Neuseeland · Tasman Glacier (Mt. Cook National Park)
A Dream with Obstacles
Ausgabe 2013 · Text: Stefan Schlumpf · Fotos: Stefan Schlumpf · 5 min Lesezeit

Einige Male dachte ich schon über eine Reise ans andere Ende der Welt nach... Irgendwie passte es aber bislang nie. Jetzt ergreife ich die einmalige Gelegenheit und folge der Einladung in den …
Einige Male dachte ich schon über eine Reise ans andere Ende der Welt nach... Irgendwie passte es aber bislang nie. Jetzt ergreife ich die einmalige Gelegenheit und folge der Einladung in den neuseeländischen Winter nach Wanaka, einer kleinen Stadt im Queenstown-Lakes-District auf der Südinsel, in deren Umkreis drei Skigebiete zu finden sind. Der erste Schnee ist dort bereits gefallen, so dass bei mir Vorfreude aufkommt. Nach einer Knieverletzung und einer deshalb verkürzten letzten Skisaison kann ich es kaum erwarten, endlich wieder auf den Brettern zu stehen. Kontakte zur lokalen Freeride-Szene habe ich auch schon geknüpft. Es kann also losgehen...
Mein Kameraequipment besteht aus zwei Kamera-Bodys, Nikon D4/D800E, und Objektiven mit Brennweiten von 14-300 mm. Mit Stativ, Laptop, dem Ski-Equipment, Bergausrüstung und einem Minimum an Klamotten wiegt allein mein Handgepäck stattliche 17 Kilo. Dieses muss ich geschickt am Check-in vorbei mogeln. Der Trick: den 17-Kilo-Fotorucksack so leger tragen, dass er wie fünf Kilo ausschaut, und sich beim Boarding im Hintergrund halten. 3. August 2013. Auf dem Zürich Airport geht mein Blick ungläubig auf die Anzeigetafel: Flug gecancelt. Technische Probleme am Flieger verhindern den Start nach London, und auch der Anschlussflug ist überbucht – keine Chance. Ein Systemfehler macht die Umbuchung kompliziert.
Ich werde zurückgeschickt und wollte doch erst in vier Wochen wieder zuhause vorbei schauen. Vier Stunden und einige irritierende Telefonate später stehe ich wieder am Schalter: Ich fliege noch heute. Aufatmen, wobei das handgeschriebene Ticket für Restskepsis sorgt. Die Routenänderung über Australien verursacht neue Verwirrung am Check-in. Visum? 5. August. Neuseeland empfängt mich nicht ganz mit offenen Armen: 50 lange Minuten muss ich die Zollbehörde davon überzeugen, dass ich trotz des Fotoequipments kein Arbeitsvisum brauche... Zwei Wochen später treffe ich die beiden Rider Lucas aus Bariloche/Argentinien und Nadine aus Innsbruck. Das Projekt „Freeride Neuseeland“ geht an den Start.
Der wärmste Winter seit 1860 mit schlechten Schneebedingungen verhindert die geplante Reise zum Fox Glacier, Mount Cook National Park. Einheimische empfehlen die andere Seite der Bergkette – Tasman Glacier. Wir entscheiden uns für die Tasman Saddle Hut, eine einfache Hütte ohne Strom, Heizung und Kochgelegenheit inmitten einer grandiosen Bergwelt. Der Zugang zur Hütte ist mühsamer als in Europa – den eintägigen Fußmarsch über Gletschermoränen können wir mit unserem Gepäck nicht unternehmen. Hier transportieren Gletscherflieger oder Helikopter. Nach einer kleinen Schlechtwetterfront sehen die Bedingungen gut aus. Wir packen und fahren Richtung Mount Cook National Park. Gespannt stehen wir auf dem kleinen Flughafen.
Trotz guter Wetterprognosen schlägt das Wetter unerwartet kurzfristig um. Keine Chance, zur Hütte zu kommen, der Wind ist zu stark. Ich werde ungeduldig. Mein Rückflug ist auf Ende August geplant, und das nächste Wetterfenster kommt erst gegen Ende der Woche. So verlängere ich meinen Aufenthalt – ohne Bilder reise ich nicht nach Hause. Die letzte Augustwoche lässt endlich Freeridern und Fotografen das Herz höher schlagen. Einer kurzen Schlechtwetterfront mit etwa 30 cm Neuschnee folgt ein Hochdruckgebiet. Erneut einkaufen, packen, losfahren. Der erste Tag im Mt. Cook Park vergeht mit Unmengen von Höhenmetern. Das Gefühl, wir müssten etwas nachholen, treibt uns immer weiter.
Erst mit Einbruch der Dämmerung und nach vielen Runs rund um unsere Basis Tasman Saddle Hut geben wir uns für heute geschlagen. Die Schneebedingungen entsprechen den Vorhersagen, und die gewaltigen Gletscherabbrüche bieten beeindruckende Motive. Berge und Gletscher gibt es in der heimatlichen Schweiz zwar auch genug – jedoch nicht mit einem Meer in der Ferne. Müde, aber glücklich, sitzen wir abends in der einfachen Hütte „in the middle of nowhere“ und erleben spektakuläre Sonnenuntergänge und -aufgänge, die alle Mühen vergessen lassen. Unser Wunsch-Gipfel ist der Elie de Beaumont, mit seinen 3.109 Meter Höhe eine imposante Erscheinung mit furchteinflößenden Gletscherabbrüchen.
Vor dem ersten Morgenlicht überqueren wir den Tasman Glacier, dessen Spalten gut passierbar sind. Ein erster steiler Anstieg führt in immer größere Spalten und Abbrüche. Wir weichen aus und überqueren eine erste labile Schneebrücke. Weitere folgen. Dann stehen wir vor einer Spalte, die das Aus bedeutet. Nach 3,5 Stunden Aufstieg müssen wir aufgeben. Zu groß ist das Risiko. Ernüchterung macht sich breit. Als Alternative bleibt der etwa zwei Stunden entfernte Hochstetter Dome. Nichts Riesiges, aber ein Gipfel. Flexibilität und Bergerfahrung lassen uns schnell erkennen, dass um den Gipfel herum spektakuläre Abfahrten zu erwarten sind. Wir sind verhältnismäßig früh in der Zeit und nutzen den Tag voll aus – zusätzliche Aufstiege und Shootings.
Tief blauer Himmel, Sonnenschein, Schneekristalle glitzern im Licht. Schroffe Felsen mit unberührten Schneefeldern liegen vor uns. Für einen kurzen Moment steht die Zeit still, und wir halten den Atem an. Ehrfurcht vor der Schönheit der Natur. Diese Empfindung gilt es festzuhalten. Es kribbelt in den Fingern. Auch Nadine und Lucas sind überwältigt. Jetzt zählen Sekunden. Das Licht schiebt sich langsam über die Bergkuppe und wird bald den perfekten Schatten werfen, der richtige Augenblick für den Auslöser, wenn die Rider den Idealpunkt erreichen... „The First Line“ gibt es halt wirklich nur, wenn du der Allererste bist...
Trotz der Enttäuschung, den geplanten Gipfel nicht erreicht zu haben, sind die Aufnahmen dieses Tages der schönste Lohn für die vielen Höhenmeter, die Ausdauer und unsere Geduld. Trotz der Hindernisse war dieser Trip jede Anstrengung wert. Neuseelands beeindruckende Landschaft kann ich Freeridern und Fotografen, die gewillt sind, ein paar Kilometer zu laufen, nur empfehlen. Ich habe viele hilfsbereite Menschen kennengelernt und hatte das Vergnügen, mit einer hoch motivierten Crew eine tolle Reise zu erleben. Diesen Text schreibe ich übrigens im Flughafen von Queenstown und verfolge, wie ein Flug nach dem anderen gecancelt wird wegen Schnee und Sturm. Mal sehen, wie ich nach Hause komme...





Fahrer: Lucas Swieykowski, Nadine Wallner

