USA · Cascade Range (Picket Range)
Just a Picket
Ausgabe 2012 · Text: Jason Hummel · Fotos: Jason Hummel · 5 min Lesezeit

„Wo bin ich?“ frage ich mich, als ich wieder einmal zittend vor Kälte aufwache. Ich schaue nach oben und sehe das Schreckgespenst meiner Albträume über mir; es möchte mich mit seinen Umrissen aus …
„Wo bin ich?“ frage ich mich, als ich wieder einmal zittend vor Kälte aufwache. Ich schaue nach oben und sehe das Schreckgespenst meiner Albträume über mir; es möchte mich mit seinen Umrissen aus Felsgraten und -bögen täuschen. Ich versuche, wieder einzuschlafen, aber mit jedem weiteren Aufwachen begreife ich, dass ich tatsächlich in den Pickets bin. Voller Angst, für immer in diesen mondbeschienenen Fingern aus Schnee und Eis begraben zu werden. Im Mai 1985 fanden Jens Kieler mit den Brüdern Carl und Lowell Skoog eine Skitraverse durch die geheimnisvolle Picket Range. Seitdem hat ihres Wissens nach niemand mehr diese beeindruckende Pionierleistung wiederholt.
Im Artikel, den Lowell 1986 für das Rock and Ice Magazine verfasste, sagt er in seinem Fazit: „...während wir langsam den steilen Pfad zum Diablo hinunter trotteten, waren unsere Beine wackelig, unsere Hände und Gesichter sonnenverbrannt und unsere Füße schmerzten. Aber unsere Bergseelen flogen dahin. Wir hatten die Pickets mit Ski befahren und dabei den Höhepunkt der North-Cascades-Höhenwege gefunden.“ Diese Worte inspirierten uns. Am Montagmorgen vor der Reise starre ich auf die E-Mail eines Fremden: „Ich gehe in die Pickets, um eine Skitraverse während des aufkommenden Hochdrucksystems zu machen, und ich suche einen Partner.“
Forest McBrian fehlt nur noch eine Prüfung im Skibergsteigen zum geprüften AMGA-Bergführer – einer von nur einer Handvoll im gesamten Land. Ich hätte mir keinen besseren Partner wünschen können. Mitten im Winter würden Forest, Kyle und ich sechs Tage lang eine Hochtraverse der Pickets unternehmen: Stetattle Ridge – McMillan Cirque – Mount Fury – Luna Cirque – Mount Challenger – Perfect Pass – Mineral High Route – Hannegan Pass Road. 80 Kilometer Strecke in den wildesten und abgelegensten Bergen der 48 US-Zentralstaaten. Mit viel Optimismus verlassen wir den Diablo Lake und steigen durch dichte Wälder zum Stetattle Ridge.
Gary Snyder, ein Dichter der Beat-Generation, arbeitete hier 1953 als Feuer-Beobachtungsposten und schrieb darüber im Buch „Poets on the Peaks“. Als wir endlich über die Bergkämme spähen, verstehe ich, warum diese Aussicht Poesie inspirieren kann. Während wir auf- und absteigen und uns dem Herz der Gebirgskette nähern, sehe ich nicht nur Gipfel, sondern Arme und Beine, Oberkörper und Köpfe. Beginnt ein Berg, späht sofort ein anderer aus der dicht gedrängten Kette von mehr als 21 Gipfeln hervor. Als ich mein Biwak vorbereite, kann ich nur daran denken, noch näher an diesen faszinierenden Faltenwurf alpiner Verführung heranzukommen. Die nächsten eineinhalb Tage schieben wir unsere Skier Schritt für Schritt nach vorne und wieder zurück.
Unter den McMillan Spires zeugen Bäume an einem zugewehten Felsrücken davon, dass das Leben immer einen Weg findet, wenn es will. In der Nacht kriecht die Dunkelheit aus den Tälern herauf und bedrängt uns wie Ninjas. Die Wärme kehrt am Morgen erst zurück, als wir anfangen, uns zu bewegen. Nach einigen Stunden, am dritten Morgen, erschüttert der Blick in das Riesenkar des McMillan Creek Cirque unser Selbstvertrauen und löst Alarm aus: „Oh Gott, da müssen wir runter!“ Kyle findet es zu riskant und dreht um. Ich schaue nach vorne und kann den kalten Atem des Windes fühlen, der mich in die Tiefe saugt. Wir hocken an der Kante des McMillan Creek Cirque mit ihren weit über das Schattental hinausragenden Wechten. Forest springt – ich folge.
Die Ungewissheit hält unsere negativen Gedanken in Schach. Die steilen Wände des Nordkars liegen eine Stunde hinter uns, als die Sonne hinter dem Mount Terror aufgeht und dem Tal die wenigen wertvollen Stunden Sonnenlicht beschert. Wir wärmen uns auf Felsen neben einem gurgelnden Bach. Ich fülle eine weitere Flasche mit frischem Wasser und bade mich im Licht. Alle Sorgen zerstreuen sich. 1985 kletterte Skoogs Team über den Outrigger Peak, bevor sie zum McMillan Kar abfuhren. Eine direkte Route macht im Winter mehr Sinn. Deshalb steigen wir am vierten Tag durch Bäume auf und ziehen schnell an hochgelegenen Schneefeldern vorbei. Die Lawinengefahr hält uns vom Mount Fury ab. Die Abfahrt und der Aufstieg zum Luna-Fury Col dagegen sehen perfekt aus.
Zwischen Wechten lassen wir uns in den Pulverschnee fallen – unbändige Perfektion von oben bis unten. Ich folge Forest auf einer hohen Traverse, bis wir auf das Luna Creek Kar hinabsehen. Zwischen Käsebissen bemerkt er: „Das werden die besten Schwünge meines Lebens!“ ...„ Wie Recht er doch hat!“, denke ich bei der Abfahrt. Unter der Nordwand des Mount Fury steigen wir stundenlang über Lawinenreste, bis wir ein Durchkommen am Challenger Gletscher finden. Nach 2.440 Höhenmetern Aufstieg richte ich mir einen Biwakplatz mit wunderbarer Sicht auf die Nordostwand des Mount Fury und versuche mit tauben Fingern eine Stunde lang, die rastlose Nacht des Berges in einem Foto einzufangen. Am fünften Morgen wache ich wieder zitternd auf.
Eine Stunde später, über der breiten Gletscherschulter des Mount Challenger, entschwindet der Kern der Pickets unserem Blick. Wir lassen Spalten und schrecklichen Schnee hinter uns, passieren treffend benannte Landmarken wie Perfect Pass und Imperfect Impasse zum sanft geneigten Easy Ridge. Unter wolkenlosem Himmel folgen wir der Mineral Mountain High Route, anstatt auf den Chilliwack Trail auszuweichen. Wir umgehen das heimtückische Kliff an der Nordwestwand des Mineral Mountain und finden eine kleine Rinne, so breit wie meine Skier, die einen Durchgang zu den Hängen darunter und zum Chilliwack Pass gewährt, wo wir unsere letzte Nacht verbringen. Tag sechs bringt uns zum Ruth Mountain, wo schattige Pulverschneehänge sanfteren Landschaften weichen.
Wir gehen in einer kalten Brise um den Westhang herum und essen unseren restlichen Proviant. Keiner möchte das Ende der Reise beschleunigen. Ich gebe nach und murmle: „Wir sollten gehen.“ Ich weiß, wie bald wir unser leichtes Leben wieder haben werden mit seinen Annehmlichkeiten, die man liebt – nur eben nicht immer. Eine Stunde später stoppen meine Skier abrupt auf einem steinigen Pfad, kommen dann wieder frei und gleiten noch einmal zwischen den flinken Wassern des Ruth Creek. Dann liegen sie auf müden Schultern und können nicht mehr ungebremst die unerbittlichen Pickets abfahren. Im Gegensatz zu Forest und mir kennen sie keine Angst. Egal, wie oft ich hierherkommen werde: Immer werde ich voller Ehrfurcht vor diesen Bergen aufwachen. Genau das macht die Pickets für mich so einzigartig.





Fahrer: Forest McBrian



