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Finnland · Käsivarren Erämaa (Lappland)

Arctic Finland

Ausgabe 2020 · Text: Antte Lauhamaa · Fotos: Mikko Lampinen · 5 min Lesezeit

Arctic Finland

Der Wind heult nicht nur, er tobt, versucht das Dach von unserer Hütte zu reißen und weckt uns mit seinem lauten Donnern auf. Das Feuer im Ofen ist erloschen und die Kälte beginnt, unter unsere …

Der Wind heult nicht nur, er tobt, versucht das Dach von unserer Hütte zu reißen und weckt uns mit seinem lauten Donnern auf. Das Feuer im Ofen ist erloschen und die Kälte beginnt, unter unsere Decken zu kriechen. Es gibt nur wenige, vielleicht eine Handvoll Menschen auf den nächsten 2.000 Quadratkilometern, und die nächste Straße ist 40 Kilometer entfernt. Die Landschaft hier ist rau, um es milde auszudrücken. Der einzige Baum, der hier wächst, ist die Polar-Birke, aber nur weiter unten in den Tälern. Die windgepeitschte weiße Wüste erinnert mich an eine Mondlandschaft. Wir befinden uns im Käsivarsi Wildnisgebiet, einem der nördlichsten Orte Finnlands.

Das hier ist Lappland, wo die Rentiere frei über die Fjälls streifen, die typischen runden kleinen Berge dieser Gegend. Als Bewohner Finnisch-Lapplands kenne ich alle Skimöglichkeiten hier oben. Die norwegischen Küstenberge liegen nämlich direkt hinter der Grenze. Die Abfahrten haben nur etwa 400 Höhenmeter, aber sie sind buchstäblich „wild“. Um hier Ski zu fahren, muss man in der Lage sein, Dutzende von Kilometern durch die arktische Wildnis zu laufen. Ohne Handyempfang. Navigations- und arktische Überlebensfähigkeiten sind zwingend erforderlich. Das Käsivarsi Wildnisgebiet befindet sich auf 69° nördlicher Breite. Baffin Island und Nunavut in Kanada liegen auf dem gleichen Breitengrad.

Auf diesem Plateau auf etwa 500 Meter über dem Meeresspiegel erscheint unsere Tour wie eine Polarexpedition. Ein 60 Kilometer langer, markierter Trekkingpfad führt vom Dorf Kilpisjärvi zum höchsten Punkt des Landes. Er ist bei Wanderern und Skifahrern recht beliebt, da man die nördliche Wildnis relativ leicht kennenlernen kann. Sommer und Frühling sind die beliebtesten Jahreszeiten für Wanderer. Aber im Spätherbst und Winter sieht man außer den Rentierzüchten kaum jemanden. Entlang der Route gibt es staatliche Wildnishütten, die die Ausflüge in die Gegend ein wenig erleichtern. Die Hütten sind für Wanderer frei zugänglich und bieten das ganze Jahr einen warmen Unterschlupf.

Schneemobilfahren ist nur mit Sondergenehmigungen der nationalen Forstverwaltung erlaubt. West- und Nordwinde von der Küste können einen sonnigen Tag innerhalb eines Augenblicks in einen Whiteout verwandeln. Die Winterroute ist mit Holzpfählen markiert, die 50 Meter voneinander aufgestellt sind. Es ist durchaus normal, in einem Schneesturm den nächsten Pfahl nicht mehr zu sehen. Darauf sollte man vorbereitet sein, auch wenn das Wandern auf einem markierten Weg problemlos klingt. Es kann schwierig sein, den Elementen zu entkommen, da es nur wenige natürliche Schutzmöglichkeiten gibt. Ist man hier unterwegs, muss man wissen, wie man sich schützt, welche Ausrüstung nötig ist und wie man damit umgeht.

Trotz des Sturms erweist sich der Morgen als vielversprechend. Vom Fenster sehen wir hier und da blaue Flecken im Himmel. Der Wind wirbelt noch den Schnee umher, aber das Wetter signalisiert, dass es später aufklaren könnte. Wir können nur warten. Der Vormittag ist ruhig, wir trinken Kaffee und sehen uns auf der Karte an der Wand potentielle Abfahrten an. Am frühen Nachmittag klart es tatsächlich auf und wir machen uns auf den Weg. Wenige Kilometer nördlich stehen wir an der Grenze zwischen Norwegen und Finnland. Blauer Himmel und Wind bilden eine schöne Kombination. Der Schnee glitzert in der Luft. Bald verwandelt sich der Wind wieder in Sturm. Wir suchen Schutz und bereiten uns auf die Abfahrt vor.

Ich versuche, den sichersten Weg nach unten zu finden. Der Hang ist konkav, was die Orientierung erschwert, und er ist auf der Leeseite. Nach einigen Schwüngen bemerke ich, dass ich immer mehr Schnee hinter mir auslöse. Ich ziehe nach rechts, wo der Hang weniger steil ist. Oben fühlt sich der Schnee schön weich an, aber darunter ist alles hohl. Wir beschließen, kein Risiko einzugehen. Schließlich ist dies einer der abgelegensten Orte Finnlands. Am Abend haben wir noch einmal Gelegenheit zum Skifahren. Der Wind hat an Kraft verloren und die Sonne geht um diese Jahreszeit erst nach Mitternacht unter. Wir finden einen Hang, der in ein kurzes Couloir zwischen Felsen führt, das schließlich an einem Felsvorsprung endet.

Die Sonne beginnt unterzugehen, der Himmel färbt sich knallrot, und meine Uhr sagt, dass es bereits sehr spät ist. Noch vor ein paar Monaten gab es hier überhaupt kein Sonnenlicht. Und in einem Monat geht die Sonne gar nicht mehr unter. Ich denke an die Rentierzüchter, die das ganze Jahr über hier mit ihren Tieren leben. Ich frage mich, wie sie die Dunkelheit im Winter ertragen, und nehme an, dass sie viel Sonne in ihren Herzen haben müssen. Die Wildnis hat ihren eigenen Rhythmus, und man muss lernen, sein Leben danach auszurichten. Zeitpläne zu erstellen, mag im normalen Alltag funktionieren, aber hier im Norden schreibt die Wildnis die Regeln.

Das mag wie ein Klischee klingen, aber inmitten eines Schneesturms wird klar: man kann nichts anderes tun, als zu warten, dass es aufklart. Geduld, Anpassung und das Beste aus der aktuellen Situation zu machen, sind wesentliche Fähigkeiten und etwas, das man in der Polarwildnis auf natürliche Weise lernt. Und so warten wir wissend, was wir tun werden, wenn es möglich ist. Das ist Adventure Skiing – wir fahren so viel wir können, wann immer es geht. Damit wir gesund bleiben und das Beste daraus machen, verlassen wir uns auf all unsere Erfahrung und Training. Kartenlesen, Orientierung, und aufmerksames Verfolgen der Lawinen- und Wettervorhersagen beschäftigen uns den ganzen Tag.

Und doch fühlt es sich wie purer Luxus an, da wir alles in einer nur für uns reservierten, warmen Unterkunft machen können. Der Nordwind hat uns etwas fürs Leben beigebracht: Mach Dir die Situation zunutze. Der geeignete Moment wird kommen, aber Du musst lernen, Dich seinem Rhythmus anzupassen. Der richtige Zeitpunkt ist vielleicht nicht jetzt, aber irgendwann später. Lerne, den Weg über das Ziel zu stellen. Atme mit dem Wind, und er wird Dich dorthin bringen.

Arctic Finland
© Mikko Lampinen
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© Mikko Lampinen
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© Mikko Lampinen
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© Mikko Lampinen
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© Mikko Lampinen

Fahrer: Antte Lauhamaa