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Grönland · Arctic Mountains

Ice, Ice, Baby!

Ausgabe 2025 · Text: Günter Kast · Fotos: Günter Kast, Moreno Bartoletti · 3 min Lesezeit

Ice, Ice, Baby!

In der Abgeschiedenheit Ostgrönlands Skitouren zu unternehmen, ist schon eine spannende Angelegenheit. Noch interessanter ist es, dabei im „Roten Haus“ von Robert Peroni zu wohnen. Der charismatische Südtiroler unternahm einst eine der spektakulärsten Expeditionen über Grönlands Eispanzer. Heute …

In der Abgeschiedenheit Ostgrönlands Skitouren zu unternehmen, ist schon eine spannende Angelegenheit. Noch interessanter ist es, dabei im „Roten Haus“ von Robert Peroni zu wohnen. Der charismatische Südtiroler unternahm einst eine der spektakulärsten Expeditionen über Grönlands Eispanzer. Heute kämpft er für die Zukunft der Inuit. An Bord der Propellermaschine von Reykjavik nach Kulusuk sitzt Markus Lanz, die Pelzkapuze tief im Gesicht, die schwere Fotoausrüstung auf dem Schoß. Er reist in sein geliebtes Grönland, gönnt sich, wie so oft, eine TV-Auszeit. Wir hingegen reisen zu Robert Peroni, wollen von seiner „Rotes Haus“ genannten Herberge aus die Berge um Tasiilaq mit Tourenskiern erkunden.

Von Kulusuk geht es per Hubschrauber nach Tasiilaq, Peronis Wahlheimat, wo wir sofort die Felle aufziehen. Zunächst führt die Spur flach und monoton über das Fjordeis. Es knackt und knarzt, an einigen Stellen wirkt das Eis bedrohlich dünn. „Das hält“, beruhigt uns Peronis einheimischer Helfer Julius. Im Packeis stecken eingefrorene Eisberge, schimmernd in allen Blautönen. Wir erhaschen Fernblicke auf die Weite des Inlandeises am Horizont und auf Gipfel, die wie Eispilze aus Zuckerguss aussehen. Zunächst zwingt uns der berüchtigte Piteraq, der Sturmwind, zu Rasttagen im Roten Haus.

Zeit für Peronis Vergangenheit. 1983 brach er mit den Südtirolern Wolf Tomaseth und Pepi Schrott auf, um die Eiskappe Grönlands an ihrer breitesten Stelle zu überqueren: 1.400 Kilometer, ohne Hunde, ohne Satellitentelefon und GPS, ohne Depots, mit über 200 Kilo schweren Schlitten. 500 Kilometer galten damals als die maximale Distanz ohne fremde Hilfe. Man prophezeite ihnen, sie würden verhungern, erfrieren. Am Ende schafften sie es, erreichten Westgrönland nach 88 Tagen in der Eiswüste – am Rand des physischen und psychischen Zusammenbruchs. Inzwischen haben sie Frieden geschlossen. „Ich habe tausendmal darüber nachgedacht“, sagt Peroni. „Diese Erlebnisse haben einen tiefen Platz in mir. Wir sind bis ans Limit und darüber hinaus gegangen.

Es war eine der letzten großen Expeditionen des 20. Jahrhunderts, in einer Reihe mit den Entdeckern. Aber da kommen Dinge raus, die du von dir selbst nicht weißt. Da stehst du nackt vor dir.“ Ja, er sei milder geworden, behauptet er. Das mag stimmen – solange man ihn nicht nach der dänischen Grön-

land-Politik oder nach Greenpeace und deren langjähriger Kampagne gegen das Abschlachten der (nordkanadischen) Robben fragt. Dann wird er noch immer wütend. „Green-Piss“, so spricht er es aus, habe ohne Not auch die Lebensgrundlage der grönländischen Jäger zerstört und sich erst spät entschuldigt, obwohl „diese kriminelle Organisation“ wisse, dass sie so zum Untergang der Inuit-Kultur beigetragen habe. „Die Inuit dürfen für den Eigenbedarf jagen, aber die Felle nicht mehr verkaufen. Wovon soll eine Familie mit zehn Kindern leben?“ Wenn Peroni sich in Rage redet, sagt er „wir“ und meint die Inuit. In seinem „Roten Haus“ und der Reiseagentur beschäftigt er rund 70 Inuit, viele ehemals alkoholkrank.

„Das Trinken bleibt ein großes Problem“, räumt Peroni ein. „Aber das ist in Skandinavien nicht anders. Die Inuit schämen sich nur nicht, wenn sie betrunken sind: Sie schauen zum Fenster raus und jodeln, deshalb fällt es mehr auf.“ So kann man es sehen. Die Inuit haben es tatsächlich gut bei Peroni. Doch der inzwischen 81-Jährige sorgt sich um sein Erbe. Seine Tochter Elke lebt in Italien, ein Nachfolger ist nicht in Sicht. Kandidaten gab es, aber das Alphatier Peroni hat sie immer wieder vergrault. Touristen vergöttern ihn – das belegen die überschwänglichen Einträge im Gästebuch. Er ist der Star, und seine Fans wollen ihn so. Wenn er spricht, hängen alle an seinen Lippen – darin ist er Reinhold Messner sehr ähnlich.

Tagsüber, während der Skitouren, ist genug Zeit, die Gedanken treiben zu lassen. Sich über Peronis Tourismusphilosophie Gedanken zu machen. Er bietet zum Beispiel keine Schneemobiltouren an, setzt ausschließlich auf Hundeschlitten. Aber lässt sich so das Rad der Zeit zurückdrehen? Wer will es den Inuit verübeln, dass sie den bequemeren Motorschlitten den Vorzug geben? Peroni, so scheint es, möchte die Inuit-Kultur konservieren: „Von den alten Traditionen will niemand mehr etwas wissen. Schuld daran sind wir, wir haben ihnen eingeredet, dass sie stinken, blutiges Robbenfleisch in sich hineinschlingen. Dabei sind die Inuit ein hochintelligentes Volk. Ihre Kultur löst sich auf.“

Ice, Ice, Baby!
© Günter Kast, Moreno Bartoletti
Ice, Ice, Baby!
© Günter Kast, Moreno Bartoletti
Ice, Ice, Baby!
© Günter Kast, Moreno Bartoletti
Ice, Ice, Baby!
© Günter Kast, Moreno Bartoletti
Ice, Ice, Baby!
© Günter Kast, Moreno Bartoletti

Fahrer: Martin Völker-Draxinger, Ruth Zeller

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