Skitouren-Bindungen · Testmagazin 2020
Techtalk mit Greta Stehling, DYNAFIT
Produktmanagerin Bindungen · Heftseite 75
Wer ist Greta Stehling? Produktmanagerin für Bindungen bei DYNAFIT
Greta Stehling ist im BACKLINE Testmagazin 2020 als Produktmanagerin für Bindungen bei DYNAFIT Gesprächspartnerin zum Thema Skitouren-Bindungen. Sie lernte mit fünf Jahren am Samerberg Skifahren, war als Jugendliche mit dem Snowboard unterwegs und fährt sowohl auf der Piste als auch im Backcountry. Im Interview erläutert sie technische Anforderungen an Pin-Bindungen, Qualitätssicherung und Produktentwicklung.
Stehling betont die Bedeutung präzise aufeinander abgestimmter Pins und Skischuh-Inserts für die Kraftübertragung. Sie beschreibt mehrfache Produktionsprüfungen und eine vollständige Kontrolle aller Funktionsmaße der DYNAFIT-Inserts vor der Auslieferung. Als Meilensteine nennt sie die TÜV-Zertifizierung von vier DYNAFIT-Bindungen 2015 und die Einführung der 49 Gramm leichten, ISMF-konformen Rennbindung P49 im Jahr 2018. Zur Zertifizierung verweist sie auf DIN / ISO 13992 und die Diskussionen in den Normengremien.
Die im Interview erläuterte lebenslange Bindungsgarantie bezieht sich laut Stehling auf eine Bindungslebensdauer von zehn Jahren bei richtiger Verwendung und Pflege. Sie empfiehlt schonende Reinigung, geschützten Transport und einen Service-Check beim Fachhändler vor der Saison. Für künftige Entwicklungen sieht sie neben dem Gewicht vor allem die unterschiedlichen Anforderungen von Race, Speed Touring und Freetouring als maßgeblich an.
Dynafit hat mit Pin Bindungen eine Revolution im Bereich der Skitourenbindungen angezettelt, ein Großteil der Skitourenschuh Hersteller setzt weiterhin auf die zertifizierten und in Deutschland produzierten Skischuh Inserts von Dynafit. Wodurch ist diese Sonderstellung begründet?
Es ist das umfassende Know-how und der Anspruch an Qualität. Bei den Inserts handelt es sich zwar um sehr kleine Teile, die jedoch enorm wichtig sind. Die gesamte Kraftübertragung bei der Abfahrt läuft über den Formschluss zwischen Inserts und den Pins. Nur wenn das System bzw. die Fläche zwischen Pin und Insert perfekt aufeinander abgestimmt ist, läuft alles problemlos. Die Toleranzen sind hier eine große Herausforderung. Daher legen wir sehr großen Wert auf Prozesskontrollen und Qualitätstests. Unsere Inserts werden mehrfach während der Produktion geprüft und vor der Auslieferung wird eine 100 % Kontrolle aller Funktionsmaße vorgenommen. Die Inserts von Dynafit werden aus den robustesten Materialien gefertigt. Wir haben mittlerweile drei Generationen entwickelt, die neben Qualität auch auf den Einstiegskomfort der Schuhe in die Bindung einen Schwerpunkt legen. Deshalb kauft ein Großteil der Schuhhersteller unsere qualitätsgeprüften, zertifizierten und in Deutschland produzierten Inserts, um sie anschließend in die Schuhmodelle, die für Pin-Bindungen ausgerüstet werden, zu verbauen.
Die Entwicklung der letzten Dekade war bei Skitourenbindungen sehr dynamisch. Was waren aus Deiner Sicht die wichtigsten Meilensteine im gesamten Markt?
Die größte Disruption der Branche war sicherlich 1986, als das „Low Tech“ System als erste Pin-Bindung auf den Markt gekommen ist. Seitdem hat sich sehr viel getan. Die Pin-Bindungen haben in den letzten 5–10 Jahren an Relevanz gewonnen und Rahmenbindungen überholt. Ich denke, es gibt unterschiedliche Produkte und Entwicklungen, die den Markt maßgeblich beeinflusst haben. Einen Meilenstein für uns stellte das Jahr 2015 dar; vier unserer Bindungen haben eine TÜV Zertifizierung erhalten. Diese unabhängige Überprüfung der Robustheit, Energieaufnahme und Auslösestabilität in unterschiedlichsten Bedingungen beweist, dass eine Tourenbindung genauso sicher sein kann wie eine Alpinbindung. Ein weiterer Meilenstein war für mich 2018, als wir die leichteste Skitourenbindung auf den Markt gebracht haben: die P49, eine voll funktionale, ISMF konforme Rennbindung mit nur 49 Gramm!
Das Thema Zertifizierung ist bei Skitourenbindungen sehr heterogen. Wird in der Industrie eine einheitliche unabhängige Zertifizierung für die unterschiedlichen Einsatzbereiche von Skitouren Bindungen diskutiert?
Mit DIN / ISO 13992 gibt es einen Standard, dem Tourenbindungen entsprechen können. Allerdings ist klar zu sagen, dass der Großteil der Pin-Bindungen auf dem Markt nicht zertifiziert bzw. zertifizierungsfähig ist. In den Normengremien wird das Thema Zertifizierung regelmäßig diskutiert und ein Weg gesucht, die Sicherheit und Transparenz zu erhöhen.
Was hat Dynafit dazu bewogen, eine lebenslange Garantie für Bindungen auszustellen und welche Rolle spielt dabei die Pflege der Bindung?
Mit der lebenslangen Garantie auf alle Bindungen, die übrigens allesamt in Deutschland gefertigt werden, haben wir unser internes Versprechen in ein externes umgewandelt. Wir prüfen seit Jahren, wie wir Bindungen auf eine längere Lebensdauer auslegen können, welche Materialkombinationen sinnvoll sind und welche Teile reparierbar sein können. Jetzt sind wir so weit, dass wir dieses Versprechen offiziell an Händler und Endkonsumenten geben können. Die lebenslange Garantie bezieht sich nicht auf eine menschliche Lebensdauer, sondern natürlich auf die der Bindung – und die entspricht bei richtiger Verwendung und Pflege 10 Jahren. Häufigkeit und Art der Nutzung, Transport sowie Pflege bestimmen maßgeblich die Langlebigkeit einer Bindung. Beispielsweise wird durch den Transport von Ski auf dem Autodach die Skibindung Verunreinigungen wie Salz und Schmutz ausgesetzt. Dies kann die Funktion der Skibindung beeinträchtigen. Daher empfehlen wir den Transport in einem Skisack. Zur Reinigung der Skibindung sollten auf keinen Fall säurehaltige, aggressive Mittel oder Kunststoffreiniger verwendet werden. Dadurch besteht die Gefahr, die Materialien dauerhaft zu beschädigen. Stattdessen kann ein Tuch und lauwarmes Wasser mit einer leichten Seifenlauge zur Säuberung verwendet werden. Die Bindung sollte bei der Lagerung im Sommer oder auch Winter weder Sonne noch Hitze ausgesetzt sein und sie darf auf keinen Fall in der Nähe von Säure absorbierenden Medien wie z. B. Autobatterien oder Abgasen gelagert werden. Vor der Skitourensaison empfehle ich in jedem Fall einen Service-Check durch einen Fachhändler.
Wohin geht die Reise bei der Entwicklung der Skitourenbindungen in den kommenden Jahren, worauf können sich die Endverbraucher freuen und einstellen?
Wir sind an interessanten Neuentwicklungen dran, aber wir glauben, dass die Revolution nicht mehr nur im Gewicht liegen wird. Endkunden wissen heute sehr viel genauer, was sie wollen. Die Entwicklung wird sich weiterhin in verschiedenen Segmenten abspielen (von Race über Speed Touring bis Freetouring), wobei die Produktvielfalt sich auf weniger Modelle mit perfektem Kundennutzen konzentrieren wird.

