg zu transportieren.

Wir landeten neben der geschlossenen Hütte, die an der Südostflanke des Berges etwa eine halbe Stunde Fußmarsch vom Gipfel über dem bekannten Couloir des Dents Jaune liegt. Dieses Couloir ist eine von mehreren Steilabfahrten, die von den spitzen Zacken entlang des Berges durch die Nordwand ziehen. Der im Val d'Illiez geborene und aufgewachsene Ilir hatte diese Anfahrt schon viele Male gemacht. Tatsächlich konnte man vom Gipfel sogar auf sein Haus sehen. Wir bewegten uns also tatsächlich in seinem Vorgarten. Nach einem entspannten Mittagessen in der Sonne packten wir unsere Sachen für eine abendliche Fotosession im nahen Couloir. Der Himmel über uns strahlte blau, als wir über den Hang in Richtung Couloir stiegen.

Mit jedem Meter wurde die Aussicht spektakulärer. Als Fotograf fiel es mir schwer, mich auf den Aufstieg zu konzentrieren, da jeder Moment eine neue Perspektive bot. Aber das Licht wurde schnell schlechter und wir mussten rasch nach oben. Am Gipfel über dem Couloir legten wir ein Seil in den Hang, nicht weil es nötig war, sondern weil es Spaß machte und gut aussah. Ich machte ein paar Fotos von Ilir, als die Sonne schon fast den Horizont berührte und den Schnee im unter uns liegenden Hang in ein zartes Pink tauchte. Von oben sahen wir die Linie, die Ilir am nächsten Tag fahren wollte. Bevor wir wieder zur Hütte zurückkehrten, schwangen wir im grandios leuchtenden Abendlicht noch ein paar hundert Meter hinab.

Unser Vorhaben am nächsten Tag lief so erfolgreich ab, wie wir es uns vorgestellt hatten. Die steile, trichterförmige Linie, extrem exponiert und entlang der nordöstlichen Seite der Haut Cime, war perfekt für eindrucksvolle Bilder. Für einen Fotografen ist es nicht einfach mit anzusehen, welche Risiken die Athleten oft eingehen, vor allem, wenn eine Kamera dabei ist. Allerdings habe ich bei Ilir nie dieses Gefühl. Seine ruhige Art gleicht der einer Bergziege. Er weiß genau, was er macht, kennt scheinbar jeden Schwung und fährt mühelos und ohne zweimal nachzudenken durch eine enge Passage, um dann auf dem harten, körnigen Schnee direkt über einer Felsklippe abzuschwingen.

Doch zurück auf die Haute Cime: Ich schätze, dass es besser ist, auch die andere Tourenstiefelzunge herauszunehmen, statt nur mit einer die fast 1.000 Höhenmeter abzufahren, und ärgere mich nochmal über mein Missgeschick wenige Minuten zuvor. Bevor ich losfahre, hole ich noch einmal tief Luft. Die ersten Schwünge sind für mich immer die schlimmsten, weil die vom Aufstieg warmen Muskeln abzukühlen beginnen. Wenn man nervös ist, sollte man die ersten Schwünge lieber schnell hinter sich bringen. Als ich vor ein paar Jahren die Marinelli-Rinne mit Ilir machte, hatte ich die ersten paar Meter auch Probleme. Meine Nerven begannen zu flattern, was Ilir bemerkte.

Als wir da oben über der längsten Steilrinne Europas standen, schaute er mir direkt in die Augen und sagte bestimmt... „Fahr schon los, Garneau!“ Diese Worte möchte ich nie wieder von ihm hören. Ich hatte Glück. Nach den ersten Metern fand ich meine verlorene Stiefelzunge hinter einer Kuppe im Schnee und konnte meine Ausrüstung relativ leicht wieder vervollständigen. Als wir tiefer kamen, wurde der Schnee an der Südseite weicher und schließlich zu perfektem Firm. Meine Beine erwärmten sich mit jedem Schwung, und meine Ski schnitten durch den feuchten Frühlingsschnee wie durch Butter. Vor langer Zeit hatte ich meinen Onkel von diesem Berg erzählen hören. Ihn nun zu erleben und mit meinen eigenen Augen zu sehen, war mehr als ich mir von meiner ersten Begegnung mit den Dents du Midi je erhofft hätte.

Skiing the Gate Keeper of the Valais
© Yves Garneau
Skiing the Gate Keeper of the Valais
© Yves Garneau
Skiing the Gate Keeper of the Valais
© Yves Garneau
Skiing the Gate Keeper of the Valais
© Yves Garneau
Skiing the Gate Keeper of the Valais
© Yves Garneau

Fahrer: Ilir Osmani

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