USA / Kanada · Rocky Mountains / Selkirk Mountains
Tiny House
Ausgabe 2013 · Text: Molly Baker · Fotos: Patrick Orton · 5 min Lesezeit

Molly Baker und Zack Giffin begannen im Oktober 2011 damit, ihr Traumhaus auf Rädern zu bauen. Der Plan war, mit einer gemütlichen Hütte im Schlepptau die begehrtesten Bergpässe Nordamerikas zu …
Molly Baker und Zack Giffin begannen im Oktober 2011 damit, ihr Traumhaus auf Rädern zu bauen. Der Plan war, mit einer gemütlichen Hütte im Schlepptau die begehrtesten Bergpässe Nordamerikas zu bereisen. So wie Zack als „Skibum“ Jahre in seinem Van gelebt hatte, sollte das kleine Haus die Berge zur Heimat machen. Ein Zuhause, das immer dort sein würde, wo gerade Schnee fällt. Auf der Suche nach dem tiefsten Schnee und den längsten Pillow-Lines machten sich die Bewohner des kleinen Hauses, Molly, Zack und ihr guter Freund und Splitboarder Neil Provo, auf eine Reise epischen Ausmaßes.
Mittlerweile teilen sie im dritten Jahr auf kleinstem Raum als Winter-Zigeuner das Erlebnis, von einem Wintersportort zum nächsten zu ziehen und mit jedem Schwung im Tiefschnee neue Erinnerungen zu gewinnen. Wir fuhren von Silverton, Colorado, nach Revelstoke, British Columbia, und nahmen auf dem Weg alles mit, was ging. Wir verbrachten Wochen in Jackson Hole, fuhren Ski in Alta's Backcountry und kamen bis Kanada, wo wir in Nelson, Revelstoke und Banff unseren Schnee-Durst stillten. Hier entstand eine spezielle Synergie aus Rahmenbedingungen, Freundschaft und Umgebung, die uns für drei Wochen an den Roger's Pass brachte. Dort sollte das kleine Haus seine wahre Heimat finden.
Für den neutralen Beobachter mag Revelstoke, BC, wohl ein typisch kanadisches Holzfällerstädtchen sein. Für den aufmerksamen Skifahrer jedoch gleicht Revelstoke mit seiner Umgebung dem Shangri-La des Powders, der Pillows und der langen Abfahrten. Nur 72 Kilometer östlich liegt Roger's Pass, wo man lebenslang Urlaub machen möchte. Am besten mit guten Freunden und dem eigenen Haus. Wir kommen abends auf dem Asulkan-Parkplatz an und beginnen, einen Platz für das kleine Haus zu suchen. Das ist inzwischen Routine, hat aber bestimmt ein Jahr Übung gebraucht. Oft genug fuhren wir in Schneehaufen, parkten schief oder zwängten uns nachts zwischen Laster, weil kein anderer Parkplatz mehr zu finden war.
Einer ist der Fahrer, die anderen müssen raus und schaufeln, einweisen und möglichst richtige Tipps geben. Irgendwann steht das Haus dann, Neil zündet das Feuer an, Zack macht ein paar Bier auf, und ich schlafe erschöpft von den Strapazen der Reise mit einem kleinen Haus ein. Am Morgen wachen wir in einem kalten Haus auf, und ein großer Norweger klopft an die Tür. Santiago Guzman, ein alter Freund aus Argentinien, der uns auf diesem Teil der Reise begleitet, öffnet verschlafen. Der Norweger erklärt, dass er und seine Freunde das Haus im Internet gesehen haben. Sie wissen alles über uns und sind in einem Wohnmobil unterwegs, das sie in Revelstoke gemietet haben.
Sie finden ihr Wohnmobil ok, aber als das Feuer knistert und wir unser Frühstück in der gemütlichen, nach Kiefer riechenden Hütte zubereiten, beginnt es in ihren Köpfen zu arbeiten: „In einem kleinen Haus direkt am Fuß dieser unglaublichen Berge zu wohnen, ist doch ein Traum. Können wir das auch schaffen?“ Sie sind nicht die ersten, die uns besuchen, denn die Leute sind von dem Häuschen auf Rädern fasziniert. Nicht etwa, weil wir berühmt sind, sondern weil sie sich alle dieses Leben vorstellen können. Kaum setzen sie einen Fuß auf unseren Bambusboden, leben sie für einen Moment ihren eigenen, innersten Traum. Trittst du in das kleine Haus ein, veränderst du dich, denn es verändert die Sicht auf das, was du bisher für möglich gehalten hast.
Stil, Wärme und Komfort sind auch auf kleinstem Raum zu haben. Und du findest jeden Tag neue, verschneite Gipfel in deinem Garten. Unsere neuen Freunde verlassen uns, als wir gerade unseren neuen Spielplatz zu erkunden beginnen. Vom Asulkan-Parkplatz liegen die Touren, Gipfel und Linien nicht weit, die uns seit Tagen auf den Lippen brennen – Pterodactyl, Young's Peak, Sapphire Col, das Illecillewaet Valley. Wir wandern in das Asulkan Valley und entdecken die neuesten Wunder unserer Welt. Es schneit heftig in British Columbia, dem Land des beständigen Schneefalls. Wir dringen nicht in alpine Regionen vor, sondern wählen einen Waldbereich mit dicken, moosbedeckten Bäumen. Die Bäume (und das Tree-Skiing) genügen völlig, um immer wieder kommen zu wollen.
Etwa vier Kilometer vor unserer Haustür finden wir Pillows, länger und breiter, als wir sie je zuvor gesehen haben. Hierher wollen wir jeden Tag kommen. Die nächsten drei Wochen werden wir vom Talgrund aus Linien suchen, aufsteigen, die Pillows fahren, und das immer wieder, bis die Sonne untergeht. So simpel ist das Leben im kleinen Haus. Mit gut 2.500 Metern ragen der Mt. Afton, der Rampart und der Mt. Abbot über unseren Pillows in den Himmel, als würden sie diesen verborgenen Schatz hüten. Was die Lawinengefahr angeht, sind sie eine objektive Bedrohung. Aufgrund des schweren Schnees und der steigenden Temperaturen haben wir diese Giganten jeden Tag im Hinterkopf. Wir kämpfen mit Nassschnee, instabiler Schneedecke, schlechtem Licht.
Dennoch fährt jeder täglich eine neue Linie und ist froh, ungestraft unten anzukommen, beobachtet von den Berggöttern, in deren Wohnzimmer wir spielen. Wir sind nicht die einzigen, die sich hier niedergelassen haben. Andere waren schon lange vor uns da. Nach drei Wochen Tiefschneeorgie und einigen wunderbaren Abstechern in die alpinen Regionen sind wir erschöpft. Unsere Lebensmittel sind aufgebraucht, der Kaffee geht zur Neige, und der erste Gedanke am Morgen gilt einer Dusche. Mittlerweile überdeckt auch der Geruch verschwitzter Socken den des Kiefernholzes. So wie unsere Körper immer mehr ermüdeten, wurden unsere Klamotten immer dreckiger – doch der Schnee ist immer noch der beste, den wir je fahren durften.
Am Abreisetag weckt uns ein ungewöhnliches Geräusch. Etwas, das nur selten auf das Metalldach des kleinen Hauses fällt. Erst leise, dann immer deutlicher: Regen. Es regnet unablässig und zerstört die Pillows, die uns so viel Freude bereitet haben. In diesen Momenten sind wir dankbar, mobil zu sein. Denn Regen bedeutet nicht das Ende der Saison. Er bedeutet nur, dass es Zeit ist, an einen anderen Ort zu fahren. Allerdings haben wir sogar im Regen den Eindruck, mit unserer Abreise potentielle neue Abenteuer zurückzulassen. Doch der Schnee wird uns zurückbringen. Unsere Adresse lautete nicht das letzte Mal „Roger's Pass, BC“. Nächsten Winter kommen wir wieder nach Hause.





Fahrer: Molly Baker, Zack Giffin, Santiago Guzman

