Argentinien · Southern Andes (Bariloche / Baguales)
My own Backyard
Ausgabe 2015 · Text: Lucas Swieykowski · Fotos: Diego Malevo Ferreyra · 5 min Lesezeit

Patagonien ist ein wildes Land, ideal für Bergabenteuer, um entlegene Orte zu erkunden und mit der Natur eins zu werden. Nach zahlreichen Skitrips in der ganzen Welt entschlossen sich Lucas …
Patagonien ist ein wildes Land, ideal für Bergabenteuer, um entlegene Orte zu erkunden und mit der Natur eins zu werden. Nach zahlreichen Skitrips in der ganzen Welt entschlossen sich Lucas Swieykowski und Thibaud Duchosal dazu, Lucas' Heimat, die Gegend um Bariloche, besser kennenzulernen. Als Zeitraum wählten sie die ersten beiden Augustwochen, die beste Zeit, um die Vorteile des Winters in der südlichen Hemisphäre voll auszukosten und lange Skitouren und Tiefschneeabfahrten zu erleben. Dieses Jahr gab es in Patagonien richtig viel Schnee. Die südlichen Anden wurden mit derart viel weißer Pracht bedacht, dass die Freerideverhältnisse einfach gigantisch waren.
Lucas und Thibaud machten sich in die Wildnis auf und kamen mit Eindrücken zurück, die sie so schnell nicht vergessen werden... Ich traf Thibaud vor Jahren während unterschiedlicher Fotoproduktionen, danach auf Freeride-Wettkämpfen und Events. Einige Filmprojekte später verband uns eine tiefe Freundschaft. Seither waren wir immer wieder unterwegs und erkundeten unterschiedliche Ziele in Patagonien, darunter den Volcan Lanin, den wir letztes Frühjahr befuhren. Als in Europa der Winter zu Ende ging, beschlossen wir, neue Abfahrten in meiner Heimat Bariloche zu suchen. Uns war nach frischem Pulverschnee, daher wählten wir den August. Zu dieser Zeit ist hier Hochwinter, was die Chancen auf stabile Verhältnisse mit gutem Schnee erhöht.
Bariloche liegt inmitten wunderbarer Natur, umgeben von hohen Bergen. Große, kalte Seen und unberührte Wälder erwecken den Eindruck, dass alles noch wild und unentdeckt ist. Typisch Patagonien: widrige Bedingungen gehören hier dazu. Starke Winde vom Pazifik und Atlantik treffen auf die Anden, was die Suche nach perfektem Schnee nicht unbedingt leicht macht. Frischer, leichter Pulverschnee ist eher selten, aber wenn man während oder nach einem Schneesturm am richtigen Ort ist, dann hat man wahrscheinlich die Zeit seines Lebens. Endlich war es August, und mit ihm kam der Schnee. Unser Ausgangspunkt passte, und die Schneebedingungen sahen sehr gut aus. Die Lawinengefahr war akzeptabel.
Als Thibaud ankam, war klar, dass wir richtig viel Spaß haben würden. Ich kann mich glücklich schätzen, einen derartigen Spielplatz gleich hinter meinem Haus zu haben. In den ersten Tagen fuhren wir hauptsächlich durch die Wälder rund um den Cerro Lopez und warteten darauf, dass sich die Wolken verzogen, um höhere Ziele in Angriff zu nehmen. Als der Wetterbericht endlich Besserung meldete, fuhren wir in Richtung Van Titter Valley. Das Tal liegt auf der Rückseite des Cerro Catedral und bietet großartiges Terrain mit unterschiedlichsten Möglichkeiten in allen Hangrichtungen. Auf irgendeiner Seite würden wir sicher guten Schnee finden. Wir stiegen auf und befuhren zunächst die Südhänge, die uns mit relativ viel frischem Tiefschnee verwöhnten.
Ich fuhr in den ersten Hang ein und schrie bereits nach drei Schwüngen laut vor Freude. Derart guten Schnee hatte ich lange nicht mehr unter meinen Skien gespürt. Wir verbrachten den ganzen Tag dort, spürten die besten Bedingungen auf und hatten viele intensive Momente. Es war ein langer, anstrengender, aber genialer Tag, der uns viele großartige Linien und viel Freude brachte. Steigt man inmitten dieser riesigen Granitfelsen auf, fühlt man sich wirklich winzig. Wir sind so klein, die Berge dagegen einfach nur gigantisch. Daher müssen wir sie respektieren und unser Tun und Handeln genauestens bedenken. In den Bergen generell und speziell in Patagonien kann sich das Wetter extrem schnell ändern.
Ist man nicht richtig vorbereitet, steckt man schnell in ernsthaften Problemen. Wir verbrachten die nächsten Tage im Van Titter Valley, wechselten von der einen zur anderen Talseite, entdeckten riesige Bowls, fuhren steile Rinnen und kosteten das abwechslungsreiche Terrain aus. Dann beschlossen wir, neue Herausforderungen zu suchen. Wir hatten noch eine ganze Woche, fuhren also nach Baguales, südlich von Bariloche. Die Berge gleich unterhalb des Villegas-Gebirges bieten ein riesiges Areal mit großartigem Skitourengelände. Wir starteten von der Hütte in La Messada und liefen in Richtung North Valley. Nach einigen Stunden zu Fuß und mit Fellen sahen wir endlich den Bereich, den wir schon bald erforschen und befahren würden. Unsere Anspannung stieg.
Der Schnee war windverblasen, was in Patagonien relativ normal ist, aber wir ergatterten einige großartige Abfahrten vom Gipfel des Villegas hinunter zur Hütte. Am nächsten Tag trieben wir uns in den südlichen Bowls herum und beendeten den Tourentag mit einem echten Highlight: El Ciruela, genau gegenüber dem Villegas. Am Gipfel dieses Berges sitzt ein gigantischer Felsen, der übermächtig und bedrohlich aussieht. Ihn mussten wir einfach befahren, von oben bis unten. Der Aufstieg war lang und mühsam, das letzte Stück ging nur zu Fuß. Wir wollten auf der Südostseite abfahren, wo wir auf einige tolle Steilhänge hofften. Der Ausblick vom Gipfel auf die endlose Andenkette war umwerfend.
Wir wollten Ski fahren, und die letzte Abfahrt wurde zur Herausforderung. Immer wieder wechselte der Schnee, aber es war die Anstrengung wert. Besondere Linien waren unsere Mission, und davon wollten wir einige am El Ciruela finden. Wir bekamen sie. Aber nicht ohne die Hilfe der Einheimischen von Baguales. Dass wir diesen traumhaften Ort genießen und entdecken konnten, verdanken wir ihrer Gastfreundschaft. Ich verbringe viel Zeit auf Reisen und sehe fremde Gebirge und Regionen. Manchmal vergesse ich dabei, was meine Heimat zu bieten hat. Daher bin ich umso glücklicher, dass ich die letzten beiden Jahre hier öfter unterwegs war. Die Welt zu sehen, ist großartig, aber meine wahre Liebe gilt Patagonien.
Und wenn Thibaud dabei ist, ist dies das i-Tüpfelchen. Patagonien ist etwas Besonderes. Wenn ich hier auf einem Berggipfel stehe und die rohe, wilde Schönheit der Umgebung sehe, dann fühle ich mich der Natur verbunden. Deswegen werde ich weiterhin das fantastische Land erkunden, in dem ich zuhause bin.





Fahrer: Lucas Swieykowski, Thibaud Duchosal


