Russland · Chersky Range (Sibirien)
The White Maze
Ausgabe 2016 · Text: Matthias Haunholder · Fotos: Jonas Blum · 4 min Lesezeit

Wir wollten ein Skiabenteuer in Nordostsibirien erleben, in der Nähe des kältesten bewohnten Ortes der Welt, und dort die höchste Erhebung des Chersky-Gebirges erstbefahren. Für den Trip zum 3.003 …
Wir wollten ein Skiabenteuer in Nordostsibirien erleben, in der Nähe des kältesten bewohnten Ortes der Welt, und dort die höchste Erhebung des Chersky-Gebirges erstbefahren. Für den Trip zum 3.003 Meter hohen Gora Pobeda stellten wir uns auf ein spektakuläres Abenteuer ein. Wir – das sind Matthias Mayr und Matthias „Hauni“ Haunholder mit dem Team Johannes Aitzetmüller, Moritz Sonntag (Kamera) und Jonas Blum (Fotografie). Den Gebirgszug entdeckten wir auf dem Rückflug vom letzten Skitrip auf der Kurileninsel Onekotan. Sibirien mag für ewige Weite und verschneite Ebenen stehen, doch wir sahen aus dem Flugzeugfenster ein Labyrinth von Bergen. Deshalb die Idee, unseren Film „The White Maze“ zu nennen.
Wir scherzten noch, das würde unser nächstes Projekt werden. Ein Jahr später waren wir vor Ort. Bei der Vorbereitung unserer Reise ins sibirische Nirgendwo, 1.300 Kilometer von Jakutsk entfernt, gab es nur spärliche Infos und kaum geeignetes Kartenmaterial. Auch die Google-Earth-Aufnahmen waren keine große Hilfe. Nicht die besten Voraussetzungen, um eine Erstbefahrung ordentlich zu planen. Beim ersten Trip Ende Januar hieß es also, Kontakte zu knüpfen. Der Tiroler Hansjörg Franz, der Jakutsk von einem Motorrad-Trip kannte, nannte mir den Jakuten Bolot, einen Einmann-Reiseunternehmer mit guten Englischkenntnissen. Unser Vorhaben beeindruckte Bolot und er unterstützte uns sehr gut.
Sein Freund Ajar machte uns auf eine Nomadenfamilie aufmerksam, die in der Nähe des Gebirgszuges ihr Winterlager hatte, und Bolot fand einen Tag vor unserer Ankunft den Mann, der die Nomaden regelmäßig mit seinem Kleinbus versorgte. Er vermittelte auch ein Treffen mit Vasily, einem ehemaligen Soldaten, der den Gora Pobeda in den 1980er Jahren besteigen konnte – die Erstbesteigung des „Berg des Sieges“ gelang in den 1960er Jahren – und uns auch alte Fotos und eine sehr ungenaue Karte des Gebirges zeigte. Um den letzten beschwerlichen Weg in die Berge hinein bewältigen zu können, mussten wir jedoch mit den Nomaden sprechen, die 1.300 Kilometer entfernt in ihrer Blockhütte überwinterten.
Wir fuhren etwa 42 Stunden lang mit dem Kleinbus nach Sasyr, von wo es in dreistündiger Skidoo-Fahrt zum Nomadenlager ging. Dort wurden wir mit einem köstlichen Abendessen begrüßt – Rentierfleisch, im Fett gebackenen Teigwaren mit Preiselbeermarmelade und russischem Schwarztee. Die Familie stellte viele Fragen, interessierte sich für unser Vorhaben, meinte aber, wir seien verrückt, mit den Skiern auf den Berg steigen zu wollen. Aber sie versprachen, den Anmarsch mit ihren Rentierschlitten zu verkürzen. Wir müssten aber spätestens am 9. Mai vom Berg zurück sein. Andernfalls würden die Flüsse aufzutauen beginnen und für die nächsten Monate unpassierbar werden.
Und wir sollten möglichst spät im Frühjahr aufbrechen, damit sich der extrem trockene, bodenlose Schnee setzen konnte. Ende April starteten wir unsere Expedition, und die aufwändige Vorbereitung machte sich bezahlt. Die Rentiere, die beim Transport helfen sollten, waren früher als in den letzten Jahren losgezogen, doch die Nomaden brachten uns mit ihren alten Motorschlitten soweit es ging. Für die nächsten zwei Kilometer ohne Motorschlitten brauchten wir sechs erschöpfende Stunden. Der Schnee war wie Schaum, einfach bodenlos. Noch weit weg vom Pobeda schlugen wir das Basecamp auf, legten am Folgetag mit Skiern und jeweils 40 Kilogramm am Rücken eine Spur und richteten ein vorgeschobenes Lager ein.
Die Berge waren zwar noch in Wolken, aber übers Satellitentelefon wurde ein viertägiges Schönwetterfenster angekündigt. Jeden Tag nützten wir vom Sonnenauf- bis -untergang aus, ausgiebige Tage mit bis zu 16 Sonnenstunden. Wir wussten immer noch nicht, ob wir den Pobeda über die Süd- oder Nordseite besteigen sollten, und nichts über die Schneequalität. So wählten wir einen gegenüberliegenden Berg mit einer Eisflanke, um die Südseite einzusehen und den Schnee zu testen. Wir machten eine Rinne aus, die zu einem Sattel und auf den Pobeda führte, extrem steil und mit einer ordentlichen Wechte am Ende, konnten aber nicht sehen, ob sie durchgehend war.
Die erste Abfahrt über einen kompakten Windharschdeckel und Gletschereis berauschte nicht wirklich, aber es war eine Genugtuung, endlich Ski zu fahren. Wir beschlossen, den Pobeda am nächsten Tag über die Südseite zu probieren. Etwas müde nach den anstrengenden Vortagen gingen wir nur mit dem Nötigsten im Rucksack los. Beim Aufstieg besprachen wir die Kamerapositionen von Moritz und Johannes, Fotograf Jonas wollte mit auf den Gipfel. Die Skier schnallten wir nach etwa dreistündigem Aufstieg ab und stapften mit dem Steckpickel bewaffnet die spektakuläre Rinne hinauf. Der Schnee war gut, sah auch zum Skifahren einigermaßen aus. Die Rinne hatte einen Knick in der Mitte, doch sie ging genialerweise durch.
Am Sattel angekommen, warfen wir einen Blick über die Nordseite hinunter, extrem steiles Gelände und ein fast durchgehender konvexer Hängegletscher – unfahrbar. Den Gipfel erreichten wir über einen überwechteten schmalen Grat mit lockerem Gestein. Yeah! Saugeil! Es folgte die Befahrung der Rinne, das Highlight unseres Trips. Der sehr steile obere Teil führte durch eine Engstelle, zu steil und zu lange, um straight durchzuschießen, und eng genug, dass die Skienden und -spitzen sich verkeilten. Die Schneebedingungen waren dann doch bescheiden, aber was wir gerade schafften, war ein Jahr zuvor noch undenkbar. Fix und fertig, erleichtert und überglücklich zugleich kamen wir im Lager an.
Am nächsten Tag konnten wir noch eine eisige Nordflanke erstbefahren, dann bewegten wir uns bei schlechter werdendem Wetter zum Pickup-Point, wo uns die Nomaden mit ihren ramponierten Skidoos erwarteten. Der Schnee war in den letzten Tagen unglaublich schnell geschmolzen, die Bäche stark angeschwollen. Die 20-stündige Fahrt für die etwa 300 Kilometer von Sasyr nach Ust Nera legten wir auf der Ladefläche eines russischen URAL-LKWs zurück. Und blickten mit Stolz und Freude auf ein unvergessliches Skiabenteuer zurück.





Fahrer: Matthias Haunholder, Matthias Mayr



