Island · Siglufjörður Mountains (Troll Peninsula)
Exploring Your Unknown
Ausgabe 2014 · Text: Reggie Crist · Fotos: Will Wissman · 5 min Lesezeit

15. März 2014, Südost-Alaska. Von einer Lawine erfasst. Wertvolle Sekunden verstreichen, in denen wir versuchen, unseren Freund und Bergführerkollegen Aaron Karitis wiederzubeleben. Mit jeder …
15. März 2014, Südost-Alaska. Von einer Lawine erfasst. Wertvolle Sekunden verstreichen, in denen wir versuchen, unseren Freund und Bergführerkollegen Aaron Karitis wiederzubeleben. Mit jeder Brustkompression spüre ich seinen Puls schwächer werden, während Gerry Moffatt und Jesse Weeks alles geben: „28...29...30, und atme!“ Moffatt weicht von der Brust zur Seite, Weeks setzt mit der Mund-zu-Mund-Beatmung fort. Sie wiederholen die Prozedur, bis der Krankenwagen eintrifft. Schon während wir unseren Freund in das Fahrzeug schieben, werden Adrenalinspritzen gesetzt. Als die Tür des Krankenwagens zufällt, haben wir einen der besten Guides verloren. Die traurige Nachricht von Aarons Tod verbreitet sich schnell.
Und wir müssen uns damit abfinden, dass er uns verlassen hat. „Wenn man an einer Stelle der Natur zerrt, findet man heraus, dass sie mit dem Rest der Welt verbunden ist.“ ~ John Muir In schlechten Zeiten hört man am besten auf Mutter Natur: Die vermutet unsichere Schneeverhältnisse in Alaska bestätigten sich nach den üblichen Nachforschungen und Schneeprofilen: der katastrophale Regen im Januar hatte eine harte Gleitschicht hinterlassen. Mit eineinhalb Metern Neuschnee darauf bestand eine wirklich hohe Lawinengefahr. Das Risiko war zu groß, und ich konnte meine Kunden und Bergführerkollegen nicht gefährden. Also sagte ich persönlich 50 gebuchte Kunden ab und schluckte den Verlust der Anzahlung für den Heli.
Nach 16 erfolgreichen Wintern war es an der Zeit, sich von der bequemen Gewohnheit zu verabschieden und Unbekanntes zu erforschen. 10. April 2014, Island. Die Troll-Halbinsel in Nordisland ist ein mystischer Ort, an dem Vulkane in arktischer Umgebung auf den Atlantik treffen. Zu der wie eine Pfote geformten Landmasse mit ihren vom Eis abgeschliffenen Fjorden haben Skifahrer erst seit kurzem relativ leichten Zugang. Mit Hilfe der Irwin Guides hielt sich die Stellar Media Crew – Will Wissman, Sam Cohen, Gabe Ciafre, Jeff Loewe und ich – zwei Wochen in Siglufjörður auf, um die Gegend zu erkunden. Bei 18 Stunden Tageslicht im April in Island gab es genügend Möglichkeiten für Abenteuer: Schlechtwettertage verbrachten wir mit der Suche nach heißen Quellen.
Jedes Dorf hat irgendein Heißwasserloch oder „heit laug“, an dem sich die Einheimischen treffen. Geothermische Energie ist die größte erneuerbare Ressource; mit ihr wird ein Großteil aller Wohnhäuser geheizt. Wir waren besessen davon, neue heiße Quellen zu finden, und machten immer längere Roadtrips in Richtung Myvatn Distrikt. Dort umfuhren wir eine Kette von smaragdgrünen Vulkanseen, in denen Felsen verstreut lagen – Überbleibsel geschmolzener Lava von Ausbrüchen vor über 2.000 Jahren. Auf dem Weg nach Osten passierten wir eine Reihe von Dampfkaminen, die heiße Luft ausstießen, und stolperten über eine unterirdische heiße Quelle.
Das Auseinanderdriften der tektonischen Platten hatte Risse im Untergrund entstehen lassen, durch die wir in eine der dunklen Höhlen hinabsteigen konnten. Mit der Taschenlampe in der Hand tastete ich mich über glitschiges Gestein, bis ich meine Hand ins heiße Wasser tauchen konnte. Erst schien es zu heiß, doch bald zogen wir unsere Klamotten aus und glitten in den Kessel, in dem wir – irgendwo zwischen Nordamerika und Eurasien – die nächsten Stunden beim Baden verbrachten. Die Suche nach heißen Quellen war unsere Hauptaktivität während der Downdays, doch bald entdeckten wir auch Islands spektakuläre Wasserfälle, darunter den Dettifoss, Europas kraftvollsten Wasserfall.
Mehr als 100 Meter breit, fällt er fast 50 Meter in die Tiefe, wobei ein dichter Nebel entsteht, der in der Kälte zu einem riesigen Überhang erstarrt. Beim Blick über die Kante war nicht zu erkennen, wo der Fels aufhört und wo das Eis anfängt. Wir blieben dem mächtigen Eisfall fern und hoben unsere Risikobereitschaft für die Berge auf. Mit dem Wetter änderte sich unser Programm. Am ersten sonnigen Tag erkundeten wir die Berge hinter unserem Hotel in Siglufjörður. Bei optimalen Bedingungen mit 40 Zentimetern Pulverschnee fuhr Sam Cohen die wohl aggressivste Linie des Tages, über eine nicht einsehbare Kante und eine Serie von Graten. Wie er dem abgehenden Schnee davonfuhr, beeindruckte die Einheimischen.
Jeden Tag entdeckten wir neue Gebiete zwischen Siglufjörður und Ólafsfjörður, einem Bezirk namens Fjallabyggð, was „Bergsiedlung“ bedeutet. Schwarzes Vulkangestein, bedeckt mit Neuschnee und der Blick auf den blauen Ozean machten jeden Schwung noch lohnenswerter. Von den Gipfeln konnten wir sehen, wie die Wellen von Norden her mit weißer Gischt in den Fjord gedrückt wurden. Die Bucht bot Windschutz, und der spiegelglatte Swell floss in die Bucht zurück und erzeugte dabei eine perfekte rechtsläufige Welle. Wir fragten die Einheimischen, warum hier niemand surfte und erfuhren, dass nur eine Firma namens Arctic Surfers Surfboards und Wetsuits verlieh.
Ich rief an, und Ingo, der Besitzer, war einverstanden, uns für den „Big Swell“ zu treffen, der in 48 Stunden erwartet wurde. In fünf Millimeter dickes Neopren eingepackt marschierten wir durch Schnee und sprangen in das 7 Grad Celsius kalte Wasser. Das erste Untertauchen war ein Schock, doch dann wurden die erregenden Weltklassewellen in Island, die ich mit vier Freunden surfen durfte, zum Highlight meiner Reise. Gute Wellen konnten wir schon aus der Ferne sehen und abwechselnd die besten Wellen unseres Lebens surfen. Zwischen zwei Wogen wartend, erinnerte ich mich daran, was mich hierher gebracht hatte. Ich sah auf die schneebedeckten Gipfel und dachte an Aaron. Auch er hatte das Surfen geliebt, das Skifahren und den Spaß mit Freunden.
Diesen Moment hätte er geschätzt, vor allem, weil er mich dazu inspiriert hatte, meine Komfortzone zu verlassen und das Unbekannte zu erforschen. Ohne große Planung waren wir nach Island gereist, um zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Anfangs hatte Mutter Natur uns ihre Regeln aufgezwungen, doch letztlich war es richtig, den Instinkten zu folgen. Plötzlich bewegt sich etwas am Horizont und lenkt meine Aufmerksamkeit auf die Gegenwart. Ich drehe um und paddle, während sich der Swell unter mir aufbaut. Auf dem Scheitel der Welle balancierend springe ich aufs Brett, falle durch die Leere in meinen Bottom Turn – und stelle mir vor, wie ich Aaron hinterher jage.





Fahrer: Sam Cohen, Reggie Crist


