BACKLINE Magazin
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Norwegen (Spitzbergen) · Chydeniusfjella (Svalbard)

Watching the Wildlife

Ausgabe 2014 · Text: Ingrid Backstrom · Fotos: Christian Pondella · 5 min Lesezeit

Watching the Wildlife

Es war Ende April und ich dachte, der Winter sei zu Ende – Zeit, sich um den Garten zu kümmern und Mountainbike zu fahren, bis mein Freund Chris Davenport anrief und mich einlud, zum Shooting von …

Es war Ende April und ich dachte, der Winter sei zu Ende – Zeit, sich um den Garten zu kümmern und Mountainbike zu fahren, bis mein Freund Chris Davenport anrief und mich einlud, zum Shooting von „Faces of Dav“, seiner neuen Sendung auf Red Bull TV, mitzukommen. Ende Mai sollte es mit einer hochkarätigen Truppe auf einer 19-Meter-Yacht, der Arctica II, in die unendlichen Fjorde im Norden Spitzbergens gehen. Unter Davenports Führung, einem der besten Freeride-Alpinisten, waren die energiegeladene, sympathische Michelle Parker, James Heim, ein extrem netter kanadischer Alpinist, ich selbst sowie der Fotograf Christian Pondella und ein Team an Filmern und Guides mit von der Partie.

Davenport ist dafür bekannt, geniale Trips in atemberaubenden Gegenden zu organisieren, bei denen auch der Schnee und das Wetter passen, wie hätte ich da nein sagen können? Am 25. Mai kommen wir um Mitternacht bei hellem Sonnenschein in Longyearbyen, Spitzbergen an. Den nächsten Vormittag beladen wir unser Zuhause für die kommende Woche. Das robuste Segelboot ist nicht unbedingt luxuriös, dafür mit blau-weißem, schnörkellosem Design typisch skandinavisch. Zwölf Menschen mit ihrer Ausrüstung in den kleinen Kajüten zu verstauen braucht bis Mittag, dann gibt es die erste Sicherheitsbesprechung, zu der wir riesige Sandwiches essen.

Stein und Helga – unsere Kapitäne, Köche und Chefs auf dem Boot – wollen mit einem ordentlichen Essen unsere Mägen beruhigen. Die ersten 20 Minuten nach dem Ablegen machen wir Witze und lachen noch, als uns die ersten größeren Wellen treffen. Zehn Minuten später liege ich unter Deck und wünsche mir, weniger gegessen zu haben. Irgendwann schleppe ich mich wieder nach oben und hoffe, dass es mir besser geht, finde aber nur ein paar weitere kreidebleiche Gestalten vor. Stein steuert das Boot senkrecht auf die Wellen zu und meint: „Das ist wirklich nicht so übel! Schlimm wird es erst, wenn wir in grünem Wasser sind.“ „Grünes Wasser“, so wird schnell klar, steht beschönigend dafür, wenn das Boot komplett unter Wasser ist.

Ich krieche wieder nach unten und falle erschöpft in meine Koje. Ein paar Stunden und mehrere Toilettenumarmungen später verlassen wir das offene Meer und segeln in den geschützten Krossfjord, wo wir die Nacht verbringen. Wir probieren Helgas Suppe und erkunden vom Boot aus an die 20 Couloirs, bevor wir zu Bett gehen. Am nächsten Nachmittag rüsten wir uns bei bewölktem Himmel, wählen zwei nebeneinander liegende Rinnen und setzen mit den Schlauchbooten über: 300 Meter über dem Wasser teilt sich die Rinne in zwei attraktive Hänge. Unzählige Krabbentaucher – kleine, an Pinguine erinnernde flugfähige Vögel – kreischen von den Klippen und stürzen sich immer wieder in unsere Richtung, was unseren Blick meist nach oben lenkt.

Die erste Abfahrt ist überraschend gut, und wir steigen in den zweiten Hang mit einer noch engeren Rinne und einer mehrere hundert Meter langen Abfahrt direkt in die Bucht. Zurück an Bord erzählen wir von unseren Linien und genießen Helgas ausgezeichnete norwegische Küche. Die Woche beginnt vielversprechend. Dann kommt ein Sturm auf und lässt das Boot immer wieder gegen den Anker schlagen. An Schlaf ist kaum zu denken. Wir fahren weiter nach Norden, finden aber kein besseres Wetter, dafür viele Wildtiere: Ein Polarfuchs streunt auf der Suche nach Eiern erfolglos durch Krabbentauchernester, während uns ein weißes Rentier argwöhnisch beobachtet. In einer abgeschirmten Bucht finden wir Schutz vor dem Sturm, der eine zweite Nacht wütet.

Durch den Bootsrumpf lauschen wir dem unheimlichen aber schönen Gesang der Robben. Am nächsten Morgen durchschneidet eine Gruppe Belugas gleichmäßig mit ihren weiß-gelben Flossen das Wasser, während wir Tee und Kaffee trinken. Es bleiben uns nur noch wenige Tage, als sich das Wetter bessert und die Sonne wieder scheint. Wir finden erneut zwei parallele Rinnen und steigen vorsichtig auf – die Sonne auf dem Neuschnee ist nicht zu unterschätzen. In der Rinne, die Chris, Michelle und Pondella gewählt haben, löst sich ein Schneebrett und verfehlt die drei nur knapp. Gezwungenermaßen kehren wir um. Tags darauf gehen wir früher los, vermeiden offene Hänge und versuchen, rasch auf einen Gletscher zu kommen.

Die Guides bilden das Schlusslicht, bepackt mit schweren Rucksäcken und großen Gewehren für den Fall, dass wir Eisbären treffen. Spitzbergen ist Eisbärland. Jedes Jahr verirrt sich mindestens einer nach Longyearbyen, und draußen in den Fjorden, nahe den Gletschern und dem Packeis, sieht man sie so regelmäßig, dass viele Touristen nur ihretwegen hierher kommen. Trotz unseres Respekts sind wir enttäuscht, keinen zu sehen. Allerdings ist die übrige Tierwelt ein angemessener Ersatz. Als Stein eine vermeintlich normale Ente sieht, ist er völlig aufgeregt. Es handelt sich um eine Prachteiderente, die aussieht wie ein Papageitaucher mit verrücktem, orangenem Farbstrich über Kopf und Schnabel – sicher einer der außergewöhnlichsten Vögel, die ich je gesehen habe.

Unser letzter Skitag bietet nur eine mittelprächtige Abfahrt und wenig lohnende Optionen. Davenport schlägt vor, auf einen nahen Bergkamm zu steigen: Wenn sich dort nichts auftun sollte, hätten wir wenigstens eine eindrucksvolle Aussicht aufs offene Meer. Keiner will sich das entgehen lassen, und nach 20 Minuten Aufstieg über den Gletscher taucht zur Linken eine Wand mit ein paar längeren Linien auf. Der Schnee liegt im Schatten und scheint gut fahrbar. Von oben droht kein Risiko, und einige Stellen führen schnell aus dem Hang. Wir steigen schneller auf und sehen alle hundert Meter neue lockende Abfahrten. Über Funk geben wir dem Filmteam Bescheid und spuren Richtung Grat.

Schwitzend arbeite ich mich meine Rinne hinauf und sehe, wie Michelle drüben aussteigt und Heim bereits losfährt. Umgeben von blauem Himmel, Fjorden und Freunden, spüre ich Ruhe und Energie in mir. Ich stoße mich ab und ziehe lange Schwünge nach unten zur Gruppe, die mich erwartet. Wir umarmen uns und sind glücklich darüber, dass der Aufstieg zu einem Aussichtspunkt zu einem Höhepunkt unserer Reise wurde. Lächelnd kommt mir in den Sinn, dass es auf manchen Skitrips nicht unbedingt um das Skifahren geht, sondern um die Menschen und das Abenteuer.

Watching the Wildlife
© Christian Pondella
Watching the Wildlife
© Christian Pondella
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© Christian Pondella
Watching the Wildlife
© Christian Pondella
Watching the Wildlife
© Christian Pondella

Fahrer: Chris Davenport, James Heim, Jason Mack, Michelle Parker, Bryan Smith

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