Österreich · Montafon (Silvretta Nova)
A Better Kind of Rhythm
Ausgabe 2015 · Text: Dirk Wagener · Fotos: Dirk Wagener · 4 min Lesezeit

Deutsche Schlager, Alpenhits und Volksmusik sind mir ein Graus. Das liegt wohl an den Urlaubsfahrten meiner Kindheit in den 1980er-Jahren. Damals quälten mich meine Eltern gnadenlos auf ganztägigen …
Deutsche Schlager, Alpenhits und Volksmusik sind mir ein Graus. Das liegt wohl an den Urlaubsfahrten meiner Kindheit in den 1980er-Jahren. Damals quälten mich meine Eltern gnadenlos auf ganztägigen Reisen Richtung Berge mit dieser Art Gute-Laune-Musik aus dem blechern tönenden Radio unseres klapprigen Käfers. Ich habe zwar noch keinen Psychologen konsultiert, aber ich denke, es liegt an diesem frühkindlichen Trauma, dass bis heute viele Skigebiete Österreichs mit ihren voll beschallten Partyhütten Sperrgebiete für mich sind. In solche akustischen Folterkammern will ich einfach nicht hineingeraten. Auch nicht in Skigebieten im Montafon. Dachte ich zumindest. Aber ich hatte keine Wahl.
Schuld waren mein alter Freeride-Kumpel Akki Bruchhausen und der Alpenwetterbericht... In einer frostigen Februar-Nacht tuckerten Kilian Kimmeskamp und ich mit meinem schon etwas betagten Kleinbus voll bepackt über die A96 Richtung Bregenz. Aus leichtem Schneegestöber im Alpenvorland wurde ab Bludenz ein undurchdringlicher Flockenwirbel, der an eine explodierende Daunenfabrik erinnerte. Schlagartig wurde uns klar, warum das Montafon als klassische Staulage gilt: Die Vorarlberger Berge stellen sich als erste den von Nordwesten anstürmenden Schneewolken in den Weg. Wie effektiv diese Powder-Blockade funktioniert, erlebten wir bei der Auffahrt ins 900 Meter hoch gelegene Örtchen St. Gallenkirch: ohne Ketten ging nichts mehr.
Zu dem gemütlichen Holzhäuschen, in das sich unser Mit-Rider Akki einquartiert hatte, stapften wir durch knietiefen, trocken knarzenden Neuschnee. Wir sahen aus wie die Weihnachtsmänner, als wir kurz nach Mitternacht an die rustikale Hüttentür klopften. Uns begrüßte ein ziemlich erschöpfter Kumpel, sichtlich gezeichnet vom Après-Zauber und den Schlagerparaden und Thekenflirts seiner ersten beiden Test-Tage im Skigebiet. Mir schwante Fürchterliches. Doch draußen rauschte die weiße Pracht weiter vom Himmel. Am nächsten verdammt frostigen Morgen ächzten die umliegenden Wälder und Bergflanken unter der üppigen Neuschneelast.
Keine Zeit für Frühstück, ein schnell hinuntergewürgter Automaten-Kaffee an der Talstation der Kabinenbahn in Gaschurn musste reichen. Bei der Auffahrt vertrieb die aufsteigende Sonne letzte Wolkenfetzen aus den fett verschneiten Bergen. Ähnlich schnell lösten sich auch meine Wahnvorstellungen von DJs, Schlagerparaden und Live-Musik-Dauerfeuer in Wohlgefallen auf. Denn auf der etwa 2.010 Meter hohen Versettla präsentierte sich ein extrem zweigeteiltes Bild: mein rechtes Auge bestätigte die Vorurteile in Gestalt eines dieser österreichischen Alpen-Großrestaurants mit heftiger Außenbeschallung und dahinter sich abzeichnendem dichten Netz aus Liftanlagen und Pisten; mein linkes Auge dagegen schielte in ein Biotop, bei dessen Anblick jedes Freerider-Herz einen gewaltigen Sprung macht.
Dort, im Südosten, gab es keinerlei menschliches Treiben, nur weite weiße Gebirgszüge. Direkt am Silvretta-Nova-Skigebiet liegt eine sichelförmige Bergflanke, die am 2.247 Meter hohen Vorgipfel namens Burg beginnt und über per Tourenski perfekt begehbare Flanken und Grate bis zur 2.466 Meter hohen Madrisella führt. In diesem großartigen Areal finden sich ganz unterschiedliche Abfahrtsvarianten mit Expositionen von West bis Nord. Erst einmal machten wir jedoch ein paar Runs mit Liftunterstützung und groovten uns im perfekten Powder ein. Danach klebten wir die Felle unter die Planken und entflohen dem Skigebiet. Für die ersten beiden Skitage reichte uns die Bergschüssel bis zur Madrisella völlig aus.
Lange Turns und staubender Powder in einer weiten Nordwestflanke, danach ein steiles, üppig mit Tiefschnee gefülltes Couloir mit leicht verstecktem Einstieg und schlussendlich der Gipfel der Madrisella, von dem sich wiederum drei Möglichkeiten boten. Zuerst wählten wir den Run direkt unterhalb des Gipfels durch weite, mittelsteile Surfhänge, die in nebeneinander liegenden Rinnen und Durchgängen mündeten und nach kurzer Traverse in einem Hochtal entlang eines Gebirgsbaches mitten am Lift-Knotenpunkt endeten. Nach dem zweiten Aufstieg ging es durch ein steiles, nordseitiges Couloir, in das wir über ziemlich ausgesetztes Gelände direkt hinter dem Gipfelkreuz abrutschten.
Beim dritten Mal Madrisella zogen wir die Felle ab, um mit ein paar Turns nach Südosten zu schwingen und nach erneutem Aufstieg zum 2.390 Meter hohen Matschuner Joch die nächste langgezogene Bergkette zu betreten. Erst hier oben ahnten wir, dass unser bisheriger Playground nur ein Vorgeplänkel zu allem war, was uns erwartete: Weite unberührte Landschaft mit unzähligen Aufstiegs- und Abfahrtsvarianten. Im Osten ging der Blick von der Bieler Höhe bis zum Piz Buin, im Süden präsentierten sich wuchtige Berge bis zur österreichisch-schweizerischen Grenze. Diese unerwartete und zugleich erschreckende Weitläufigkeit war vielleicht der Grund, als naheliegendes Tourenziel vorerst die knapp 2.700 Meter hohe Heimspitze zu wählen.
An deren Gipfelkreuz saßen wir etwa eineinhalb Stunden später und machten Rast mit Brot, Käse, Wasser und einer großen Portion Hochgebirgs-Demut. Im goldenen Nachmittagslicht starteten wir dann unseren Home-Run. 1.400 Höhenmeter Freeride-Fun mit allem, was das Riden im Montafon ausmacht – mit felsdurchsetztem Gelände, weiten mittelsteilen Hängen, engen Durchgängen, Passagen mit lichtem Wald, einem sich windenden Holzfällerweg zur kleinen Talstraße von Gargellen und schließlich einer Bushaltestelle, an der schon nach kurzer Zeit ein zitronenfaltergelbes Exemplar des Verkehrsverbunds Vorarlberg auftauchte. Fazit: Die Reise ins Epizentrum der Volksmusik entpuppte sich als Reise in unberührten Powder.
Statt im Menschentrubel unterzugehen und von ständiger Hütten-Gaudi gequält zu werden, verlor ich mich in einsamen Skitouren, tief verschneiten Offpiste-Hängen und ungeahnt weitläufiger Berglandschaft. Ab sofort bin ich der größte Fan des Montafons und künftiger Stammgast. Nur in Bezug auf Schlager und Volksmusik werde ich wohl weiter Hardliner bleiben...





Fahrer: Akki Bruchhausen, Kilian Kimmeskamp



