BACKLINE Magazin
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USA · High Sierra (Mammoth, California)

Feather Peak

Ausgabe 2011 · Text: Seth Lightcap · Fotos: Seth Lightcap · 6 min Lesezeit

Feather Peak

Seine Jungfräulichkeit verliert man nur einmal, entsprechend würdig sollte dieses Ereignis angelegt sein. Speziell, wenn es um die Verführung einer prominenten Größe geht: Es galt, Daron Rahlves …

Seine Jungfräulichkeit verliert man nur einmal, entsprechend würdig sollte dieses Ereignis angelegt sein. Speziell, wenn es um die Verführung einer prominenten Größe geht: Es galt, Daron Rahlves, Ski-Weltmeister und konvertierten Freerider, auf seinen ersten mehrtägigen Backcountry-Ski-Trip zu entführen. Zwar hatte Daron bereits die Sierra rund um seinen Hausberg Sugar Bowl in Lake Tahoe befahren, aber nie die ganz hohen Gipfel geknackt, geschweige denn dort sein Zelt aufgeschlagen. Jetzt bot sich die perfekte Gelegenheit, ihn ein paar Schritte weiterzubringen: Wir hatten stabile Schneeverhältnisse, großartiges Wetter und eine fabelhafte, zu allem bereite Crew. Was noch fehlte, war eine angemessene Location, um die „Jungfrau" Daron herumzukriegen.

Unsere Wahl fiel auf die vollendete Nordrinne des 4.036 Meter hohen Feather Peak bei Mammoth, Kalifornien. „Klick" – die Stirnlampen gehen an. Zum Plan gehört das nicht. Eigentlich hatten wir beabsichtigt, unsere Zelte bei Tageslicht aufzuschlagen – doch Fehlanzeige. Bis zum anvisierten Lagerplatz am Pine Lake werden wir auf unseren Skien noch einen Kilometer durch die Nacht stapfen müssen. Mangelnden Einsatz haben wir uns allerdings nicht vorzuwerfen: Vier Stunden waren wir an diesem klaren, kalten Januartag von Lake Tahoe nach Mammoth kutschiert. Dort wurden die vollgestopften Rucksäcke geschultert und der gepfefferte Aufstieg über die Pine-Creek-Rinne begann. Fünf beinharte Kilometer gaben wir Vollgas, doch es hat nicht gereicht.

Trotz sinkender Temperaturen bleibt die Laune im grünen Bereich. Auch bei Daron, dessen Aufstiegsfelle solche Zicken machen, dass er doppelt so viel powern muss wie der Rest der Truppe. Aber er kämpft sich – gepuscht von der erfahrenen Crew – tapfer weiter und weiter: Mit von der Partie sind der legendäre Big-Mountain-Snowboarder Jeremy Jones, der Kameramann Chris Edmands und der Fotograf Canyon Florey. Genau wie ich haben die drei schon Monate in der winterlichen Einsamkeit des Backcountry verbracht. Und wir sind überzeugt, ein gutes Lager am Pine Lake zu finden. Jetzt müssen wir nur noch ankommen. „Das war ein mentaler Kampf", gesteht Daron, als wir das Camp endlich erreichen und die Zelte aufstellen.

„Der Aufstieg war viel härter, als ich erwartet hatte. Zum Schluss ging mir ganz schön die Puste aus." Ich muss innerlich lachen, das von dem Mann zu hören, der einen Sack voller Streif Trophäen zu Hause stehen hat. Genau deshalb – um ihn zu beeindrucken – hatten wir ja einen Berg im Herzen der High Sierra gewählt. Die Nordrinne des Feather Peak ist keine leichte Beute am Straßenrand. Sie zu erobern, bedeutet, auf einem 10,5 Kilometer langen Zustieg 1.800 Höhenmeter zu bewältigen. Keiner von uns hat den Feather Peak jemals befahren. Uns verbindet dieses herrlich-spannende Unterfangen, Terrain zu entdecken, das wir noch nie gesehen haben. Ein verwegener Hauch von Abenteuer legt sich über unser kleines Lagerfeuer.

Noch eine warme Mahlzeit, ein kurzer Plausch, dann kriechen wir in die Schlafsäcke. Der Plan ist, im Morgengrauen aufzustehen, um so früh wie möglich die Nordrinne zu erreichen. „Habt ihr gefroren heute Nacht?", fragt Daron beim Frühstück. Vier Köpfe nicken im Einklang. „Als ich aufgewacht bin", sagt Chris, „vermeldete das Thermometer an meiner Uhr minus 15 Grad." Derart niedrige Temperaturen sind in der Sierra eher selten. Darons erste Wintercampingnacht war also ein Prachtstück. Doch die Kälte ist ein perfektes Zeichen. Wir genießen einen glasklaren Sonnenaufgang, weit und breit keine Wolke am Himmel. Als unsere Route über den See im ersten Morgenlicht zu funkeln beginnt, machen wir uns auf den Weg.

Mit atemberaubender Aussicht auf die umliegenden Gipfel. Gut 30 Zentimeter Pulverschnee unter den Füßen beschleunigen unser Tempo. Je schneller wir aufsteigen, desto früher beginnt das wahre Vergnügen an dieser weißen Pracht: Ski fahren! Vom Camp auf 3.000 Metern über Null sind es weitere 1.000 Höhenmeter bis zum Peak. Der Aufstieg wird sich über fünf Kilometer ziehen und bis auf die finalen 400 Meter, die bereits in der 45 Grad steilen Nordrinne verlaufen, relativ gnädig ausfallen. Spannender wird da die Suche nach der besten Route durch das wellige Talbecken. Doch fünf Personen, die sich beim Spuren abwechseln können, sollten für dieses Unternehmen reichen.

Früh übernimmt Daron die Führung und zieht uns über eine Handvoll Steigungen, als hätte er nie etwas anderes als Tourengehen gemacht. Knapp oberhalb der Baumgrenze am „Co Co La-Pass" kommt endlich der Feather Peak in Sicht. Wie eine gefrorene Krawatte lässt er die Nordrinne spektakulär an seiner mächtigen, rechten Granitwand herabhängen. Die Linie ist zweifellos erste Wahl im gesamten Massiv, und die einzige, die quasi senkrecht vom Kamm der Sierra herunter kippt. Eine kurze Atempause, dann geht's auf die letzte Etappe. Daron muss wohl heimlich einige Red-Bull-Dosen geleert haben – jedenfalls prescht er nach der Rast wieder Vollgas voraus, spurt schnurstracks durch zwei riesige Becken und stoppt erst am Fuß der Nordrinne.

Das nächste, was wir wahrnehmen, ist unser einträchtiges Starren hinauf zum Ziel unserer Träume. Wir tauschen die Felle gegen Steigeisen, schnallen die Bretter an den Rucksäcken fest und gewinnen so – zum Glück – zügig an Höhe. Die Zeit drängt, denn uns bleibt gerade noch eine knappe Stunde Tageslicht. Mit strahlenden Gesichtern krabbeln wir gerade als die Sonne untergeht, aus der Rinne heraus. Eine kurze, ausgesetzte Kletterpartie führt uns zum eigentlichen Gipfel des Feather Peak. „Je tiefer du in die Berge eintauchst, umso reicher fühlst du dich", bemerkt Jeremy, während wir die berauschende Gipfelszenerie in uns aufsaugen. Wie recht er hat. In welche Richtung der Blick auch fällt – überall Schätze!

Wir sind reiche Männer – zumindest auf diesem schmalen Grat, mitten in der High Sierra. Im schnell verblassenden Licht segeln wir die Nordrinne hinab. Die Turns sind steil und süß – und dunkel. Sei's drum. Da wir beim Aufstieg gesehen hatten, dass die Falllinie über weite Strecken frei von Tücken und Hindernissen ist, genießen wir ein paar weite Radien in bestem Powder mit geschlossenen Augen. Ein komplett surreales Gefühl. Unten kommen wir langsam wieder zu uns und zusammen, knipsen – „klick" – die Stirnlampen an, ziehen die Felle auf und starten den zweistündigen Rückweg zum Camp. Wir alle schlafen besser in dieser Nacht und erwachen nicht vor, sondern mit der Sonne. Irgendwer redet vom Heimfahren, aber Jeremy hat andere Pläne für uns.

Es geht um eine wahnwitzige Rinne direkt oberhalb des Camps, gespickt mit mehreren, verlockenden Felsstufen. Der Schnee ist zwar nicht der beste, das Gelände allerdings unglaublich und jeden Meter wert... „Ich mag es, dort aufzusteigen, wo ich auch runterfahre", resümiert Daron. Schon früher, vor seinen Lieblings-Rennen, habe er das manchmal gemacht. „Ich bin nachts vom Zielbereich zum Start geklettert. So ganz allein mit dem Kurs – das waren die Momente, in denen ich eine persönliche Beziehung zur Abfahrt aufbauen konnte." Was unseren Trip angeht, gesteht der Weltmeister: „Es war hart. Wir kletterten und fuhren weit krasseres Zeug, als ich mir vorgestellt hatte. Aber ich würde es jederzeit wieder tun. Alles!" Was für ein Fazit!

Zwar werden wir diesen Heli-Ski-Freerider vermutlich nie zum voll überzeugten Backcountry-Freak bekehren, doch er hat dieses begeisternde Gefühl erlebt, sich sein Vergnügen zu verdienen. Daron wird gewiss schon bald wieder auf die Jagd nach einer sexy Linie in der Wildnis gehen.

Feather Peak
© Seth Lightcap
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© Seth Lightcap
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© Seth Lightcap
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© Seth Lightcap
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© Seth Lightcap

Fahrer: Daron Rahlves

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