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Österreich · Tuxer Alpen

One Thousand Days

Ausgabe 2024 · Text: Regina Mayer · Fotos: Max Draeger · 4 min Lesezeit

One Thousand Days

Höhen und Tiefen, Licht und Schatten, ungerade Linien – der Blick vom Gipfel erzählt einiges über den Weg, den wir dorthin zurückgelegt haben. Über kleine Glücksmomente, aber auch große Herausforderungen. Für manche wird der Weg dadurch unmöglich, für andere dauert er Jahre. Manche brauchen dafür …

Höhen und Tiefen, Licht und Schatten, ungerade Linien – der Blick vom Gipfel erzählt einiges über den Weg, den wir dorthin zurückgelegt haben. Über kleine Glücksmomente, aber auch große Herausforderungen. Für manche wird der Weg dadurch unmöglich, für andere dauert er Jahre. Manche brauchen dafür genau 1.000 Tage. So lange ist es her, seitdem Chris Ebenbichler, passionierter Skifahrer und Trainer am Olympiazentrum Tirol, einen folgenschweren Unfall erlitten hatte. Und nun ist er erstmals wieder auf Skitour und steht auf einem Gipfel.

Am 21. März 2021 ändert sich das Leben von Chris auf einer ganz normalen Sonntagsskitour, wie er sie nennt, schlagartig. Mit vollem Speed kracht er bei der Abfahrt gegen einen Baum, bricht sich dabei seinen linken Unterschenkel, reißt sich jedes Band im Knie und erleidet massive Gewebeschäden, die schließlich zu Transplantationen führen. Und auch in ihm selbst zerbricht etwas. Den Menschen, der er einmal war, gibt es von nun an nicht mehr. Was folgt, sind schwierige Zeiten. Über eine Woche lang Ungewissheit, ob sein Unterschenkel amputiert werden muss. Schließlich behält er das Bein. Doch Skifahren, so die Ärzte, wird er nicht mehr können. Es vergehen Wochen des Grübelns,

des Haderns, und immer wieder die Frage nach dem „Warum“. Während seine Freunde und Bekannten auf Instagram Bilder von Skitouren posten, liegt Chris im Krankenhaus – ausgebremst vom Schicksal.

Ein Physiotherapeut erzählt ihm bei einer Behandlung beiläufig von seinem Skitourentag – ihm, der laut Prognosen nie wieder auf Ski stehen wird; der statt in den Kindergarten zu gehen als Dreijähriger lieber den ganzen Tag am Berg verbrachte; für den die Berge einfach alles bedeuten. Wenn er eines den ganzen Tag machen und davon leben könnte, so wäre es Skifahren. Die Ruhe, die er dabei verspürt, ist nirgendwo sonst zu finden. Diese Ruhe im Kopf – sie fehlt. Gerade jetzt, wo er sie am meisten bräuchte. In diesem Moment im Krankenhaus ist er zu 100 Prozent überzeugt, dass er nie wieder mit Ski auf einem Gipfel stehen wird. Stattdessen steht er an seinem persönlichen Abgrund. Trotzdem gibt er nicht auf.

Langsam beginnt er, die Situation zu akzeptieren und seine Energie für die Rehabilitation einzusetzen. Für das Weiterkommen – nach vorne, Schritt für Schritt. Zunächst ins Ungewisse. Doch mit Fortschritten wächst auch die Zuversicht. All sein Wissen als Sportwissenschaftler und die Erfahrung als

Und so steht er nun, 1.000 Tage nach dem Unfall, wieder am Ausgangspunkt einer Skitour. Zusammen mit Fabio Keck und einem Filmteam. Zweifel kreuzen Chris' Gedanken. Doch dann geht er los, setzt einen Schritt vor den anderen. Nur nicht grübeln, sich nicht vom Weg abbringen lassen. Vertrauen haben. Mit jedem Schritt, den sich Chris emporschraubt, sammelt er Zuversicht, dass er dieser Tour gewachsen ist, dass es läuft, dass es ein toller Tag wird. Das Glitzern des Schnees, die klare Luft und endlich wieder diese Ruhe im Kopf. Das gibt Selbstvertrauen. Nach 1.000 Tagen steht er dort, wo man ihm prophezeit

hat, dass er niemals wieder stehen würde: am Gipfel eines Berges, erklommen auf Ski. Es ist Chris' ganz persönlicher Olympiasieg. Was zählt, sind nicht die Höhenmeter, die Schwierigkeit oder der Vergleich. Es zählt einzig und allein, hier zu stehen, es bis hierhin geschafft zu haben. Allen Behauptungen zum Trotz. Heute, hier am Gipfel, ist er ein anderer Mensch. Mit der festen Überzeugung, dass es gut wird und dem nötigen Aktionismus, lässt sich jede Krise im Leben meistern. Nur nicht stehen bleiben. Auch wenn es schwierig wird.

So wie auch heute. Der schwierigste Teil steht noch bevor: die Abfahrt. Der Teil, bei dem der Unfall geschah; der sein Leben schlagartig veränderte. Chris schultert den Rucksack und macht

sich bereit. Ein kurzer Moment des Zögerns. „Hallo, fahr’ ma?“, fragt Fabio. „Ja“, sagt Chris und fährt los. Hinein in den weißen Powder, heraus aus den schwarzen Gedanken an den Unfall und dem „Was wäre, wenn?“ Und dann, auf einmal, ist alles, wie es immer war. „Die Abfahrt hat sich einfach gut angefühlt“, erinnert sich Chris später. „Und der Moment, als ich unten war, der ist einfach nicht in Worte zu fassen.“ Nicht in Worte zu fassen – das ist eigentlich die ganze Geschichte von Chris Ebenbichler. Der Weg, den er in diesen 1.000 Tagen zurückgelegt hat. Das Auf und Ab aus Erfolgserlebnissen und Niederschlägen. Das sich immer wieder aufrappeln, nicht aufgeben und sich jeden Tag aufs Neue motivieren. Das, was möglich ist, wenn man fest daran glaubt und alles dafür gibt.

One Thousand Days
© Max Draeger
One Thousand Days
© Max Draeger
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© Max Draeger
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© Max Draeger
One Thousand Days
© Max Draeger

Fahrer: Chris Ebenbichler, Fabio Keck

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