Italien · Palagruppe
Magic Mountains
Ausgabe 2025 · Text: Christian Penning · Fotos: Christian Penning · 3 min Lesezeit

Wilde Felstürme und steile Couloirs, sanfte Hänge und gaumenschmeichelnde Küche mit mediterranem Touch – all das verschmilzt in der Palagruppe in den südlichen Dolomiten zu einer magischen Winterwelt. Skitourenabenteuer wie von einem anderen Stern. Keine überlaufenen Klassiker wie Sella oder …
Wilde Felstürme und steile Couloirs, sanfte Hänge und gaumenschmeichelnde Küche mit mediterranem Touch – all das verschmilzt in der Palagruppe in den südlichen Dolomiten zu einer magischen Winterwelt. Skitourenabenteuer wie von einem anderen Stern. Keine überlaufenen Klassiker wie Sella oder Chamonix – hier herrscht noch Bergeinsamkeit. Die Gründe liegen in der Topografie: schroffe Türme, versteckte Kare, ein riesiges Karstplateau auf bis zu 3.000 Metern Höhe. Was auf den ersten Blick abweisend wirkt, entpuppt sich als ideales Tourenrevier. Wer den Zugang kennt – etwa mit der Rosetta-Gondel – landet mitten im Paradies. Bergführer Eric Girardi, der die Pala bestens kennt, bringt zwei Gäste in diese faszinierende Welt. Die Bedingungen sind perfekt.
Was folgt, ist eine Reise durch Pulver, Firn, Fels und Geschichte. Bis die Oberschenkel brennen. Florian lacht laut auf. „Ich fass’ es nicht!“ Auch Luggi, der vor ihm in der Spur geht, strahlt. Die beiden haben ihre Tour mehrmals verschoben – zu viel Schnee, zu wenig Sicht, Lawinengefahr. Jetzt passt alles. Die Hochebene des Altiplano delle Pala liegt tief verschneit unter einer weißen Decke. Wie weggezaubert sind die sonst sichtbaren Felsbrocken. Nach einem kurzen Anstieg öffnet sich der Blick in ein tiefes Couloir – schaurig für Einsteiger, verlockend für Könner. Noch ist Zurückhaltung angesagt. „Für steile Projekte bleibt Zeit“, sagt Eric. Dann: Felle abziehen, Pulver genießen. Weite, unverspurte Hänge breiten sich aus.
Während der Abfahrt erzählt Eric von seinen Hausbergen. „Einen Massenansturm wie in der Sella oder den Nordalpen gibt es hier nicht.“ Die Gipfel der Pala – Cimon della Pala, Vezzana, Cima Rosetta – ragen wie Zinnen einer Naturburg in den Himmel. Viele der Namen – Cima dei Bureloni, Tromba del Miel – klingen wie Poesie für Feinschmecker. Auch San Martino di Castrozza überrascht: ein Mix aus Alpendorf, mondäner Kulisse und 80er- Jahre-Filmset. Roger Moore hätte hier gut Skiszenen gedreht. Gleichzeitig ist der Ort tief verwurzelt in der Alpingeschichte: 2024 wurde hier der „Piolet d’Or“ verliehen – die bedeutendste Auszeichnung im Höhenbergsteigen. Der Geist des Entdeckens weht durch Gassen, Grate und Rinnen. Die Gondel auf die Rosetta spart zwei Stunden Aufstieg. „Für Puristen vielleicht ein Frevel“, meint Eric. „Aber sie bringt dich in
Minuten in die Wildnis.“ Noch am selben Tag zieht das Trio erste Spuren durch das Valle delle Comelle. Ein Anstieg zum Bureloni-Couloir würde hier starten – 700 Höhenmeter nordseitige Herausforderung. Doch der Schnee ist zu frisch, die Zeit knapp. Also zurück. Die Sonne färbt die Felstürme orange, während Flo und Luggi immer wieder stehen bleiben und staunen. Tag zwei beginnt mit einem kurzen Aufstieg zur Baita Segantini – im Winter meist geschlossen, aber spektakulär gelegen. Danach folgt eine genussvolle Abfahrt zu den Quellen des Travignolo-Bachs. Der lange Anstieg zum Monte Mulaz beginnt gemächlich. „Ein Klassiker mit vielen Variationen“, sagt Eric. Unterhalb des Couloirs zieht er eine Zickzackspur durch ein weites Kar. Der Schnee: makellos.
Drei einsame Spuren bleiben zurück. Noch ein kurzer Riegel, dann weiter zum Passo Mulaz. Jenseits des Passes wartet eine Pulver-Party: 1.200 Höhenmeter durch kupierte Hänge, Waldpassagen, Buckelpisten im unteren Teil. Ziel: Falcade. Doch dort endet die Tour nicht – es folgt eine Taxifahrt durch unzählige Serpentinen zurück nach San Martino. Der nächste Tag beginnt mit einem Espresso. Ohne schwarzen Power-Push gehe hier keiner auf Tour, meint Eric. Dann: Die Rosetta-Rinne. 800 Höhenmeter wie ein schmaler Schneeschacht. Doch der Schnee ist hart, fast eisig. Die Begeisterung weicht Skepsis. Lagebesprechung. Eric schlägt Plan B vor: Statt Couloir lieber Firnhänge. Richtung Val Pradidali. Breite
Flanken führen durch ein stilles Fels-Amphitheater. „Die Pala ist extrem – aber auch sanft“, sagt Eric. Wer will, seilt sich über Bänder ab. Wer nicht, gleitet elegant talwärts. Das Finale: eine enge, steile Rinne zwischen Torre Bettega und Pala di San Martino. An manchen Stellen kaum breiter als eine Skilänge. Der Kamin weitet sich. Die Oberschenkel brennen, der Puls hämmert. Kein Grund für Pause: „Weiter!“, ruft Eric. „Hier könnten Schneerutsche abgehen.“ An den Hängen zeugen Lawinenkegel von der Kraft der Sonne. Noch ein letzter Anstieg, ein paar Schweißtropfen, dann ist der Forstweg erreicht. Am nächsten Tag soll das Wetter kippen. Doch Flo und Luggi wissen: Sie werden zurückkommen. Spätestens nächsten Winter.





Fahrer: Ludwig Dengg, Florian Dittert, Eric Girardi



