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Österreich · Mieminger Chain

Little Cham

Ausgabe 2019 · Text: Max Dräger · Fotos: Max Dräger · 4 min Lesezeit

Little Cham

Die Mieminger Kette im Herzen Nordtirols ist eine der wildesten Gebirgslandschaften Österreichs und für Kenner vor allem im Winter ein lohnendes Ziel für abenteuerliche Unternehmungen. In den …

Die Mieminger Kette im Herzen Nordtirols ist eine der wildesten Gebirgslandschaften Österreichs und für Kenner vor allem im Winter ein lohnendes Ziel für abenteuerliche Unternehmungen. In den schroffen Flanken finden sich dermaßen viele gute und steile Linien, dass sich ein ganzer Führer damit füllen ließe. Hier habe ich als Fotograf nicht nur meine Vorliebe für Steilabfahrten entdeckt, sondern bin auch mit Manu Nadler und Kathi Sandbichler zu einer eingeschworenen Seilschaft zusammengewachsen. Im außergewöhnlich schneereichen Winter 2018/19 zog es uns als Dreiergespann viele Male in das „kleine Chamonix“ südlich des Wettersteingebirges.

Besonders in Erinnerung geblieben ist dabei eine vor allem alpinistisch anspruchsvolle Linie am Ostgipfel der markanten Hohen Munde (2.662 Meter). Etwas verdutzt sind sie schon, die anderen Skitourengeher, als wir am Gipfel der äußerst beliebten Hohen Munde unsere Gurte anlegen und die Halbseile fertigmachen, denn der Ostrücken ist zwar steil und erfordert eine sichere Skitechnik im Auf- und im Abstieg, aber ein Seil? Den Ostanstieg sind wir zwar auch heraufgekommen, doch zusammen mit meiner Freundin Kathi Sandbichler und Manu Nadler möchte ich heute eine Abfahrt durch die steile Nordflanke in Angriff nehmen.

Es ist einige Zeit vergangen seit unserer letzten gemeinsamen Tour, und irgendwie scheint es gerade kein Zufall zu sein, dass wir ausgerechnet wieder in der Mieminger Kette zu dritt unterwegs sind. Am Wannig, gerade einmal 16 Kilometer entfernt, sind wir drei Jahre zuvor das erste Mal gemeinsam unterwegs gewesen und ich kam in den Genuss meines ersten skibergsteigerischen Abenteuers. Schnell fand ich Gefallen an steileren Abfahrten. Als Dreierseilschaft zog es uns oft in die wilde Gegend nördlich des Inntals zwischen Imst und Seefeld, wo sich die meisten Skitourengeher auf ein paar wenige Moderouten beschränken.

In den steilen Rinnensystemen, eingelagert in schroffen Kalkwänden, ist auch am Wochenende noch die ein oder andere unverspurte Linie zu finden. Über die Jahre wurden unsere Vorhaben stets wilder, die Flanken steiler, die Abfahrten ausgesetzter und der Regionsführer „Freeride Tirol“ von Reini Scherer quasi zu unserer Wunschliste. Der hervorragende Winter 2018/19 ließ auch die Mieminger Berge zur Höchstform auflaufen und die Bedingungen waren dank der mächtigen Schneedecke hervorragend. Abseilstellen waren teilweise komplett überschneit, mitten im Hochwinter konnten wir bereits einige Rinnen oberhalb der im Winter unbewirtschafteten Coburger Hütte befahren und lange Powderruns auf den aus dem Inntal ragenden Südflanken genießen.

Die größte Herausforderung war mit Sicherheit, eben jene Linien heraufzukommen. Während sonst eher Steigeisen die Aufstiege erleichtern, griffen wir tatsächlich zur Schaufel und gruben uns durch die Unmengen an Schnee nach oben. Im April gewann dann langsam der Frühling im Tal die Oberhand und Powder fand sich nur noch in den von der Sonne unberührten, schattigen Nordseiten wie jene der Hohen Munde mit ihren tiefen Einschnitten. Blickt man von der Buchener Landesstraße auf den majestätischen Koloss, wirkt unser Vorhaben sicherlich wahnwitzig und irrsinnig, doch ändert man den Blickwinkel ein wenig, eröffnen sich im steilen Labyrinth aus Kalkwänden und Schneefelden mehrere durchaus ästhetische Abfahrtslinien.

Vom Gipfel aus gesehen, scheint unser Plan bedrohlich. Angesichts der gut 80 Meter hohen, überhängenden Wand unterhalb des Gipfelschneefelds begeben wir uns in objektiv gesehen gefährliches Gelände. Ein Sturz wäre fatal. Wie so oft beim Skibergsteigen gilt es also wieder einmal, das Tempo den Gegebenheiten anzupassen und vor allem niemals die Kontrolle zu verlieren. Gerade wenn man im Aufstieg eine andere Route wählt, oder wie in unserem Fall sogar wählen muss, sind die ersten Schwünge besonders spannend: Wie fühlt sich der Schnee an? Lagen wir mit unseren Annahmen richtig? Ist die Schneedecke gleichmäßig? Drop in!

Wir verabschieden uns von den anderen Gipfelbesteigern und tasten uns in den trichterförmigen Hang, der sich nach unten in einen Abgrund aus steilen Felswänden verengt. Der Schnee ist gesetzt, stabil und entspricht unseren Erwartungen. Manu zieht auf seinem Board die ersten Schwünge, Kathi und ich folgen auf Ski bis zum Beginn der Felsen. Vorsicht ist geboten, der Schnee bedeckt die Felsen nur spärlich, und wir beschließen, die Steigeisen anzulegen, um die erste Abseilstelle zu suchen. Erfreut, den perfekt eingerichteten Stand gefunden zu haben, versetzen wir uns kurz in die Lage der Erstbefahrer, die ohne Beschreibung und ohne Haken viel größere Herausforderungen zu meistern hatten.

Das eigentliche Highlight der Tour steht aber noch aus, und nach einem kurzen Schneefeld erreichen wir das obere Ende der rund 15 Meter weit überhängenden Wand. Die Abseilfahrt spuckt uns mitten in der Wand an einem äußerst unbequemen Hängestand auf einer kleinen Platte aus, unter uns nichts. Der Hochtourengurt schnürt das Blut in den Beinen ab und wir beeilen uns, damit wir bald wieder festen Boden unter den Füßen haben. Außerdem ist natürlich die Vorfreude groß, zum skifahrerischen Teil unserer Tour überzugehen. Endlich wieder seilfrei und in dem Wissen, dass die größten Herausforderungen hinter uns liegen, surfen wir in ziemlich gutem Schnee durch einen Slalomkurs aus Felsriegeln und mal mehr, mal weniger großen Durchschlüpfen, ehe uns die ersten Latschen das baldige Ende unserer Abfahrt ankündigen.

Eine letzte enge Rinne, ein wilder Ritt über den harten Lawinenkegel und schon stehen wir im Tal der Leutascher Ache. High five! Eine Mischung aus Erleichterung, Freude und Zufriedenheit macht sich in uns breit. So bekommt auch diese Linie ein kleines Hakerl in Reinis Führer. Was bleibt, ist nicht nur ein wunderschöner, spannender Bergtag, sondern auch die Frage, welche Linie in „Little Cham“, wie wir es liebevoll nennen, als nächstes in Angriff genommen wird.

Little Cham
© Max Dräger
Little Cham
© Max Dräger
Little Cham
© Max Dräger
Little Cham
© Max Dräger
Little Cham
© Max Dräger

Fahrer: Manu Nadler, Kathi Sandbichler

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