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Österreich · Arlberg Range (Albonakopf)

Now or Never

Ausgabe 2018 · Text: Nadine Wallner · Fotos: Andreas Vigl · 5 min Lesezeit

Now or Never

„Dass alles seine Zeit hat, heißt auch, dass alles seine Zeit braucht.“ In Stuben, auf der Albona, kenne ich jeden Strauch und Stein. Schon als Kind ist mein Vater mit mir die Skitour auf den …

„Dass alles seine Zeit hat, heißt auch, dass alles seine Zeit braucht.“ In Stuben, auf der Albona, kenne ich jeden Strauch und Stein. Schon als Kind ist mein Vater mit mir die Skitour auf den Maroikopf gegangen. Fast jeder Variantenfahrer kennt den Ausblick von dort oben: im Hintergrund erhebt sich der majestätische Albonakopf. Er ist mit seiner besonderen Form, die an die steilen Spines in Alaska erinnert, einzigartig. Der „Albonaska“, wie man ihn auch nennt, ist wenig befahren, da selten perfekte Bedingungen zu erwischen sind und er technisch sehr schwierig ist. Das Technische ist für mich die Herausforderung, der Berg an sich ein persönliches Anliegen.

Und was die Bedingungen angeht, so habe ich den Heimvorteil, vor Ort zu sein und schnell handeln zu können. Fast zwei Winter legte ich mich auf die Pirsch, um die idealen Verhältnisse zu erwischen. Ich checke wieder und wieder das Wetter, steige gerade zum Wandfuß des Albonakopfes auf. Ich möchte die Lage vor Ort begutachten. Es sieht gut aus. Lange braucht der Kuchen nicht mehr, bis er herausgenommen werden kann. Fluffig mit Streuseln und kleinen Schokoladenstücken. So muss er sein. Ich verliere mich in meinen Gedanken und entdecke mit dem Fernglas ein, zwei kritische Stellen. Einige Steine sind noch immer leicht sichtbar. Eine weitere Glasur Schneefall und die richtige Backofentemperatur, dann bleibt der Schnee dort kleben.

Ich telefoniere mit Jakob. Schon seit zwei Jahren arbeiten wir gemeinsam an einer Dokumentation über den Arlberg. Wir wollen die nächsten Tage einige Linien und Landschaftsaufnahmen produzieren. Nach einer halben Stunde am Telefon steht ein Zweitagesplan, und Jakob legt auf. Irgendwie lässt es mich nicht los, in meinem Kopf geht es wild hin und her und mein Bauchgefühl sagt, jetzt oder nie. Ich rufe Jakob noch einmal an und sage: „Jetzt oder nie! Besser bekommen wir den Kuchen diesen Winter nicht mehr gebacken.“ Jakob stimmt zu. Der gerade erst aufgestellte Plan wird über den Haufen geworfen und der Stein kommt ins Rollen. Das Vorhaben ist, den Berg mit Stefan Häusl zu befahren.

Es ist Mitte Februar, Stefan kommt gerade erst von Freeride World Tour Stopps in Japan und Kanada zurück. Ich rufe ihn an und erzähle ihm von der Schnee- und Wettersituation in den vergangen zwei Wochen. Ich dränge ihn: „Wir müssen JETZT zuschlagen, Stefan.“ Stefan willigt kurzerhand ein und muss ein wenig auf meine Beobachtungen und Beurteilungen vertrauen, dass es passt. Er sagt: „Wir sind vor vier Jahren genau am selben Tag abgefahren, das ist ein gutes Zeichen.“ Stefan ist bereits eine Freeride-Legende am Arlberg und konnte den Albonakopf schon auf zwei verschiedenen Linien befahren. Er weiß, wieviel Aufwand dieser Berg einfordert und ist sofort motiviert, mich in meiner Unternehmung zu unterstützen.

Ich packe meinen Schlafsack, Matte und Zelt für eine eisige Nacht am Wandfuß des Albonakopfes. Wir wollen nichts dem Zufall überlassen und früh dran sein. An der Albonagondelbahn treffen wir uns. Alle sind aufgeregt. Wir kommen gerade rechtzeitig zur letzten Bergfahrt. Nach dem kurzen Aufstieg auf den Maroikopf zücken Stefan und ich unsere Ferngläser. Gründlich begutachten wir das Face. Der erste schöne Tag nach dem Schneefall ist vorüber, es ist kalt geblieben und der Neuschnee konnte sich mit der Sonneneinstrahlung ein wenig setzen. Ich diskutiere mit Stefan meine Linie und die Verhältnisse. Es sieht gut aus und ein kleines, nervöses Grinsen macht sich in unseren Gesichtern breit. Das wird eine kalte Nacht.

Nachdem wir das Zelt aufgebaut haben, kochen wir uns noch eine heiße Suppe und legen uns zeitig schlafen. 5.30 Uhr morgens, der Wecker klingelt. Es ist bitter kalt. Schnell noch eine Kleinigkeit essen und einen heißen Tee trinken. Eine halbe Stunde später stehen wir vor dem Zelt und machen uns bereit zum Abmarsch. Wir steigen erst ein Stück am Grat entlang auf und queren dann in die Nordseite des Albonakopfes. Die Nordseite ist sehr steil. Wir kämpfen uns im hüfttiefen Schnee mit den Skiern am Rücken hinauf Richtung Gipfel. Durch den tiefen Schnee brauchen wir länger als gedacht. Die ersten Sonnenstrahlen blinzeln ums Eck und ein wenig Wärme breitet sich langsam im Körper aus.

Am Gipfel blicke ich zum ersten Mal von oben in die Ostseite des Albonakopfes hinunter. Ich muss kurz schlucken. Es ist beeindruckender, als ich es mir vorgestellt habe, und noch immer steil. Manche Faces sehen von gegenüber oft steiler aus, als sie es tatsächlich sind. Doch der Albonakopf ist keine dieser optischen Täuschungen. Es ist einfach sausteil. Stefan und ich bereiten uns auf die Abfahrt vor, wir wollen bald loslegen. Stefan gibt mir noch ein, zwei Tipps für die steile Einfahrt, und schon kommt der erste Countdown. „Noch zwei Minuten.“ Ich bin nervös, muss mich motivieren. Ich denke an frühere Momente, in denen ich das auch schon geschafft hatte.

Ich denke daran, wie ich die Nervosität wegschiebe und in Energie, Konzentration und Flow umwandle. „Drei, zwei, eins – Drop in!“ Ich taste mich den ausgesetzten Südost-Grat vor und komme zur steilen Einfahrt. Ich bin angespannt. Hier darf man nicht stürzen. Hier ist kein Platz für Fehler. Vorsichtig lasse ich ein wenig Sluff hinunter, rutsche ein, zwei Meter und los geht's. Konzentriert und selbstbewusst stelle ich die Skispitzen gerade und folge meiner Linie, die ich mir am Tag zuvor eingeprägt habe. Im Augenwinkel nehme ich die Staubwolke von meinen ausgelösten Oberflächenrutschen wahr. Der schnelle Sluff macht mich kurz nervös.

Ich bin aber trotzdem zu 100 Prozent fokussiert und ziehe meine Spur in die unberührte Schneeflanke an diesem speziellen Berg in meiner Heimat. Unten angelangt explodiere ich fast. Nach zwei Jahren Warten und Beobachten war nun alles nach weniger als einer Minute vorbei. Die Erlösung schlechthin. Ein tolles Gefühl. Dieser Berg ist hart verdient. Aber es hat sich gelohnt. So wie es sich immer lohnt – egal, ob es funktioniert oder nicht.

Now or Never
© Andreas Vigl
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© Andreas Vigl
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© Andreas Vigl
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© Andreas Vigl
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© Andreas Vigl

Fahrer: Stefan Häusl, Nadine Wallner

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