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Schweiz · Albula Alps (Graubünden)

Whiteout

Ausgabe 2018 · Text: Baschi Bender · Fotos: Baschi Bender · 5 min Lesezeit

Whiteout

Fünf anstrengende Tage für einen einzigen Gipfel, der noch nicht einmal einen Namen hat. Trotzdem sollte dies eine unserer schönsten Skitourenwochen werden. Die Zutaten: Haute Route in Graubünden …

Fünf anstrengende Tage für einen einzigen Gipfel, der noch nicht einmal einen Namen hat. Trotzdem sollte dies eine unserer schönsten Skitourenwochen werden. Die Zutaten: Haute Route in Graubünden, eher bescheidenes Wetter, nordseitig beste Schneequalität, Einsamkeit, gute Gesellschaft sowie kulinarische Spezialitäten auf den Hütten, Sauna inklusive. Unsere Auswahlkriterien für eine gute Durchquerung sind in der Regel rasante Abfahrten, bestmögliche Ausrichtung von Nord nach Süd, urige Hütten und magische Orte für maximales Naturerlebnis. Aufgrund der Schneelage ließ uns die Not eine wahre Perle der Alpen kennenlernen. Während in der restlichen Schweiz die Lawinengefahr hoch war, sah es in Graubünden durchaus machbar aus.

Lediglich die Wettervorhersage ließ nichts Gutes erahnen. Erwartungsvoll schwitzen wir uns bei gefühlten 30 Grad Celsius die eigentlich gemütlichen 1.000 Höhenmeter zur Keschhütte hinauf. Es ist Anfang April. Mischa, der Hüttenwirt, und Ana empfangen uns herzlich. Wir sind heute die einzigen Gäste. Mischa, ein eingefleischter Engadiner, erzählt uns ein wenig über die Region. Schnell entwickelt sich das Ganze zu einem Gespräch über die Philosophie des Bergsteigens. Unsere Herzen schlagen für die gleiche Sache – hier weiß man wieder warum. Als es später wird, liest Ana noch aus ihrem Buch über ihre Alpendurchquerung. Danach noch ein Schnaps und ab ins Bett. Wir wollen früh raus.

Am nächsten Morgen geht es endlich zum Piz Kesch, einem der markantesten und spektakulärsten Gipfel der Region. Mischa hatte die Besteigung am Vortag aufgrund der Verhältnisse abbrechen müssen und kann uns aktuellste Bilder vom Aufstieg zeigen. Ob das hilft, ist noch unklar, denn schon beim Zustieg in die Scharte kommen wir in einen Whiteout. Wir gehen dennoch weiter, erreichen sogar die Scharte und finden hüfttiefen Schnee, harten Wind und eine komplett festgefrorene Eisenkette vor. Das alles lässt uns erahnen, wie es am Gipfel aussieht. Vom Skidepot aus steigen wir weiter auf den Grat. Es geht besser, als gedacht. Mischas Spuren vom Vortag sehen wir nicht mehr, aber hier irgendwo muss er umgekehrt sein.

Die lange Querung über ein unbefestigtes Schneefeld, der Wind, der immer wieder Wolkenfetzen vor sich hertreibt und kleine Schneekörner in unsere Augen jagt – all das zeigt uns die eigenen Grenzen auf. Wir beißen die Zähne zusammen und ringen dem Berg mühsam jeden Höhenmeter ab. Schlussendlich müssen aber auch wir einsehen, dass es nicht geht. Wir brechen ab. Kaum haben wir am Skidepot wieder angeschnallt und die ersten Höhenmeter verfroren durch dichten Nebel hinter uns gebracht, trägt der Wind plötzlich die Wolken davon. Über uns blauer Himmel. Im Windschatten gleiten wir bei bestem Powder über den Keschgletscher hinab und entdecken dabei die wohl beste Linie vom Kleinen Piz Kesch.

Die wärmenden Sonnenstrahlen ermutigen uns, einen Aufstieg zu wagen. Die Kälte und die Anstrengung der letzten Stunden sind verflogen. Und es lohnt sich – welch ein Powderrun! Rechtzeitig erreichen wir die Keschhütte, eine Hütte mit Öko-Label und Hüttenkino: „Die weiße Hölle vom Piz Palü“ und andere Bergklassiker gehören zum Repertoire. Wir haben erst einmal Zeit, unsere Route für die nächsten Tage anzupassen. Die Wettervorhersage ist bescheiden, aber machbar. Es gibt Kaffee und Kuchen. Die erholsame Nacht gibt uns Mut und Kraft, am folgenden Tag trotz schlechter Vorhersagen die Normalroute verlassen und etwas abfahrtsorientierter planen zu können. Tags darauf erreichen wir unseren ersten und einzigen Gipfel.

Er hat noch nicht einmal einen Namen und wäre bei guten Verhältnissen ein Spaziergang. Da uns aber der Wind fast vom Grat bläst, wir die Skier ständig tragen müssen und durch hüfttiefe Verwehungen stapfen, fühlt es sich an wie „Die weiße Hölle vom Piz Palü“. Der Gipfel hat uns herausgefordert, aber wir schaffen ihn. Wieder erweisen sich die nordseitigen, schneereichen Hänge als Erfüllung unserer Powderträume. Wir ziehen einen Turn nach dem anderen durch das verspielte Gelände. Der Wind ist durch die schützenden Gipfel wie abgeschaltet. Im Talkessel herrschen erneut gefühlte 30 Grad Celsius. Und so machen wir uns rasch ans Weiterkommen, denn die Lawinensituation darf nicht unterschätzt werden. Wieder schwitzen wir auf den ersten Aufstiegsmetern.

Kaum haben wir die 3.000er-Marke erreicht, zieht es zu, der Wind dreht auf und es fängt an zu schneien. Wenige Meter vor dem nächsten Gipfel, dem Scalettahorn, müssen wir erneut umdrehen. Zum Glück finden wir trotz Nebel gerade noch die Lücke, die uns zum Grialetschgletscher führt. Von da geht es nur noch bergab zur Grialetschhütte. Draußen herrscht ein Mix aus Sonne, Nebel und Schneefall. Wir trinken ein Bier und wärmen uns am Ofen. Es wird philosophiert. Wir kommen zum Schluss, dass genau die Tage in Erinnerung bleiben, an denen einem der Berg zeigt, wer der Chef ist. In der Nacht fängt es richtig an zu schneien, doch wir liegen zufrieden im Bett, denn morgen gibt es Sonnenschein. Wieder weichen wir von der Standardroute ab.

Anstatt nach Davos, zieht es uns über den Piz Sarsura und durch das Val Barlas-ch zurück ins Engadin. 2.000 Höhenmeter Abfahrt bei besten Bedingungen können wir uns nicht entgehen lassen. Hier zeigt sich ein weiteres Mal die ganze Schönheit dieser Gegend. Es liegt Neuschnee, und wir ziehen beste Linien in absoluter Einsamkeit. Weiter unten im Tal springen Rehe über massive Lawinenkegel aus dem Frühwinter. Wir halten an, lauschen den friedlichen Geräuschen der Natur und genießen den Moment. Auf dem Heimweg kontaktieren wir Freunde, die in anderen Regionen der Alpen unterwegs waren. Es gab Lawinenunfälle, Verletzte, Frustration. Uns haben die gefährlichen Bedingungen zu einer wirklichen Perle geführt.

Und eines steht fest: wir kommen wieder, denn hier gibt es noch viel zu tun. Hier sind die Gipfel zwar selten höher als 3.000 Meter, dafür gibt es anspruchsvolle Abfahrten und Rinnen und die Einsamkeit zaubert einem ständig ein Lächeln ins Gesicht.

Whiteout
© Baschi Bender
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© Baschi Bender
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© Baschi Bender
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© Baschi Bender
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© Baschi Bender

Fahrer: Martin Uhl, Roman Uhl, Olav Schmid

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