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Griechenland · Mountains of Epirus

The Human Face of the Gods

Ausgabe 2020 · Text: Alberto Sciamplicotti · Fotos: Antonella Molinari · 4 min Lesezeit

The Human Face of the Gods

Vor drei Jahren hinterließen wir Spuren im Schnee des Olymp. Eine großartige Erfahrung, die noch einzigartiger wurde, als wir uns bewusst machten, dass dort die Geburtsstätte unserer Zivilisation …

Vor drei Jahren hinterließen wir Spuren im Schnee des Olymp. Eine großartige Erfahrung, die noch einzigartiger wurde, als wir uns bewusst machten, dass dort die Geburtsstätte unserer Zivilisation ist. Die griechischen Götter hatten menschliche Gestalt, Gefühle und Fähigkeiten. Sie hatten die gleichen Schwächen wie Menschen, die gleichen Probleme, waren jedoch unsterblich. Unsere Reise in die Berge Griechenlands bedeutete auch die Wiederentdeckung jenes wesentlichen Gefühls des Menschseins, das die Welt verloren zu haben scheint. Zugleich war es auch eine Flucht vor all dem, was uns an unserem heutigen System verhasst ist: die Trägheit und festgelegte Bahnen, die uns scheinbar unaufhaltsam auf einen Abgrund zusteuern lassen.

Zuhause hatte der Winter in diesem Jahr nie begonnen; eine Jahreszeit, die ihrem Auftrag nicht gerecht wurde. Warum also gingen wir mit Ski, Stöcken und Fellen auf Reise? Zu Bergen, die weit von den Alpen entfernt sind? Ein Gebirge, dessen Gipfel nicht wirklich hoch sind, das im Mittelmeer liegt, in einem Land, das für Strand und Meer steht, für Olivenbäume, die in der Sommersonne gedeihen? Auf dem Schiff über die Adria sehen wir uns auf der Karte Routen an, die uns von einem Winter träumen lassen, wie wir ihn dieses Jahr noch nicht genießen durften. Im Geiste beten wir die alten Götter an, unseren Wunsch nach Abenteuer zu erfüllen. Es erscheint kaum real, dass wir bereits am ersten Tag Schnee unter unseren Skiern haben.

Auch wenn wir in unserem Leben schon bessere Verhältnisse erleben durften, so reicht die Freude an diesem Tag aus, die Realität des bisher abwesenden Winters zu vergessen. Nachdem wir uns ausreichend im Schnee des Berges Triggia, nahe den Klöstern von Meteora, verausgabt haben, gönnen wir uns einen Ruhetag. Auch das ist Griechenland. Denn wenn man die Seele eines Landes wirklich verstehen möchte, muss man für alles offen sein. Ignoriert man es, erlebt man nur einen Teil und beraubt sich des wahren Wesens einer Reise. Es geht nicht nur ums Entdecken und Ausprobieren, sondern darum, sich vom Schicksal treiben zu lassen, um das wahre Leben zu inhalieren.

Das ist der eigentliche Sinn des „Carpe Diem“: den Augenblick nutzen, indem man sich für alles öffnet. Der Weg ist das Ziel. Die beste Metapher für das auf dieser Reise Erlebte ist die Art, wie man einen griechischen Kaffee trinkt. Dieser wird sehr heiß serviert und kann nicht schnell wie ein Espresso getrunken werden. Er muss ruhen, damit sich das aufgegossene Pulver am Tassenboden absetzen kann. Danach wird er in kleinen Schlucken, ohne die Tasse zu sehr zu kippen, getrunken. Er ist stark und man muss ihn langsam genießen, um das volle Aroma zu spüren. Genau mit dieser Einstellung folgen wir unserem Pfad und erreichen den Fuß eines spitzen Berges, auf dem das Kloster Varlaam steht. Der Weg führt steil bis zu einer Felswand.

Hier geht es in eine Höhle, die wir durchqueren. In ihrem Innersten, ausgewaschen vom Wasser, liegen uralte Gesteinshalden. Wir klettern in Richtung Licht und erreichen schließlich einen Felsbalkon. Von hier blicken wir in das Tal, das von Kastraki heraufkommt. Wir genießen den Moment, denn nur so werden das Erlebnis und die Zeit schier endlos bleiben. Wir sind mit griechischen Mythen aufgewachsen: Die erotischen Abenteuer des Zeus, die Eifersüchteleien von Athene und Aphrodite oder Herakles Heldentaten. Die Geschichte jedoch, die unseren Abenteuerdrang am meisten schürte, war die eines Mannes, der ständig auf der Suche war: Odysseus.

Für mich stand er immer für die Neugier, für den Wunsch nach Entdeckung und Erfahrung, den Versuch, über den Horizont des Sichtbaren hinaus den Sinn unseres Daseins auf dieser Erde zu erforschen. Odysseus hatte uns schon oft dazu inspiriert, ferne Berge zu besteigen, in unbekannte Länder mit fremden Kulturen und Sprachen zu reisen. Anders als er segelten wir nicht auf Meeren aus Wellen, sondern aus Schnee und Eis. Unsere Boote sind die Bretter unter unseren Füßen. Früher oder später hätte er uns sowieso in die Berge Griechenlands geführt. Um den Kreis zu schließen, besteigen wir den Skolio, den zweiten Gipfel des Olymp, geleitet von dem gleichen Wunsch nach Abenteuer, der auch Odysseus getrieben hatte.

Wie er sind auch wir bei unserem Aufstieg dem Wohlwollen der Gottheiten ausgesetzt. Diejenigen, die sich unserem Eindringen widersetzen, schicken Nebel und Sturm. Während die Spuren unserer Ski umgehend wieder im Schnee versinken und unsere geblendeten Augen im Nebel einen Weg suchen, findet über uns, auf dem felsigen Mytikas, dem höchsten Gipfel des Olymp, ein wahrer Kampf statt. Welcher Gott ist dagegen, welcher ist dafür, dass wir diese Welt betreten, die nicht die unsere ist? Wir wissen es nicht. Wir können uns jedoch vorstellen, dass Zeus über uns lächelt, unseren Fortschritt beobachtet, nickt und mit einer großen Geste seines Armes den Streit seiner Kinder schlichtet, um uns schließlich Zutritt in sein Reich zu gewähren.

Tatsächlich hört auf dem Gipfel des Skolio der Wind auf, der Nebel lichtet sich, und die Sonne begleitet uns auf unserer Abfahrt. Wir fahren die Hänge hinab, die wir zuvor mühsam erklommen hatten, unsere Ski tanzen fröhlich denselben Tanz, den Odysseus aufführte, als er in Ithaka ankam, wieder vereint mit Penelope. Ein Tanz der Freude und des Glücks. Kein abschließender Tanz, denn der Wunsch, noch mehr zu erleben, endet niemals. Und so werden wir bald wieder mit den Skiern im Gepäck dem verlockenden Gesang des Abenteuers folgen.

The Human Face of the Gods
© Antonella Molinari
The Human Face of the Gods
© Antonella Molinari
The Human Face of the Gods
© Antonella Molinari
The Human Face of the Gods
© Antonella Molinari
The Human Face of the Gods
© Antonella Molinari

Fahrer: Sabrina Beber, Albino Beber, Alberto Osti Guerrazzi

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