BACKLINE Magazin
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Chile / Argentinien · The Andes (Patagonien)

On the Road to Adventure

Ausgabe 2014 · Text: Brody Leven · Fotos: Adam Clark · 5 min Lesezeit

On the Road to Adventure

Große Highways kreuz und quer durch Patagonien gibt es nicht. Überhaupt findet man in der südlichen Region Südamerikas nur wenige Straßen. Bis 2003 waren viele entlegene Siedlungen Chiles gar nicht …

Große Highways kreuz und quer durch Patagonien gibt es nicht. Überhaupt findet man in der südlichen Region Südamerikas nur wenige Straßen. Bis 2003 waren viele entlegene Siedlungen Chiles gar nicht angebunden. Dann kam die Carretera Austral mit 1.240 unbefestigten Kilometern durch den Süden Chiles. Jenseits der Grenze verläuft die argentinische Ruta 40 über 5.000 Kilometer entlang der östlichen Seite der Anden. Adam Clark und ich fuhren 5.000 Kilometer dieser historisch bedeutenden Straßen – wir schliefen im Auto, sahen Berge durch die verstaubten Scheiben, kletterten und fuhren Ski, wo wir wollten. Unser gemieteter Camper hatte ein Waschbecken, einen Herd, Platz für unsere Ausrüstung und ein winziges Bett.

Die Kiste war Zweirad getrieben, aber ich bin mir sicher, dass nur eines davon wirklich funktionierte. Der Wagen war einen Monat lang unser Zuhause. Wir fuhren in die Chilenische Seenlandschaft, über befestigte und unbefestigte Straßen. Südlich von Santiago bestiegen wir den 2.985 Meter hohen Vulcan Antuco. Mit Blick über die weite, tiefblaue Laguna del Laja fuhren wir bei strahlend blauem Himmel vom Gipfel ab. Weniger als zwölf Stunden später bestiegen wir den 3.585 Meter hohen Sierra Velluda nebenan, einen massiven Schichtvulkan, der wegen seiner Abgeschiedenheit und Schwierigkeit wohl nur selten befahren wird.

Der Aufstieg war anspruchsvoll, vor allem weil es erst September war, ich noch nicht sonderlich fit fürs Tourengehen und weil wir am Vortag bereits einen großen Vulkan bestiegen hatten. Aber die Lage des Berges und die Art, wie wir reisten, machten ihn zum Sinnbild für die vielen Stunden, die folgen sollten – in unserem Camper wie auf Schnee. Vor unserer Reise hatten wir nur eine vage Vorstellung von den über ganz Patagonien verteilten Vulkanen. Sobald sie in Sichtweite kamen, lernten wir ihre Namen und bestiegen sie. Wir passierten Pucón und fuhren zum Volcán Lanín (3.747 Meter) an der Grenze zwischen Chile und Argentinien. Die Tour beginnt in Argentinien, und wir bekamen Probleme, weil die Grenzbeamten unser Mietauto nicht durchlassen wollten.

Einen Tag später schafften wir es, waren endlich in Argentinien und stiegen bis zu einer Schutzhütte am Berg auf. Dort schliefen wir, gingen tags darauf zum Gipfel und fuhren durch die steile Ostflanke ab. Auf dem Weg zurück nach Pucón nahmen wir den Volcán Villarrica mit, sahen am Kraterrand hinein, konnten die berühmte, blubbernde Lava aber aufgrund dichten Vulkannebels nicht erkennen. Wir waren hoch motiviert und das Wetter passte. Wir fuhren Ski, wo wir wollten, und unser Camper brachte uns hin. Der Weg führte durch fast ganz Chile, auf der Carretera Austral, die nur aus Sand, Dreck, Staub, Schlamm und Schlaglöchern besteht und ständig repariert wird.

Doch bietet sie auch Flamingos am Straßenrand, raue Naturschönheit und keine Touristen weit und breit. Sie führt durch weite Ebenen und enge, tiefe Schluchten mit gigantischen Flüssen. Die Brücken sind schmal, Abzweigungen nicht markiert. Mit jedem weiteren Kilometer war ich begeisterter von unserer Reise. Wir fuhren stundenlang, bestiegen und befuhren neun Gipfel. Jede Nacht verbrachten wir an einem neuen Ort, darunter einsame Ufer riesiger Seen oder auch Tankstellenparkplätze. Der Van war unser rollendes Basecamp. Schnell lernten Adam und ich, die Schneeketten aufzuziehen, immer wieder. Wir hatten Frühjahrsverhältnisse erwartet, erlebten jedoch heftige Schneefälle, Lawinen und vereiste Straßen.

Irgendwann standen zwei Tramper an der Piste, die als freiwillige Helfer in den Nationalparks unterwegs waren. Sie brachten uns einiges über Flora und Fauna der Region bei. Wir zeigten ihnen, was es heißt, mitten im Nichts einen Platten zu haben. Vier Tage später verabschiedeten wir uns beim neuen Patagonia National Park. Wir fuhren den ganzen Nachmittag weiter in Richtung der Granitspitzen von El Chaltén. Die zehnstündige Fahrt war wegen der Landschaft und des Zieles außergewöhnlich. Nachdem wir den entlegensten Grenzposten passierten, den wir je gesehen hatten, kampierten wir am Ufer eines Flusses. Am nächsten Morgen fuhren wir gerade einmal eine Minute, als die Straße durch einen zwei Meter tiefen Graben geteilt und unpassierbar wurde.

Es gab keine Schilder, aber eine Abzweigung nahe unseres Nachtlagers. Wir hatten keine Wahl und mussten sehen, wo wir herauskamen. Die Ruta 40 ist die argentinische Antwort auf die Carretera Austral. Sie führt durch 20 Nationalparks, über 5.000 Meter hohe Pässe und ist die schönste Straße, auf der ich je gefahren bin. Mit nichts als purer Natur: Wir fuhren die Ruta 40 hinunter, es gab weder Siedlungen noch Benzin. Das Reservetanklicht leuchtete eines Nachmittags auf. Zehn Minuten später zeigte ein Schild: 75 Kilometer bis zur nächsten Stadt. Mit dem letzten Tropfen schafften wir es durch die weite Leere – leer, was Menschen angeht, nicht das Leben selbst.

Seit unserer Abfahrt in Santiago war es unser ultimatives Ziel, in El Chaltén im Schatten von Fitz Roy, Cerro Torre und den anderen berühmten Granittürmen Ski zu fahren. Unser Leben lang hatten wir über Kletterabenteuer in diesen abgelegenen Bergen gelesen, nun waren sie zum Greifen nah. Begrüßt wurden wir von „La Escoba de Dios“, dem über die Hochebene pfeifenden patagonischen Wind. Eine Woche in El Chaltén ist lächerlich, verglichen mit der Zeit, die andere Alpinisten hier verbringen: Viele Bergsteiger warten eine ganze Saison auf ein Wetterfenster. Uns reichte die Woche, in der wir jeden Tag in den Bergen waren. Von der einzigen Straße des Ortes sahen wir Gipfel, nahmen unsere Rucksäcke und gingen los.

Bei Sonnenaufgang stiegen wir entlang der gefrorenen Laguna de los Tres auf. Nach einer großartigen Nacht in der Schutzhütte am Rio Blanco erlebten wir den schönsten Sonnenaufgang meines Lebens. Während wir auf die Punta Velluda zuliefen, hatten wir die ganze Schönheit des Fitz Roy direkt vor Augen, und bei unserer Abfahrt vom Gipfel zeigte sich keine Wolke am Himmel. Von der Straße sahen wir einen einladenden, steilen Berg, den Cerro Crestón. Es war mein Geburtstag, und wir erwarteten wenig, als wir aufstiegen. Das Risiko, den Berg nicht zu schaffen, war groß. Doch sechs Stunden später standen wir ziemlich überrascht auf dem Gipfel. Nach dem steilen Aufstieg freute ich mich, die Ski anzuschnallen.

Dank perfekter Schneeverhältnisse kamen wir früh genug am Camper an, um am Fluss eine Stelle für die Nacht zu suchen. Aufbruch tags darauf nach Punta Arenas, der südlichsten auf Festland liegenden Stadt der Welt und dem finalen Zielort unserer Reise. Normalerweise vermittelt eine Straße nur den Weg zum Bergabenteuer: Auf unserem Trip durch Patagonien war jedoch die Straße das Abenteuer.

On the Road to Adventure
© Adam Clark
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© Adam Clark
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© Adam Clark

Fahrer: Brody Leven