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Argentinien · El Chaltén (Patagonien)

Collector’s Patagonia

Ausgabe 2016 · Text: Jacob Slot · Fotos: Jacob Slot · 5 min Lesezeit

Collector’s Patagonia

Patagonien bietet unendliche Möglichkeiten und ist ein Mekka für Kletterer. Was das Skifahren angeht, so hat es sich in den letzten 15 Jahren von einem exotischen zu einem leichter erreichbaren …

Patagonien bietet unendliche Möglichkeiten und ist ein Mekka für Kletterer. Was das Skifahren angeht, so hat es sich in den letzten 15 Jahren von einem exotischen zu einem leichter erreichbaren Reiseziel entwickelt. Die Skigebiete im Norden sind gewachsen und profitieren vom Freeride-Trend, niedrigem Peso und dem Verlangen der Menschen nach Skiurlaub. Einige Orte sind mittlerweile echte Touristenzentren, andere noch wie im Dornröschenschlaf. Sucht man auf den mehr als eine Million Quadratkilometern nach Optionen für ein Skiabenteuer, findet man viele unterschiedliche Möglichkeiten, die niemand in seinem Leben unterbringen könnte.

Das Angebot umfasst Pistenskifahren mit Liften, klassisches Skitourengehen, extremeres Skibergsteigen und Expeditionen auf dem weit entfernten Patagonischen Inlandeis. Nachdem ich die letzten 18 Jahre fast überall unterwegs war, habe ich mich in letzter Zeit auf die argentinische Provinz Santa Cruz und die südlichen Provinzen im chilenischen Patagonien konzentriert. Diese entlegenen Regionen haben weniger Einwohner als der Norden, und man muss sich seine Skiabfahrten hart erarbeiten. Zudem kann man als möglicherweise einziger Skifahrer weit und breit auf organisierte Rettung im Notfall kaum hoffen.

Dieses Jahr wollte ich mit dem katalanischen Kletterer und Skifahrer David Sanabria in der Nähe des Torre-Gletschers, zwischen Aguja de l'S und Mojon Rojo, ein Couloir klettern und abfahren und dabei einzigartige und authentische Skibilder schießen. Nach einigen Aufwärmtagen rund um den Lago del Desierto schleppten wir jede Menge Ausrüstung das Torre-Tal hinauf. Am Cerro Solo Creek, auf gut der Hälfte des Weges zum Niponino Camp am Torre-Gletscher, richteten wir ein kleines Lager ein. Von dort konnten wir schnell und mit leichtem Gepäck weitergehen. Da wir nicht viel Zeit hatten, ein längeres Schönwetterfenster abzuwarten, mussten wir unseren Plan zügig umsetzen. Während des Aufstiegs war es warm, und wir begegneten kaum anderen Tourengehern.

Die Nacht verbrachten wir im Tal, suchten dann die sicherste Abfahrtsroute zum Gletscher und fanden eine kleine Rampe über die steile Kante der Moräne hinab. Am nächsten Morgen liefen wir zurück nach El Chaltén, aktualisierten Wetterinformationen, tranken Kaffee und entspannten ein wenig. Ein paar Tage mit Schneefall verpassten unserem Couloir eine Neuschneeschicht, die eine Abfahrt ermöglichte, aber auch das Tal in Weiß tauchten, was den Aufstieg etwas erschwerte. Nach einer kalten Nacht im Solo Camp zogen wir mit einem 40-Liter-Rucksack, einem leichten Zelt und einer kleinen Ration Gas und Verpflegung los. Als wir aufbrachen, kam der kanadische Kletterer Marc Andre ums Eck und begrüßte uns. Er wollte ein Zwischenlager am Niponino einrichten.

Zu dritt gingen wir ein Stück den Gletscher hinauf, dann drehte Marc wieder um, und wir nahmen den Gletscher in Angriff. Bei perfekten Bedingungen konnten wir bis zu unserem Camp am Fuß des Fitz-Roy-Massivs mit Fellen gehen. Unter unserem Couloir, etwas unterhalb des Polacos-Biwaks, stellten wir das Zelt auf. Nach einem leichten Sturm in der Nacht wachten wir am nächsten Morgen von Luftfeuchtigkeit durchnässt auf. Es sah so aus, als hätte der Sturm sämtlichen Schnee vom Gletscher geblasen. Im oberen Teil des Couloirs war auf der einen Seite nur Eis zu sehen, die andere Seite erschien unangenehm windverblasen. Wir wurden ein wenig nervös. Könnten wir noch eine Nacht bleiben und die Abfahrt einen Tag später wagen?

Was, wenn sich das Wetter weiter verschlechterte? Was, wenn das Couloir nicht mehr fahrbar wäre und wir kein Gas mehr für den Kocher hätten? Wir beruhigten unsere Nerven erst einmal mit frischem Kaffee. Dann wurde der Himmel blau. Um 11.30 Uhr begannen wir zu klettern. Neben der Abfahrt wollte ich vor allem zwei Fotos vom Aufstieg und von der Abfahrt machen: das eine mit David auf Ski im steilen Hang vor dem Cerro Torre, das andere beim Klettern im Couloir mit seinen drei Felsfarben. Die große Kamera im entscheidenden Moment schussbereit zu haben, war durchaus etwas stressig: in einem Fotostudio mit einer 1.000 Meter tiefen Bühne, auf den Frontzacken der Steigeisen stehend, um den richtigen Blickwinkel zu finden.

Am vorletzten Wintertag konnten wir in fünf Stunden die Wand durchklettern und das Couloir befahren. Wir trafen auf große, klare Eisfelder, Teile der Rinne waren von einer windverblasenen Schneekruste bedeckt. David fuhr die gesamte Rinne – womöglich eine Erstbefahrung. In der ersten Hälfte des Couloirs durfte man keinesfalls stürzen, da darunter zwei Felsbänder lagen, die ein Hang und eine Rampe umgingen. Die Abfahrt hatte etwa 900 Höhenmeter und war bis 50 Grad steil. Einen Gletscherbruch gab es nicht, so dass wir bis zu unserem Biwak durchfahren konnten. Wir pausierten, packten zusammen und fuhren über den Gletscher. Um 20 Uhr waren wir mit dem letzten Tageslicht auf der Moräne, 15 Minuten später am Solo Creek.

Wir räumten auch das Zwischenlager und wollten noch das Agostini Camp auf der anderen Seite der Tiroltraverse erreichen. Von dort waren es am nächsten Tag nur ein paar Stunden bis Chaltén. In dieser Nacht unter freiem Himmel schlief ich kaum, da mir ständig die Erlebnisse des Tages durch den Kopf schossen. Zwischen Winter und Sommer gibt es in Chaltén einen riesigen Unterschied. Im Winter ist es eine friedvolle Dorfgemeinschaft, wo jeder jeden kennt, im Sommer ein pulsierender Touristenmagnet. Patagonien bietet unzählige Spots für Skiexpeditionen und hochkarätiges Skifahren, die man aber finden muss. Um in Patagonien einmal Ski gefahren zu sein, reicht ein Tag, es braucht aber ein Leben lang, um die Region zu erforschen und seine Erfüllung zu finden.

Besonderer Dank gilt den Locals, die mit mir in Chaltén essen, trinken, Ski fahren und mir oft mit entscheidenden Ideen und Lösungen meine Abenteuer ermöglichen: Carolina, Marcela, Annabel, Conny, Max, Astro, Jimmy, Agustin, Lucho, Merlin und Leo – sie stehen für die wahren skifahrenden Entdecker im Tal des Vueltas Flusses und El Chaltén.

Collector’s Patagonia
© Jacob Slot
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© Jacob Slot
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© Jacob Slot
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© Jacob Slot
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© Jacob Slot

Fahrer: David Sanabria

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