Österreich · Zillertal Alps
David Lama’s Backyard
Ausgabe 2019 · Text: Jim Morrison · Fotos: Christian Pondella · 5 min Lesezeit

Oktober 2018. Als Hilaree und ich ins Yak & Yeti in Kathmandu gingen, um unsere Abfahrt am Lhotse zu feiern, bemerkten wir David Lama in der Lobby. Ich ging auf ihn zu und er begrüßte mich mit einem …
Oktober 2018. Als Hilaree und ich ins Yak & Yeti in Kathmandu gingen, um unsere Abfahrt am Lhotse zu feiern, bemerkten wir David Lama in der Lobby. Ich ging auf ihn zu und er begrüßte mich mit einem freundlichen, jungenhaften Grinsen. Er stand kurz vor seiner Expedition zum Lunag Ri, einer Tour, die er zweimal mit Conrad Anker versucht hatte, nur diesmal sollte es solo sein. Wir lachten über den Zufall, uns hier über den Weg zu laufen, und schworen, uns für den nächsten Winter zum Skifahren zu treffen. Unsere Wege kreuzten sich danach noch ein paar Mal und es wurde immer deutlicher, dass David nicht nur ein erstaunlicher Kletterer, sondern im Herzen auch ein echter Skifahrer war.
Ein paar Monate später traf ich David in München und wir vereinbarten endlich eine gemeinsame Tour. David wollte sich in einem Fast-Food-Café bei Innsbruck treffen. Seine Liebe zu Kaffee und Gebäck war fast gleichzusetzen mit seinem ungezähmten Durst nach den Bergen. Sogar hier in einem Café war die Aura dieses Menschen deutlich spürbar. David nahm sich trotz unzähliger Termine Zeit, wichtige Momente zu schätzen und präsent zu sein. Wir machten uns auf den Weg und folgten Davids Auto zu einem seiner Lieblings-Spots in seinen Heimatbergen. David erklärte, dass dies der kälteste Ort sei und es dort den besten Schnee und tolle Abfahrten gebe. Wir fellten auf und begannen mit dem langen Weg zu unserem Tagesziel. Davids Rucksack war winzig.
Im Vorfeld hatte er mir gesagt, dass wir auf dem Weg einen steilen, eisigen Abschnitt klettern müssten, der heftig sein würde. Ich fragte ihn, ob ich eine Seilklemme einpacken sollte. „Gute Idee“, antwortete er lachend. Und nun waren wir hier, spurten das Tal hinauf und näherten uns der Schlüsselstelle, die uns zu dem 800 Meter langen, supersteilen Couloir bringen sollte, über dem eine 100 Meter hohe Klippe thronte. All das klang für mich wie ein Traum. Der Schnee war perfekt. Diejenigen unter uns, die einem Lebensgefühl hinterherjagen und nach anspruchsvollen Erfahrungen suchen, genießen die Herausforderung scheinbar risikoreicher Unternehmungen.
Vielleicht liegt es daran, dass das Risiko unseren Fokus präzisiert, unsere Hartnäckigkeit klarer und das Erlebnis lebendiger macht. Ich persönlich fühle mich in diesen Momenten mehr mit meiner Umgebung, Familie, Freunden und der Essenz des Lebens verbunden und bin dann auch jenen Menschen näher, die ich in den Bergen verloren habe. Ich fühlte mich schnell mit David verbunden, weil er eine ähnliche Leidenschaft für Risiko und Belohnung hatte. Er war nicht leichtsinnig, sondern freundlich, aufgeschlossen und hatte einen scharfen Verstand. Nachdem wir weit genug das Tal hinaufgestiegen waren, zeigte uns David mehrere seiner beeindruckenden Erstbegehungen.
Er betonte, wie besonders dieser Ort sei, und merkte dann an, dass der „heftige“ Teil unseres Aufstiegs heute leicht aussah. Er verstaute einen seiner Pickel und ging mit einem Skistock in der anderen Hand los. Ich hatte nur einen Eispickel dabei, da ich dachte, eine Steigklemme zu benutzen, also machte ich es wie David und folgte ihm etwas verunsichert. Das Eis verschlechterte sich, und unser Fotograf Christian bestand auf einem Seil. Aus Davids Rucksack kamen ein futuristisches 5-mm-Seil und einer seiner selbsthergestellten Felshaken zum Vorschein. David kicherte. Es machte ihm hörbar Spaß, uns zu sichern. Danach traversierten wir erst nach oben und schließlich horizontal über ein Felsband. David war an seinem Lieblingsort angekommen.
Als er die Skier anschnallte und losfuhr, verschlug es uns die Sprache. Die meisten Kletterer seiner Güte können einigermaßen Skifahren, aber sie sind nicht besonders gut. David räumte schnell mit diesem Vorurteil auf. Gut gelaunt ging es 2.500 Höhenmeter nach unten bis zum Auto. Am nächsten Morgen schickte ich David ein Foto von einer Steilrinne, die wir ausgemacht hatten. David musste an diesem Tag arbeiten, gab uns jedoch alle Tipps, die wir wissen mussten, um dort hinzukommen. Wir erreichten das Couloir von der Nordkette aus, fuhren ab und fellten wieder auf. Einen Dreivierteltag später landeten wir in einer kleinen Hütte, die Freunden von David gehörte.
Danach fuhren wir zur Schneegrenze ab, gingen ein Stück zu Fuß und stiegen in einen Zug zurück in die Stadt. Wir waren 21 Kilometer durch Davids Berge unterwegs gewesen. Am nächsten Tag war er wieder dabei und fuhr uns zu einem beliebten Skitourengebiet. Bald lösten wir uns von der Hauptspur und kletterten zwanglos auf einen Felsgrat. Darunter ein Hang, der in ein anderes Tal führte – Davids heutiges Vorhaben. Anstatt abzuseilen schlug er vor, frei zu klettern. Blitzartig und als gäbe es einen Weg, stieg er die 50 Meter hinab. Seine Bewegungen mit Skiern und Stöcken in den Händen waren präzise und sicher. Wir machten es ihm nach, aber langsamer und vorsichtiger.
Diesmal waren wir nur zu dritt, und wir hatten bereits genug Fotos gemacht, also wollte David in einem Zug durchfahren. Ein paar große Schwünge im Pulver, ein kurzer Sprung in der engen Rinne und weg war er. Heute kann ich sagen, dass es mich mit Glückseligkeit erfüllt hat, David durch die Berge seiner Heimat zu begleiten. Die Art und Weise, wie er sich bewegte, sein Können und seine Anmut waren unvergleichbar. Ich hatte die Zeit meines Lebens mit David Lama† beim Skifahren. Er berührte mich mit seinem Charisma, seiner sanften Art und seiner unsterblichen Leidenschaft. Ich bin unglaublich dankbar dafür, dass ich Zeit mit ihm verbringen und mit ihm lachen konnte.
Wir sind alle mit unserem eigenen Leben beschäftigt, aber es ist wichtig, sich Zeit zu nehmen und hin und wieder einen Kaffee oder ein Bier mit Freunden und Familie zu genießen; ein bisschen länger zu bleiben; noch eine Seillänge weiterzuklettern und mehr Ski zu fahren. Ich nehme diese Erinnerungen mit. Sie werden nie sterben. David wird so lange in meinem Herzen leben, wie es schlägt, und ich kann es kaum erwarten, in den Bergen Innsbrucks erneut seinem Geist zu folgen.





Fahrer: David Lama †, Jim Morrison, Mike Arnold



