USA · Sierra Nevada
The Other California
Ausgabe 2018 · Text: Hans Ludwig · Fotos: Christian Pondella · 4 min Lesezeit

Ich stehe in einer Felsnische am Rand eines Couloirs, trotze dem Wind und bereite mich vor, loszufahren. Der Schnee ist perfekt, der Himmel blau. Glatte Granitwände rahmen meinen Blick nach unten …
Ich stehe in einer Felsnische am Rand eines Couloirs, trotze dem Wind und bereite mich vor, loszufahren. Der Schnee ist perfekt, der Himmel blau. Glatte Granitwände rahmen meinen Blick nach unten ein: Ein mehrere hundert Meter langer Hang, unendlich scheinendes, hochalpines Gelände, das weiter unten in eine nackte Wüstenlandschaft aus Sand und Salbeisträuchern mündet. Die Berge um mich herum reichen bis an den Horizont; weißer Schnee und Granit, eine riesige leere Wildnis. Diese Gegend ist so unendlich weit, und mit der Wüste im Tal könnte es auch irgendwo in Pakistan, Afghanistan oder vielleicht Usbekistan sein. Als wir zurück zu unserem Pickup kommen, holen wir uns Burritos in einem mexikanischen Restaurant. Das ist definitiv Kalifornien.
Das andere Kalifornien. Die Sierra Nevada, von den spanischen Eroberern im 17. Jahrhundert ziemlich phantasielos benannt – „schneereiches Gebirge“, ist die nach Osten zeigende, erhöhte Wirbelsäule Kaliforniens mit einem Kamm aus mehr als einhundertzwanzig 4.000 Meter hohen Bergen, etwa 250 Kilometer lang von Nord nach Süd verlaufend. Das gesamte Gebirge ist entweder Nationalpark wie z.B. Yosemite, geschützte Wildnis oder irgendeine andere Form öffentlichen Landes, auf dem eine Erschließung strengstens verboten ist. Eine Wildnisoase inmitten des bevölkerungsreichsten Staats der USA, riesig und im Sommer relativ wenig besucht, im Winter so gut wie verlassen. In den höheren Lagen gibt es keinerlei Straßen, keine Bahn, Lifte, Hütten oder Mobilfunkmasten.
Der Fotograf Christian Pondella und ich begannen Anfang der 90er Jahre damit, in der östlichen Sierra Ski zu fahren. Als Anhänger des alpinen Fahrstils lehnten wir den wendigeren, für uns aber weniger interessanten Telemarkstil ab, den die Sierra-Skiabenteurer vor uns bevorzugt hatten. Stattdessen schleppten wir unsere Rennski mit Secura-Fix Tourenadaptern nach oben. Unsere Leiden sollten damit belohnt werden, dass wir die großen Couloirs besser und schneller befuhren, technische Herausforderungen leichter überwanden und, vor allem, richtig große und schnelle Linien fahren konnten.
Heute scheint ein 208er Riesenslalomski mit Stahlbindung und Rennschuhen kaum die rationalste Wahl für Touren in der Wildnis, damals jedoch wurden viele der legendären Couloirs in der Sierra genau so erstbefahren. Also krochen auch wir die Berge hinauf, um dann erschöpft am Gipfel zu liegen, in die Wildnis zu blicken und über eine Zukunft zu fantasieren, in der wir mit Jetpacks dorthin fliegen würden, wo wir unbekanntes Gelände befahren konnten. Die Jetpacks kamen schließlich vor etwa zehn Jahren in Form von Pinbindungen und ultraleichten Stiefeln, die so gut waren, dass man damit vernünftig längere Ski in anspruchsvollem Gelände und bei wechselnden Schneebedingungen kontrollieren konnte.
Mit der modernen Ausrüstung ist die pure Größe dieser Berge plötzlich viel übersichtlicher geworden. Gipfel, für die man früher drei Tage für Zustieg, Aufstieg, Abfahrt und Heimweg brauchte, macht man nun an einem Tag, zumindest wenn man Pondella heißt oder Himalaya-Bezwinger ist wie Hilaree Nelson oder Jim Morrison. Für Skifahrer wie Nelson und Morrison liegt der Reiz der Sierra allerdings nicht im traditionellen Gipfelglück – die Berge bieten echten Skifahrern viel mehr. Es ist vielleicht das beste Gebirge in den USA, was unverfälschten Skispaß und große, ästhetische Powder-Lines angeht.
Das kalifornische Klima, die relativ stabile Schneedecke und die satten Höhenmeter bieten einige der besten Abfahrten der Nation mit weniger Anstrengung und Lawinengefahr als in den Rockies oder Tetons. Und im Gegensatz zu den Alpen, Anden, dem Himalaya oder den großen Bergen Alaskas gibt es keine echten Gletscher mit Spalten und anderen Gefahren. Bis auf wenige Ausnahmen findet man hier nicht einmal tückisches Eis unter dem frischen Powder. Die Faszination der klassischen Abfahrten, die man an den östlichsten Steilhängen findet – Couloirs wie The Wahoo Gullies am Mount Locke, die Third Pillar Chute am Mount Dana und viele andere, die alle vom Highway 395 aus sichtbar sind – bleibt unvermindert.
Es gibt nur wenige Orte in den USA außerhalb Alaskas, die einen so einfachen Zugang zu einem derart weitläufigen Gelände bieten. Die meisten der klassischen, vom Highway 395 sichtbaren Skiabfahrten kann man mit Fellen, leichten Steigeisen und einer Eisaxt machen. Mit der heutigen Ausrüstung kann man nun aber auch in die zweite Reihe vordringen und die weiter entfernten Gipfel angehen – als Mehrtagestour, manches auch an einem Tag. Die neue, leichte Ausrüstung hat die bestehende Auswahl an Touren vielleicht übersichtlicher gemacht, sie hat aber auch die Tür zu unzähligen neuen geöffnet. Letztes Jahr wollten wir, Pondella und Co., nicht nur die bisher bekannten Touren wie die Wahoo Gullies am Mt.
Locke in der Nähe von Bishop machen, sondern endlich weiter und höher hinaus. Der Höhepunkt der letzten Saison war eine Tour mit Abfahrt durch die Ostwand des Mount Muir, einem Vorgipfel des Mount Whitney, dem höchsten Punkt der kontinentalen US-Staaten. Die Muir-Ostwand ist durch und durch steil und zerklüftet, eine beeindruckende Granitwand mit Felstürmen, die von einer schlanken Rinne durchzogen ist, die von zwei vertikalen Felsbändern unterbrochen wird. Hoch kommt man nur, indem man klettert; hinunter nur, indem man zwischendrin abseilt. Dafür bekommt man aber auch ein Band aus perfektem Powder, das aus 4.273 Metern Höhe direkt in das riesige Amphitheater der Whitney-Gruppe hinabführt.
In anderen amerikanischen Gebieten wäre dies eine Königslinie, die so gut wie jeder Skibergsteiger fahren möchte. Aber hier in der Sierra sind Pondella, Nelson und Morrison erst die dritte bekannte Seilschaft, die die Route bezwungen hat. Es gibt Dutzende reizvoller Touren wie diese in diesem anderen Kalifornien. Und sie warten alle geduldig darauf, endlich P-Tex-Beläge und Stahlkanten zu spüren. Auf was wartest Du noch?






Fahrer: Jim Morrison, Hilaree Nelson



