Russland · Caucasus Mountains (Sotschi / Krasnaja Poljana)
Olympic Powder
Ausgabe 2017 · Text: Lucas Swieykowski · Fotos: Johan Axelsson · 5 min Lesezeit

Kalt. Rau. Gefährlich. Am Ende der Welt. Das sind nur einige der Begriffe, die mir durch den Kopf schossen, als ich darüber nachdachte, nach Sotschi zu fahren. Exotisch. Nicht alltäglich. Echtes …
Kalt. Rau. Gefährlich. Am Ende der Welt. Das sind nur einige der Begriffe, die mir durch den Kopf schossen, als ich darüber nachdachte, nach Sotschi zu fahren. Exotisch. Nicht alltäglich. Echtes Abenteuer. Die Olympischen Winterspiele 2014 wurden dort abgehalten... Was hat das Gelände zu bieten? Wir hatten keine Ahnung, aber wir wollten es herausfinden. Unser Ziel? Entdecken, was der Ort zu bieten hat – allerdings nicht das Offensichtliche, sondern Powder und unberührte Lines. Gemeinsam mit den Skifahrern Thibaud Duchosal und Pat Vuagnat, Filmer Laurent Jamet und Fotograf Johan Axelsson zog ich los und wollte viel weißes Gold finden. Wir waren auf einer Mission.
Die Faszination des Unberührten; Erfahrungen, die über das hinausgehen, was wir bisher kannten oder gesehen hatten. Als Basis für unser Abenteuer wählten wir Krasnaja Poljana. Der Ort wurde quasi über Nacht vom Bergdorf zur Stadt mit allen Vor- und Nachteilen. Wachstum mit der einzigen Absicht, mit den besten Skigebieten in Europa konkurrieren zu können. Am Tag nach unserer Ankunft erklommen wir einen ersten Gipfel, um das Gebiet kennenzulernen. Es schneite heftig, die Sicht war minimal. Obwohl wir nicht viel sehen konnten, spürten wir, dass der Ort etwas Besonderes hat. Die Schneeverhältnisse waren bereits sehr gut, und wir erwarteten einen Schneesturm, der innerhalb von zwei Tagen mehr als 40 Zentimeter bringen sollte.
Im Schutz der Bergwälder machten wir unsere ersten Abfahrten. Episch!! Uns war klar, dass wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Nach zwei Tagen schlechtem Wetter zeigte sich die Sonne wieder. Mit der Sicht kam unsere Sprachlosigkeit. Was für ein Ort! Wunderschöne Berge mit unterschiedlichstem Gelände und unzähligen Möglichkeiten. Wir konnten es kaum erwarten. Wir waren uns bewusst, dass die Lawinengefahr nach dem Sturm sehr hoch war, und suchten uns zunächst ein paar kleinere Flecken – nicht super steil oder zu exponiert. Aber selbst hier wurden wir mehr als fündig: lange Couloirs, Rinnen wie in Alaska, steile Wälder mit Pillows. Es war einfach nur perfekt.
Nach ein paar Tagen stabilisierte sich der Schnee und die Verhältnisse wurden einschätzbarer. Es war an der Zeit, steilere und technisch anspruchsvollere Sachen zu suchen. Unsere Geduld wurde belohnt. Während des Sturms beobachteten wir viele natürliche Lawinenabgänge und auch die Pistendienste hatten hart gearbeitet und nicht nur in den Skigebieten, sondern auch außerhalb fleißig gesprengt. Das Gelände war so sicher wie nur möglich. In der Nähe von Alpica fanden wir ein Gebiet mit steilen Rinnen, die nicht von Wind oder Sonne beeinflusst waren. Alpica war früher einmal ein Skigebiet. Seit seiner Schließung vor einigen Jahren ist es ein erstklassiges Skitourengebiet.
Schneefontänen, Powder, Speed... manchmal fällt es einem schwer, das, was man fühlt, in vollständige Sätze zu packen, wenn alles einfach nur perfekt ist. Aber man darf nie vergessen, dass „perfekt“ nicht wirklich existiert. Die Lawinengefahr ist immer präsent und man muss sich der potenziellen Gefahren bewusst sein. Daher sollte man immer den Wetter- und Lawinenbericht kennen und die nötige Sicherheitsausrüstung dabeihaben (und sie auch zu benutzen wissen). Wir erwarten immer das Unerwartete, deswegen können wir auch Spaß und Adrenalin maximal auskosten. Und davon hatten wir jede Menge. Schon alleine die Aussicht vom Gipfel war atemberaubend. Man stelle sich nur vor, wie die Sonne direkt im Schwarzen Meer untergeht...
Während der nächsten Tage fanden wir unglaubliches Gelände, aber es gab einen Berg, der noch auf unserer Wunschliste stand: Ein Grat, etwas weiter entfernt und nur zu Fuß erreichbar. Wir versuchten, alles über den Berg herauszufinden – ist das Gebiet off-limits, braucht man eine Genehmigung? Aber alles schien ok, und so stiefelten wir los. Es ging einige Stunden zu Fuß durch die Landschaft, dann durch die Wälder, die wir einige Tage früher im Sturm gefahren waren. Die Schneedecke war stabil. Dann erreichten wir den Grat. Es gab mehrere Optionen für die Abfahrt. Pat war der erste, der es wagte. Unten angekommen hob er die Daumen und gab grünes Licht. Thibaud und ich waren die nächsten. Ich war ein wenig nervös, denn der Hang war steil und exponiert.
Ich vertraute dem Schnee, aber hier und da gab es ein paar Stellen, die nicht ganz sicher aussahen. Egal. Los! Und es war perfekt. Eine makellose Linie in bestem Schnee. Wir wollten mehr und machten uns wieder an den Aufstieg. Bei meiner nächsten Abfahrt wollte ich eine lang verlorene Wettschuld einlösen: Nackt und nur mit LVS und Helm bekleidet flog ich den Hang hinunter. Es war eine verrückte Erfahrung und ein riesen Spaß, über den wir heute noch lachen. Unser „Après-Ski“ verlief ausnahmslos entspannt und ruhig. Wir gingen aus und trafen viele Einheimische, die unsere Geschichten hören und ihre eigenen Stories erzählen wollten. Wir machten neue Freunde und hatten viel Spaß.
Ein paar unserer neuen Kumpels rieten uns, ein typisch russisches Bad zu probieren. Die „Banya“ ist wie eine Sauna, man durchläuft dabei aber unterschiedliche Phasen von trockener Luft bis hin zu extrem hoher Feuchtigkeit. Es gibt auch einen Banya-Meister, der dich mit getrockneten Ästen und Blättern peitscht, um die Luft im Raum zu bewegen und den Blutkreislauf zu verbessern. Dadurch entsteht viel Wärme und Energie, was teilweise fast ein bisschen zu viel werden kann. Aber es wirkt tatsächlich sehr entspannend, und nach einem langen Skitag gibt es kaum etwas Besseres. Als wir abreisen mussten, hatte sich meine Vorstellung von Russland ziemlich verändert. Jetzt denke ich nicht mehr, dass es dort gefährlich und man am Ende der Welt ist.
Ganz im Gegenteil! Wir trafen tolle Menschen und entdeckten eine unglaubliche Gegend, die viel mehr zu bieten hat als das, was man im Fernsehen bei den Olympischen Spielen gesehen hat. Wenn sich die Möglichkeit ergibt, fahre ich so schnell wie möglich wieder hin. Wer kommt mit?





Fahrer: Thibaud Duchosal, Lucas Swieykowski, Pat Vuagnat



