BACKLINE Magazin
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Kanada · Canadian Rockies (Kananaskis)

Hole in the Wall

Ausgabe 2013 · Text: Ryan Stuart · Fotos: Ryan Creary · 5 min Lesezeit

Hole in the Wall

Nichts inspiriert mich mehr als eine ästhetische Linie. Jene etwa, die ich auf der Fotografie eines Freundes sah. Zwei parallele Rinnen, verbunden durch ein Felsenfenster – ein Loch in der Wand. Auf …

Nichts inspiriert mich mehr als eine ästhetische Linie. Jene etwa, die ich auf der Fotografie eines Freundes sah. Zwei parallele Rinnen, verbunden durch ein Felsenfenster – ein Loch in der Wand. Auf der klassischen French-Robertson Skitour in Kanadas Kananaskis Provincial Park bin ich mehrfach daran vorbeigefahren, habe es aber nie bemerkt, bis ich das Foto zu Gesicht bekam. Sofort war ich begeistert. Es sah so aus, als könne man direkt von der einen Rinne durch das Felsenloch in die andere fahren. Da musste ich hin. Aber wie viele Abfahrten in den kanadischen Rockies bräuchte auch diese Mission Geduld.

Der Winter ginge wohl ins Land, bevor alle Faktoren – Schneelage, Lawinensituation, ein geeigneter Skipartner und freie Zeit – passten, um überhaupt den Versuch zu wagen. Als es dann schließlich so weit war, erlebte ich einen meiner besten Skitrips. Die Schneebedingungen in den kanadischen Rockies sind bekannt dafür, extrem wechselhaft, teils unzureichend, kalt und lawinengefährlich zu sein. Sich an eine steile Abfahrt ohne Fluchtmöglichkeit zu wagen, sollte man vor den wärmeren Apriltagen tunlichst vermeiden, bis die Lawinengefahr besser einzuschätzen ist. Das Frühjahr ist die beste Zeit, Steilhänge anzugehen, denn dann ist eine ausreichend stabile Unterlage vorhanden.

Also blieb das Loch in der Wand nach meiner Entdeckung auf dem Foto erst einmal einige Monate auf der To-do-Liste. Meine Motivation, es endlich abzuhaken, stieg dabei von Tag zu Tag. Endlich war eine Woche mit sonnigem und kaltem Wetter angesagt, und gleichzeitig konnten sich der Fotograf Ryan Creary und Fraser Sprigings freinehmen. Nachdem wir uns die ersten Tage auf einigen einfacheren Touren in der Umgebung abgelenkt hatten, beschlossen wir, einen Versuch zu wagen – in der Hoffnung auf gute Bedingungen, aber ohne wirklich zu wissen, was uns erwartete. Im klassischen Frühjahrs-Alpinstil fuhren wir noch im Dunkeln zum Einstieg des Burstall-Pass-Trails und stiegen mit Stirnlampen zum French Creek hinauf.

Meist folgten wir alten Aufstiegsspuren, doch etwa eine Stunde vom Auto entfernt stießen wir auf die unverwechselbaren Fußabdrücke eines Grizzlybären. Anscheinend waren wir nicht die einzigen, die nach einem langen Winter voll motiviert neue Abenteuer suchten. In der Hoffnung, den Bären abzuhängen, legten wir Tempo zu und machten nach und nach unsere Höhenmeter, kamen bald durch das letzte Waldstück, das uns in das offene alpine Gelände nahe der Gletscherzunge des French Glaciers leitete. Wir zirkelten auf das schmale Stück Eis hinauf, dann standen wir am Fuß unserer Rinne. Von mächtigen Gipfeln umgeben sahen die beiden parallelen Schneekanäle fast mickrig aus, wie zwei lange Gänge, die durch den schiefergrauen Kalkstein führten.

Weiter oben wurde die größere Rinne etwas enger als die andere, aber im Großen und Ganzen war die Symmetrie perfekt. Zu dieser natürlichen Schönheit gesellten sich zwei nebeneinander verlaufende Linien, die sich weiter oben trafen. In die dünne Felswand zwischen beiden Rinnen hatte die Kraft der Erosion einen massiven und spektakulären halbkreisförmigen Durchbruch geschaffen. Es sah fast so aus, als hätte jemand ein Stück heraus gebissen. Creary konnte seine Kamera nicht mehr herunternehmen... „Als Fotograf faszinierte mich einfach die Ästhetik dieser Linie“, sagte er später. „Die Abfahrt ist nicht die längste oder schwierigste, aber sie ist mit Abstand die ungewöhnlichste.“

Als wir direkt davor standen, brachten wir nichts derart Tiefsinniges über die Lippen. Wir starrten einfach nur mit offenem Mund. Endlich rafften wir uns auf und stiegen durch den festen Schnee, auf dem ein wenig windverblasener Schneestaub lag, in dem nach Norden gerichteten Hang auf. Wir spurten abwechselnd und standen so nach kurzer Zeit unter dem Felsbogen. Creary machte begeistert Fotos, als wir durch das Loch stiegen, Tonnen von Fels wie durch ein Wunder in der freien Luft hängend. In der anderen Rinne stiegen wir weiter nach oben. Zum Ende hin wurde sie enger und steiler, was die einzigartige Situation noch mit einem Funken Anspannung würzte. Als wir uns dem Ausstieg näherten, entfaltete sich gerade der traumhafte neue Tag.

Die Sonne stieg strahlend über den Berggrat und warf ein flaches Zwielicht in die Dunkelheit des Couloirs. Weiche Strahlen folgten und tauchten unsere Linie mit jeder Minute in helleres Licht. Endlich kamen wir oben an. Wir klatschten ab, ließen dank unserer komfortablen Position die Anspannung ein wenig abfallen, genossen die kühle Morgenluft und den Blick nach unten durch das Felstor auf den Gletscher und über die grauen Gipfelgrate zu den benachbarten Bergen. Die kurze Pause tat gut, doch blieben wir nicht lange ruhig. Wie Süchtige, die den nächsten Schuss erwarten, wollten wir unsere Kanten spüren, wie sie sich in den Schnee graben, wollten durch die Luft springen und unter dem Felsbogen abfahren.

Wir gierten nach Adrenalin und wollten nicht eine Minute länger warten. Wir stiegen in unsere Bindungen, Fraser und ich auf Telemarkski, Creary auf seinem Snowboard. Wieder wechselten wir uns ab, diesmal aber schoss bei jedem Schwung der Schnee hoch. Über dem Bogen sammelten wir uns erneut. Die Sonne schien nun direkt durch das Loch, so dass es wie ein Portal in eine andere Welt aussah. Als ich in die andere Richtung durch das Loch schoss, veränderte sich alles. Die Zufriedenheit, ein lang gehegtes Ziel erreicht zu haben, etwas geschafft zu haben, schoss wohlig warm durch meinen Körper; dann verblasste dieses Gefühl und machte einer anderen Empfindung Platz. Leere ergriff mein Inneres. Ich konnte es nicht verstehen.

Sollte ich mich nicht unglaublich freuen, stolz auf den Erfolg sein? Aber als ich neben Fraser zu stehen kam, fühlte ich mich rastlos und wollte mehr. Das Loch in der Wand zu befahren war so lange ein Wunschtraum gewesen, der jetzt einfach erfüllt war. Was nun, fragte ich mich. Aber nicht lange. Wir standen still da und beobachteten Creary, wie er mit kurzen Schwüngen zu uns herunterfuhr, eine große Schneewolke vor sich herschob, durch die er dann direkt durchschoss. Kurz bevor Creary uns erreichte, brach Fraser die Stille: „Da gibt es diese ziemlich geil aussehende Rinne am Mount Patterson...“

Hole in the Wall
© Ryan Creary
Hole in the Wall
© Ryan Creary
Hole in the Wall
© Ryan Creary
Hole in the Wall
© Ryan Creary
Hole in the Wall
© Ryan Creary

Fahrer: Fraser Sprigings

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