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Österreich · Lechtaler Alpen

Butterfly Couloir

Ausgabe 2026 · Text: Annika Schlachter · Fotos: Martin Fiala · 3 min Lesezeit

Butterfly Couloir

Mitten in der steilsten Stelle des Couloirs, vertieft ins Stapfen und Atmen, sehe ich plötzlich etwas durch den leicht aufgewühlten Schnee schimmern. Bunte Farben leuchten mir entgegen. Mit den Handschuhen schiebe ich vorsichtig den Schnee beiseite und traue meinen Augen kaum: Oh, hey! Wie genau …

Mitten in der steilsten Stelle des Couloirs, vertieft ins Stapfen und Atmen, sehe ich plötzlich etwas durch den leicht aufgewühlten Schnee schimmern. Bunte Farben leuchten mir entgegen. Mit den Handschuhen schiebe ich vorsichtig den Schnee beiseite und traue meinen Augen kaum: Oh, hey! Wie genau kommt denn so ein hübscher Schmetterling hierher? Immerhin stehen wir gerade im Februar auf rund 2.400 Metern mitten in einer etwa 45 Grad steilen Rinne im Lechtal. Der Kleine ist trotz seiner unfreiwilligen Schneedusche erstaunlich fidel und fühlt sich auf meinem Handschuh sichtlich wohler als im weißen Gold. Noch etwas ungläubig hebe ich ihn nach oben und muss über diesen kleinen, außergewöhnlichen Begleiter schmunzeln. Aber starten wir noch einmal ganz von vorne…

Die Scheibenwischer haben auf dem Weg zu unserem Treffpunkt am Hahntennjoch noch einiges zu tun. Leider liegt das nicht an einem erneuten Nordstau mit jeder Menge Neuschnee, sondern an den warmen Temperaturen und dem Regen, der eigentlich längst hätte aufhören sollen. Am Treffpunkt steigen wir aus den Autos und lachen uns an – so ein Lachen zwischen „Schön, dass wir uns mal wieder sehen!“ und „Warum genau gehen wir heute noch mal auf Skitour?!“ Wenigstens hat es am Parkplatz mit der feuchtfröhlichen Stimmung von oben aufgehört und wir fellen unsere Ski auf. Mal sehen, was das Wetter heute noch so macht und ob unser Plan funktioniert.

Auf den ersten Höhenmetern schlängeln wir uns über die letzten Schneereste, bis die feuchte Schneedecke endlich geschlossen ist. Auch die Nebelsuppe hält sich hartnäckig. Also gehen wir weiter und hoffen auf besseren Schnee. Vor lauter Dahinlaufen im Nebel bauen wir einen kleinen Umweg ein, bevor wir wieder auf dem richtigen Weg sind. An der Hütte ist die Sicht noch immer ziemlich eingeschränkt. Bei einer kurzen Riegelpause besprechen wir unsere Optionen. Doch wir haben Glück: Keine 50 Höhenmeter später zeigt sich zum ersten Mal der gesamte Kessel – und mit ihm das Couloir, das Martin am Vortag vorgeschlagen hatte. Schaut gar nicht mal schlecht aus! Auch der Schnee wird auf dieser Höhe trockener und wir beschließen, dem Ganzen eine Chance zu geben.

Im Zustieg machen einige alte Lawinenkegel das Spuren mühsam. Wir hoffen, dass die Bedingungen in der Rinne besser sind, sonst wäre weder der Aufstieg noch die Abfahrt ein Schmaus. Am Einstieg dann die Erleichterung: Der Schnee fühlt sich gut an. Also Ski an die Rucksäcke und losgestapft.

In der Engstelle geht Martin voraus, während ich etwas Abstand halte. Und genau hier passiert es: Plötzlich schimmern bunte Farben durch den Schnee und wenig später sitzt der kleine Schmetterling auf meinem Handschuh. „Nimm ihn mit!“, ruft Martin von oben. Gesagt, getan. Also geht es einhändig und möglichst vorsichtig weiter nach oben durch die etwa 45 Grad steile Rinne. Nach ein, zwei Bildern mit dem kleinen „Beifahrer“ scheint es ihm aber zu reichen und er entschließt sich, wieder seine eigenen Wege zu fliegen.

Oben angekommen genießen wir die mystische Stimmung. Steile Kalkfelsen und Türme begrenzen das Couloir, während Nebelschwaden noch immer über den Talboden ziehen. Kein Mensch weit und breit in diesem sonst so viel begangenen Talkessel. Hach! Hat sich doch gelohnt, bei dem Sauwetter loszufahren. Und das Beste kommt ja noch.

Ski an, Bindungen zu und runter geht’s. Der Schnee hat einen leichten Deckel, lässt sich aber trotzdem gut fahren. Wir genießen die gigantische Kulisse und die „steep turns“, die wir in dieser Rinne ziehen dürfen. Zwischen den Felswänden bleibt nicht viel Raum für Fehler, dafür umso mehr für konzentrierte, kontrollierte Schwünge. An der schmalsten Stelle misst das Couloir gerade einmal etwa 1,80 Meter. Die ersten Meter rutschen wir seitlich ab, bis wieder genug Platz für einen Schwung ist. Dann öffnet sich die Rinne und wir ziehen die letzten Kurven bis zum Rinnenfuß.

Meine Oberschenkel brennen. Aber ein Blick zurück nach oben lässt mich das sofort vergessen. So eine schöne Linie fährt man definitiv nicht jeden Tag. Und manchmal sind es die ungeplanten Momente, die am längsten hängen bleiben. Eine außergewöhnliche Begegnung in einer außergewöhnlichen Rinne, die aus einem zunächst wenig vielversprechenden Skitourentag eine ziemlich besondere Geschichte gemacht hat. Und damit war klar, welchen Namen diese Befahrung für uns tragen würde: Butterfly Couloir.

Skitourengeherin steigt am Fuß einer steilen Kalkfelswand im Couloir auf
© Martin Fiala
Skitourengeherin im Aufstieg durch ein enges Couloir zwischen Kalkfelsen
© Martin Fiala
Skibergsteigerin stapft mit Ski am Rucksack durch das Butterfly Couloir im Lechtal
© Martin Fiala
Skifahrerin fährt in gelber Jacke neben einer Felswand durch das steile Couloir ab
© Martin Fiala

Fahrer: Annika Schlachter

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