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USA · Sierra Nevada

A State of Mind

Ausgabe 2016 · Text: Max Hammer · Fotos: Christian Pondella · 5 min Lesezeit

A State of Mind

Drei Abenteurer, verbunden durch ihre Passion, treffen sich in den Eastern Sierra Mountains, um sich gewaltigem Terrain in einer extremen Landschaft zu stellen. Diese Aufgabe wird sie entweder …

Drei Abenteurer, verbunden durch ihre Passion, treffen sich in den Eastern Sierra Mountains, um sich gewaltigem Terrain in einer extremen Landschaft zu stellen. Diese Aufgabe wird sie entweder zusammenschweißen – oder auseinanderreißen. Christian Pondella ist der Anführer, der Fotograf und der Local (insofern in diesen Bergen überhaupt irgendjemand ein Local sein kann). Forrest Shearer, der Snowboarder aus Utah, lechzt nach Terrain. Und dann bin da noch ich, der Jungspund, der Erfahrung aus den Bergen Wyomings mitbringt und diese in einer neuen Umgebung testen möchte. Wir sind uns der Risiken bewusst, haben alle Routen recherchiert und müssen nur noch ins Abenteuer eintauchen.

Wie Bergziegen wollen wir die Sierra erobern, angetrieben von Neugier und Entschlossenheit. Das Owens River Valley grenzt an die östlichen Ausläufer der mächtigen Sierra Mountains Kaliforniens. Ein Wüstenhochland, in einem Tal auf etwa 1.980 Metern und mit Temperaturen bis zu +21 Grad Celsius im Winter. Salbeisträucher, Felsen und Staub beherrschen die Landschaft. Sonst findet man nicht viel in dem Tal, sieht man aber nach oben, dann locken weiße Berggipfel. Wir gehen im T-Shirt los, durchqueren das Unterholz, unsere Rucksäcke überladen mit Ausrüstung, Verpflegung und Gas für fünf Tage. Die Skier und Boards hängen am Rucksack und erscheinen aufgrund des Schneemangels fehl am Platz.

Doch wir wissen, dass wir hoch oben auf andere Bedingungen stoßen werden. Christian Pondella hat sich auf dieses Gebirge eingeschossen und kennt es wie seine Westentasche. Er prescht voran und macht Höhenmeter, um endlich ins „Farbenspiel“ einzutauchen. John Muir hatte die Sierra als erster so beschrieben – wahrscheinlich der Grund, warum sich Christian hier niedergelassen hat. Und das Licht ist tatsächlich unglaublich, lässt sich schwer beschreiben. Man muss in diesen Bergen sein, um es zu verstehen, denn man sieht bisher unbekannte Farben. Das spektakuläre Licht lässt dich innehalten, zwingt dich zum Starren und Staunen.

Zwischen 1.980 und 3.500 Metern laufen wir, schlagen uns den Weg durch den Busch, überwinden einen heftigen Fluss und legen in der Hitze des Tages die Felle an. Es geht nur zäh voran, aber bei Einbruch der Nacht finden wir einen Lagerplatz in einem Moränenbecken unterhalb des Cardinal Mountains. Es tut gut, die schweren Rucksäcke abzusetzen. Am nächsten Morgen wachen wir mit Muskelkater auf. Es ist das Licht, das uns aus den Schlafsäcken direkt in unsere Boots befördert. Die Hänge um uns herum sind zu verlockend. In den nächsten Tagen werden wir trotz Muskelkater so viel wie möglich steigen und abfahren.

Das Split Couloir ist ein tiefer Riss, der den Pfeiler des Split Mountain (4.286 Meter) mittig durchtrennt und einen fahrbaren Hang hinterlassen hat. Obwohl er sehr versteckt liegt, reicht schon ein kurzer Blick, um das Herz eines jeden Skibergsteigers höher schlagen zu lassen. Sieht man genauer hin, erkennt man ein langes, steiles Couloir mit Eisabbrüchen und wenig Fels zur Sicherung. Ein echtes Abenteuer mit vielen unbekannten Faktoren. Deshalb sind wir hier. Bald steigen wir mit Fellen bis auf einen Grat, gehen in eine Senke hinunter, um sofort wieder mit Fellen weiter zu steigen. Wir erreichen nach ein paar Stunden den Fuß des Hanges und stoßen auf den ersten Eisabbruch. Christian geht voraus.

Wir sichern die Route in Teamarbeit mit Abseilhaken und erreichen nach dem Eis besten Pulverschnee. Wir steigen weiter und wechseln uns beim Spuren ab. Nach mehreren Tagen hoch oben in der Sierra eröffnet sich uns eine neue Realität, ein Geisteszustand, in dem wir nicht in Worten, sondern in Bewegung denken. Wir reduzieren uns auf unsere Körper und Sinne, pure Aktivität. Nach Bedarf halten wir an, um zu essen und zu trinken. Die Kommunikation wird minimal, meist reicht ein Kopfnicken. Worüber wir sprechen, ist die Lawinengefahr. Wir diskutieren, wie sich der Schnee anfühlt und worin wir Gefahr vermuten. In diesem Hang sind vor einigen Jahren zwei erfahrene und bekannte Bergsteiger in einer Lawine umgekommen. Christian kannte sie persönlich.

Unsere Entscheidungen werden von der Erinnerung an sie und zahllose andere Lawinenopfer überschattet. Wir lassen uns von unserer Intuition leiten und testen diese dann in vorsichtigen Experimenten. Ich bin hergekommen, um völlig in meiner Bewegung aufzugehen, sodass nur noch die Gegenwart zählt. Genau dann funktioniere ich am besten. Ich bin derart fokussiert, dass ich mich später kaum an ein Abenteuer erinnern kann. Nur die Gewalt des Windes kann ich noch spüren. Böen so stark, dass sie uns umwarfen. So brutal, dass man nur in kleinen Windpausen weitergehen konnte. Tatsächlich zwang er uns in die Knie. Unsere Zeit auf dem Gipfel war daher trotz des wundervollen Ausblicks auf ein Minimum begrenzt.

An die Abfahrten kann ich mich fast überhaupt nicht erinnern, aber ich bin mir sicher, sie waren phantastisch. Alles, was für mich zählt, ist die pure Bewegung und dass wir die Tour sicher beendet haben. Nach über zwölf Stunden sind wir wieder im Camp. Im Mondschein krabbeln wir in unsere Schlafsäcke und können uns kaum mehr bewegen, geschweige denn die Augen offenhalten. Wir bringen gerade noch genug Energie auf, um Essen zu machen. Die Kalorien erwecken wieder ein paar Lebensgeister. Wir sind fertig, aber auch glücklich. Beginnt und beendet man eine Tour im Dunkeln, erlebt man das ganze Lichtspektrum von dunkel über weich und lebendig bis grell und wieder zurück. Es hat etwas Magisches. Der romantische Teil in mir möchte das jeden Tag erleben.

Aber dann zerstört der Wind meine Träume. Ein Sturm kommt auf und wir haben unsere Vorräte aufgebraucht. Wir müssen absteigen, weg vom magischen Licht, zurück zu Salbeisträuchern, Häusern und Menschen. Das deprimiert und ist eine Erleichterung zugleich. Ich freue mich auf die Frau, die ich liebe, auf gutes Essen, eine heiße Dusche und etwas Komfort. Und wenn ich mich wieder nach spektakulärem Licht und Abenteuer sehne, ist die Sierra für mich da.

A State of Mind
© Christian Pondella
A State of Mind
© Christian Pondella
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© Christian Pondella
A State of Mind
© Christian Pondella
A State of Mind
© Christian Pondella

Fahrer: Max Hammer, Forrest Shearer

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