BACKLINE Magazin
EN

Kanada · Kluane & St. Elias Mountains

Lost and Found

Ausgabe 2020 · Text: Ryan Stuart · Fotos: Alexander Mackay · 5 min Lesezeit

Lost and Found

Im Jahr 1999 fanden drei Jäger in einer abgelegenen Ecke des Küstengebirges British Columbia die Leiche eines Ureinwohners. Fast 20 Jahre lang erforschten die Wissenschaftler seine Überreste und …

Im Jahr 1999 fanden drei Jäger in einer abgelegenen Ecke des Küstengebirges British Columbia die Leiche eines Ureinwohners. Fast 20 Jahre lang erforschten die Wissenschaftler seine Überreste und lernten viel über unsere Vorfahren. Doch es blieben Fragen offen: Was machte Kwäday Dän Ts'inchi – so sein Name – ganz alleine im Hochgebirge? Wo ging er hin? Wie ist er gestorben? Eine kleine Gruppe von Skifahrern beschloss, nach Antworten – und der ein oder anderen Erstbefahrung – zu suchen, indem sie sich tief in die Berge von B.C., in Richtung der letzten Ruhestätte von Kwäday begaben.

Unterwegs stießen sie auf vieles, das ihnen längst vergessenes Wissen, zahlreiche Abenteuer und ein tieferes Verständnis für die menschliche Natur und die Anziehungskraft der Berge vermittelte. Ich habe mich verlaufen. Ich weiß, dass ich 100 Meter über der Gletscherzunge stehe. Wir waren nur kurz unterwegs, um eine Route vom Camp über die Gletschermoräne hinunter zum Samuel Glacier zu finden – unsere Verbindung zu den Hängen zwischen B.C. und dem Yukon. Hinunter ist alles einfach. Wir haben knöcheltiefen Frühlingsschnee und stehen schnell inmitten eines Spielplatzes aus zerklüfteten Kammlinien und Wechten. Der Rückweg ist etwas komplizierter. Meine geistige Karte stimmt nicht mit der Realität überein.

Wir haben die Moräne überquert, aber das Camp ist nirgends zu sehen. Himmel, Schnee, Hang, Spuren – alles verschmilzt zu einem Brei. Ich spüre, wie Panik hochkommt. Plötzlich weiß ich, wie Kwäday Dän Ts'inchi sich gefühlt haben muss. Vor dreihundert Jahren durchquerte Kwäday diese Berge, als irgendetwas Schlimmes passierte. Vielleicht stürzte er in eine Spalte oder verirrte sich wie ich im Whiteout. Auf jeden Fall war es sein Todesurteil. Er wurde vom Schnee konserviert, hoch oben in der nördlichen Coast Range. Im Sommer 1999 fanden Jäger seine Überreste. Siebzehn Jahre intensives Studium brachten unendlich viele Informationen darüber zutage, wie die Ureinwohner des hohen Nordens vor dem Kontakt mit den Europäern lebten.

Ich betrachte Bergsteigen und Skifahren als Luxushobbies der reichen Industrieländer. Verdient man sich mit Jagen und Sammeln seinen Lebensunterhalt, geht man wahrscheinlich nicht mehr aus Spaß in die Berge. Untersuchungen zeigten jedoch, dass Kwäday ein erfahrener Abenteurer war, der fernab der üblichen Versorgungsrouten unterwegs war. Ich fragte mich warum und beschloss, seine letzte Ruhestätte zu besuchen. Da sich diese mitten in aufregenden Bergen mit unzähligen Abfahrtsmöglichkeiten befand, war das Vorhaben doppelt reizvoll. Der Samuel Glacier war zu Kwädays Zeit kein Spaziergang, und er ist es auch heute noch nicht. Unser fünfköpfiges Team trifft sich in Whitehorse im kanadischen Yukon.

Vier Stunden später stellen wir das Auto in der Nähe des Chilkat Passes bei Haines in Alaska ab. Nach einem langen Zustieg schlagen wir unser Camp mit Blick auf die Gletscherzunge auf. Die Wolken tänzeln währenddessen um die Gipfel und geben den Blick auf zahlreiche Couloirs und Hänge rund um den Gletscher frei. Irgendwo dahinter, verdeckt von Wolken und Bergflanken, liegt Kwädays letzte Ruhestätte. Die Gegend bietet ausreichend Terrain für sechs Tage Skifahren. Ohne Ski, Gletscher- und Lawinenausrüstung, GPS, Topokarte und ein paar Begleiter, auf die man sich verlassen kann, würde ich niemals auf die Idee kommen, hierher zu kommen. Kwäday hatte nichts davon. Nachdem er gefunden wurde, befreiten Archäologen Kwädays Überreste aus dem Eis.

Sie arbeiteten eng mit den Dän, Tlingit und Tagish zusammen, Stämme der südlichen Tutchonen, die seit Jahrtausenden hier leben. Kwäday Dän Ts'inchi bedeutet „Vor langer Zeit im südlichen Tutchone gefundene Person“. Die Universität von Victoria veröffentlichte ein 688-seitiges Buch mit ihren gesammelten Erkenntnissen über Kwäday. Diese könnte ich am nächsten Tag gut gebrauchen. Wir sitzen im Lager und warten, dass der Wind nachlässt und die Sicht besser wird. Am späten Nachmittag ist es soweit. Wenig später verlaufe ich mich. Ich weiß, dass das Camp direkt vor mir sein sollte. Wütend schlage ich mit meinem Stock in den Schnee, als plötzlich einer meiner Kumpels an mir vorbeikommt. Endlich sehe auch ich das Zelt – direkt vor mir!

Könnte genau das auch Kwäday passiert sein? Nach drei Tagen kommt endlich die Sonne wieder heraus. Wir stehen früh auf und folgen unseren Spuren zurück zum Gletscher. Dann beginnen wir mit dem Aufstieg zu einer der Linien, die wir unbedingt fahren wollen. Noch bevor wir ankommen, ziehen neue Wolken auf. Wir schauen auf die Karte. Während wir über Optionen diskutieren, stelle ich mir die Route vor, die Kwäday vielleicht genommen hatte, um zu seiner letzten Ruhestätte zu gelangen, die irgendwo über unserer Position in den Wolken liegt. Nach der Entnahme von Proben von Nahrungsresten und Pollen aus seinem Darm sowie Mineralien von Boden rund um den Fundort, konnten die Wissenschaftler mehr über seine Route sagen.

Kwäday war wohl genau hier vorbeigekommen, was jedoch nur schwer vorstellbar ist. Ich sehe mich um und sehe zum letzten Mal den Samuel Glacier. Am nächsten Morgen ist das Wetter noch schlechter, die Vorhersage sagt Sturm. Vielleicht will Kwäday nicht gestört werden. Wir packen zusammen und suchen auf der trockeneren Ostseite der Bergkette nach Abfahrten. An diesem Abend steigen wir ein Couloir direkt über dem Haines Highway hinauf. Am Gipfel beobachte ich, wie die Sonne langsam hinter den Bergen untergeht. Die Weite ist beeindruckend. Aber heute sehe ich alles mit anderen Augen. Wo früher nur Wildnis war, erkenne ich heute die Welt, in der Kwäday einst lebte. Es gibt viele Theorien, was er vor 300 Jahren in den Bergen zu suchen hatte.

Unverbesserliche Romantiker sagen, er war auf dem Heimweg, nachdem er bei den Eltern seiner Braut um ihre Hand angehalten hatte. Ich habe eine andere Theorie. Als ich in den Hang einfahre, stelle ich mir vor, wie er sich so wie wir fragt, wie wohl der Schnee hinter der nächsten Kante sein mag.

Lost and Found
© Alexander Mackay
Lost and Found
© Alexander Mackay
Lost and Found
© Alexander Mackay
Lost and Found
© Alexander Mackay
Lost and Found
© Alexander Mackay

Fahrer: Alex Armstrong, Ryan Stuart, Claude Vallier

Mehr aus Kanada