BACKLINE Magazin
EN

USA · Sierra Nevada

Giants Reaching for the Sky

Ausgabe 2019 · Text: Michelle Parker · Fotos: Christian Pondella · 5 min Lesezeit

Giants Reaching for the Sky

Wenn der Winter zu Ende geht, macht der Frühling in Kalifornien viele neue Abenteuer möglich. Es ist die Zeit für größere Gipfel, längere Tage und viele neue Entdeckungen. Es gibt keinen anderen Ort …

Wenn der Winter zu Ende geht, macht der Frühling in Kalifornien viele neue Abenteuer möglich. Es ist die Zeit für größere Gipfel, längere Tage und viele neue Entdeckungen. Es gibt keinen anderen Ort, an dem ich lieber wäre, als die Sierra Nevada, besonders nach einer Saison mit rekordverdächtigen Schneefällen im Februar. Die Berge waren noch weiß, mein Durst nach Abenteuer groß, und mein Heißhunger auf die zerklüfteten Gipfel der East Side konnte nicht ignoriert werden. Darauf freue ich mich jeden Winter. Und es ist zweifellos etwas Besonderes, mit einigen deiner besten Freunde deine Hausberge zu erkunden. Wir hatten Verpflegung und Ausrüstung für vier Tage gepackt, einschließlich Kletterausrüstung.

Unsere Gruppe, bestehend aus Christian Pondella, Jim Morrison (Jimmo), Nick Russell und mir stieg hinauf in die North Fork der Palisades. Dieser Teil des Gebirges ist zerklüftet, zerfurcht von dunklen Felsen, umgeben von der höchsten Konzentration an Viertausendern in Kalifornien. Vor allem die hochalpinen Seen und die riesige Felsenkathedrale von Temple Crag sind wunderschön. Meine Laune wurde immer besser, je weiter wir in die Berge kamen. Hier sollte mein Hunger gestillt werden. Im Licht unserer Stirnlampen stiegen wir einige Kilometer talaufwärts bis zu unserem Lagerplatz unterhalb des Temple Crag. Ein perfekter, windstiller Platz mit trockenem Boden und Trinkwasser.

Ich kuschelte mich mit großer Vorfreude in meinen Schlafsack und blickte auf der Suche nach Sternschnuppen nach oben. Schon bald durchzog ein Schimmer den Nachthimmel und verschwand so schnell, wie er gekommen war. Am nächsten Tag standen wir nicht zu früh auf, ließen die Sonne das Zelt und die Stiefel aufwärmen, während wir Kaffee machten und unsere Sachen packten. Dann brachen wir mit Fellen zum Palisade Gletscher auf. Trotz Sonne behielt der Schnee auch weiter oben seine Festigkeit. Als wir uns dem Fuß des Polemonium Peak näherten, erörterten wir die Optionen und beschlossen, über eine Route namens V Notch, eine 50 Grad steile Rinne, aufzusteigen. Wir schnallten ab.

Der Schnee war von winterlicher Konsistenz und ich freute mich bereits auf die Abfahrt. Der obere Abschnitt des Aufstiegs war sehr steil. Mein Körper stand senkrecht zum Schnee, Knie und Brust nur Zentimeter von der Oberfläche entfernt. Pondella sagt immer: „Es ist so steil, wie es eisig ist.“ Obwohl es nicht besonders eisig war, wäre ein Sturz ein kapitaler Fehler gewesen. Die steilste Linie, die ich je gefahren bin, war 57 Grad. Ich kann mir nicht vorstellen, noch steileres Gelände zu fahren, wenn die Bedingungen nicht perfekt sind. Hier fühlte es sich senkrecht an, aber heute waren 50 Grad einfach nur abenteuerlich und aufregend und versprachen viel Spaß.

Wenig später flogen auf dem Weg nach unten die Felswände an mir vorbei und mein eigener Spray überholte mich lautstark. Das ist der Part, den ich liebe. Deswegen will ich nie auf meine Ausrüstung verzichten. Ich schleppe gerne meine Big-Mountain-Ski nach oben, denn ich weiß, dass sich das zusätzliche Gewicht lohnt. Mir geht es vor allem um die Abfahrt. Den ganzen Tag lang studierte Nick wie besessen alle Linien um uns herum. Nick und ich sind im gleichen Alter. Wir sind seit Jahren Bergpartner und suchen immer gemeinsam nach Touren in der Sierra. Er ist süchtig nach Kletter- und Skirouten. Ich bin das auch, aber seine Sucht ist offensichtlicher. Er ist nicht zu bremsen, und das ist auf die verführerischste Weise ansteckend.

Jimmo und Pondella sind unsere Vorbilder. Sie haben über zwanzig Jahre Erfahrung als Bergpartner, und ihr Wissen ist ein Geschenk, wenn man mit ihnen unterwegs ist. Christian ist der erste, den ich anrufe, wenn ich Bergsteigen und Skifahren gehen und Fotos haben möchte. Die Qualität seiner Bilder setzt ein unübertroffenes Maß an Können voraus. Zurück am Zelt überlegten wir, was wir am nächsten Tag unternehmen könnten. Die Antwort war klar: Bergsteigen und Skifahren. Das sind wir, das können wir, das wollen wir. Vor dem Schlafengehen sah ich eine weitere Sternschnuppe, die über den Gipfeln tanzte, bevor sie in der Dunkelheit verschwand.

Wir erreichten den Fuß des Thunderbolt Peak und starrten auf ein namenloses Couloir, das nicht bis zum Gipfel reichte. Mit etwas Klettern würden wir durchkommen. Die steile Rinne verzweigte sich oben nach links und rechts, wo der Schnee auf Felsen traf. Wir wählten links, um dann um den Fels herum mögliche Hindernisse zwischen uns und einem exponierten Schneeband auszumachen, das beidseitig deutlich überhing. Definitiv eine No-Fall-Zone. Als wir den verschneiten Hang hinaufstiegen, wurden die Bedingungen immer besser. Nick und ich lachten vor Aufregung. Als ich über meine Schulter blickte, sah ich direkt über die 90 Meter hohe Klippe in die Tiefe. Oben angekommen, nahm ich mir einen Moment Zeit, um mich zu orientieren.

Vielleicht waren wir die ersten, die diese Abfahrt realisierten. Mir liegt nicht viel an Erstbefahrungen. Ich muss in den Bergen nichts beweisen, nur meine eigenen Ängste überwinden. Es ist eine persönliche Sache, etwas, das ich nur mit dem Berg und mir ausmache. Wie ein Tanz, bei dem der Berg führt. Ich höre zu, lerne und folge, und dann erlaubt er es mir, dass ich auf seinem Gipfel eine Pirouette drehe. Als ich losfuhr, reflektierte die Sonne im Schnee. Ab und zu sah ich Regenbögen, die sich in den Schneekristallen meines Sprays bildeten. Dieser Run war wie eine göttliche Begegnung mit den Bergen. Über die Felswand seilten wir uns zum nächsten Schneefeld ab und fuhren danach dem letzten Sonnenlicht hinterher bis zum Camp.

Ich war glücklich, dankbar für diesen Tag und dass mein Hunger befriedigt wurde. Dieses schöne Fleckchen Erde, an dem ich mich körperlich verausgabe, dafür aber jedes Mal mental Energie tanke, wird für immer ein Teil von mir sein.

Giants Reaching for the Sky
© Christian Pondella
Giants Reaching for the Sky
© Christian Pondella
Giants Reaching for the Sky
© Christian Pondella
Giants Reaching for the Sky
© Christian Pondella
Giants Reaching for the Sky
© Christian Pondella

Fahrer: Jim Morrison, Michelle Parker, Nick Russell

Mehr aus USA