Neuseeland · Southern Alps (Craigieburn Valley / Mt. Olympus)
Moving Mountains
Ausgabe 2016 · Text: Hanna Finkel · Fotos: Jakob Schweighofer · 4 min Lesezeit

Neuseeland, das Land der Sehnsüchte und Träume. Ein Land am anderen Ende der Welt, wo man gelassener lebt UND Ski fährt. In der weitgehend unversehrten Natur der Southern Alps scheint die Zeit noch …
Neuseeland, das Land der Sehnsüchte und Träume. Ein Land am anderen Ende der Welt, wo man gelassener lebt UND Ski fährt. In der weitgehend unversehrten Natur der Southern Alps scheint die Zeit noch still zu stehen. Vom anstrengenden Treiben auf den Skipisten europäischer Skigebiete keine Spur. Überhaupt muss man nach „richtigen“ Skiliften und gewalzten Pisten lange suchen. Stattdessen bestimmen Bodenständigkeit und Offenheit das Leben. Einsame Clubfields – von Privatleuten oder dem örtlichen Skiverein betriebene Skigebiete – strahlen eine herzliche Atmosphäre aus und bieten ein unendliches Freeride-Potential.
Die Suche nach atemberaubenden Abfahrten mit Freunden und der Traum von Selbstverwirklichung trieb uns in das Herz der neuseeländischen Südalpen. Auf dem Prüfstand: eine gemeinsame Vision. Es ist September 2015. Über zehn Jahre sind vergangen. Der Kreis schließt sich. Ich stehe wieder auf neuseeländischem Boden. Dieses Mal mit meinen eigenen Skiern und einer selbst entwickelten Skibindung an den Füßen. Fünf neuseeländische Winter lebte ich einst als Skibum in einer einfachen Hippiekommune unter Gleichgesinnten. Jeden Tag war ich am Berg und fuhr Ski. Das Skifahren wurde Stück für Stück zu meinem Lebensinhalt. Zu jener Zeit nahm auch der Traum von einer eigenen Skifirma immer mehr Gestalt an.
Die bewusste Auseinandersetzung mit meinen persönlichen Bedürfnissen am Berg brachte schon damals einen wichtigen Stein ins Rollen. Vor diesem Hintergrund reifte in mir schließlich die Idee zu einem neuartigen Bindungssystem für den Skitouren- und Freeridebereich heran, perfekt in Bezug auf Sicherheit, Komfort und Performance und mit dem Ziel, keine Kompromisse mehr am Berg eingehen zu müssen. Und jetzt stehe ich hier. Gemeinsam mit den Menschen, die mich auf meinem Weg mit meiner Firma B.A.M. begleitet haben. Im Herzen der neuseeländischen Südalpen. Kurz vor der Jungfernfahrt mit dem Protopyen der PINDUNG®. Meinen Freunden Michl, Joi, Jakob und mir steckt immer noch der Jetlag des 25-stündigen Flugs von München nach Christchurch in den Knochen.
Nach einer beschwerlichen Autofahrt durch das verlassene Niemandsland des Selwyn Districts sind wir endlich am ersten Ziel unserer Reise angekommen: Craigieburn Valley. Der Wind peitscht uns ins Gesicht, die Sicht ist schlecht und es ist kalt. Das unberührte Schneefeld vor uns ist mit einem eisigen Harschdeckel überzogen. Die Bedingungen zum Skifahren sind alles andere als gut. In den Gesichtern meiner Kameraden lese ich Skepsis gegenüber dem, was uns bevorsteht: Die ersten Schwünge mit den Bindungsprototypen. Auf einmal gehen mir tausend Dinge gleichzeitig durch den Kopf. Michl klopft mir ermutigend und motivierend auf die Schulter. Zuversicht. Mit einem Mal bin ich froh, in diesem Moment nicht alleine zu sein.
Nervös setze ich zum ersten Schwung an... Nichts passiert. Rhythmisch ziehe ich meine Schwünge Richtung Tal. Das geräuschvolle Kratzen meiner Skier auf dem Harschdeckel hallt in meinen Ohren wider. Was für ein Lärm. Doch die Bindung hält. Ich spüre unbeschreibliche Erleichterung. Nervös schaue ich zu meinen Kameraden am Gipfel zurück. Ihrer hohen Geschwindigkeit nach zu urteilen, scheinen meine Freunde bereits viel mehr Vertrauen in meine Konstruktion zu haben. Ich muss grinsen. Und auf einen Schlag fällt der ganze Druck der vergangenen Wochen und Monate ab, den die Gründung der Firma und die Umsetzung der Bindungsidee mit sich brachten. Schwungvoll pfeifen Joi, Jakob und Michl nacheinander an mir vorbei.
Mein Grinsen breitet sich nun über das ganze Gesicht aus. Die Bindung funktioniert. Euphorisch schiebe ich zweimal kräftig an und verdopple die Geschwindigkeit, um an meinen Kameraden dranzubleiben. Aufgedreht sitzen wir an diesem Abend zusammen. Wir fühlen uns wie kleine Kinder, die zum ersten Mal in ihrem Leben ohne Stützräder Fahrrad gefahren sind. Jeder einzelne stolz auf das, was wir gemeinsam geschafft haben. An den darauffolgenden Tagen setzen wir unseren Trip durch die Südalpen Neuseelands fort. In der Porters Ski Area finden wir die perfekten Bedingungen zum Tourengehen. Wir steigen zahlreiche Höhenmeter im Backcountry von Porters auf und testen die Aufstiegsperformance der Bindung.
Das Testen des Pin-Systems verläuft nicht ganz reibungslos, was mich beunruhigt. Aber wieder sind es meine Freunde, die mir Mut machen: „Wird schon werden, mein Bester.“ Fünf Wörter, die typisch für Neuseeland sind. Offensichtlich hatten Joi, Jakob und Michl die tolerante Kiwi-Mentalität bereits angenommen. Während der Fahrt über den Arthur's Pass zum Mount Olympus Ski Club Field stellen wir zum ersten Mal fest, dass unsere Gedanken bis dato ständig um die Bindung kreisten. Das wollten wir ändern. Im anspruchsvollen „Playground of the Gods“, wie das Skigebiet am Fuße des Mount Olympus auch genannt wird, sollte die Sehnsucht nach atemberaubenden Abfahrten gestillt werden.
An den darauffolgenden Tagen tauchen wir zum ersten Mal bewusst in diese faszinierende easy-going Atmosphäre ein, für die das Land der langen weißen Wolke berüchtigt ist. Dort, wo Werte noch eine große Rolle spielen. Wir genießen das stressfreie Skifahren und sind angetan von der Aufgeschlossenheit jener Menschen eines Landes, von dem man weiß, dass einem dort nichts zustoßen wird. Wir fühlen uns aufgehoben. Weit weg von diesem anstrengenden und von Leistung bestimmten Leben im dichtbevölkerten Europa scheinen wir nach langer Zeit wieder einmal zu uns zu kommen. Success never happens alone. Ausgerechnet am anderen Ende der Welt im Kreis meiner Freunde wird mir auf einmal bewusst, was das bedeutet.
Wo Visionen, Träume und Leute sind, die hinter einem stehen, entsteht die Möglichkeit, über sich hinauszuwachsen und Grenzen zu überwinden. Was uns zusammenschweißt und uns zusammen Berge versetzen lässt, ist eine gemeinsame Leidenschaft: Berge im Blut.





Fahrer: Hanna Finkel, Joi Hoffmann, Michl Normann, Markus Steinke

