Indien · Kashmir (Gulmarg)
Path of Roses
Ausgabe 2011 · Text: Eva Walkner · Fotos: Yves Garneau · 5 min Lesezeit

„No problem, no problem! This is my girlfriend!" grinst unser Fahrer Bashir, hupt und überholt einen prunkvoll geschmückten Kashmiri Bus. Dass seiner betagten vierrädrigen „Freundin" ein Bus entgegen …
„No problem, no problem! This is my girlfriend!" grinst unser Fahrer Bashir, hupt und überholt einen prunkvoll geschmückten Kashmiri Bus. Dass seiner betagten vierrädrigen „Freundin" ein Bus entgegen kommt scheint ihn nicht sonderlich zu beunruhigen. „It's a good girlfriend" lacht er amüsiert und streichelt ihr Lenkrad. Um Haaresbreite gelingt es ihm, zurück in unsere Spur zu wechseln. Es ist Anfang Februar. Katharina Schuler aus St. Anton am Arlberg und ich reisen gemeinsam mit Yves Garneau und Marcel Karp, unseren Jungs für statische und bewegte Bilder, zu einem der schönsten Freeride-Gebiete der Welt: nach Gulmarg in Kaschmir.
Zwei Autostunden westlich der nächsten Großstadt Srinagar liegt das rund drei Kilometer lange Hochtal inmitten der Pir Panjal Range, einer Bergkette, die das Kaschmir-Tal im Südwesten abschließt. Gulmarg heißt übersetzt „Path of Roses" – also Blumenwiese, erklärt uns Fahrer Bashir. Ein letztes Mal praktiziert er das Lieblingshobby aller autofahrenden Kaschmiri: Hupen! Und seine „Freundin" freut sich auf eine kurze Rast, während wir unsere Skibags ausladen. Von den Blumen sehen wir zu dieser Jahreszeit auf 2.700 Meter Höhe natürlich gar nichts. Gulmarg besteht aus einigen kleinen Hotels und Shops. Lediglich Touristen und im Tourismusbereich beschäftigte Personen dürfen hier über Nacht bleiben.
Warum Skifahrer um diese Jahreszeit in dieses abgelegene Hochtal kommen, liegt an der Schneesicherheit. Bis zu zwanzig Meter kann es pro Saison schneien. Die Luft ist dünn hier oben. Die 4.000 Meter über Normalnull spüren zumindest unsere Körper. Wir stehen am Mt. Apharwat, dem mit 4.200 Meter höchsten Berg der Pir Panjal Range, grinsen und blicken zum prunkvollen Nanga Parbat hinüber. Noch nie zuvor war ich in den Bergen des Himalayas. Noch nie zuvor fühlte ich mich so klein inmitten dieser bombastischen Herrscher. Und noch nie zuvor habe ich etwas Schöneres gesehen. Die erste Abfahrt heißt „Drang". Wir queren zuerst ein Plateau und können uns dann einen Traumhang aussuchen. 2.000 Höhenmeter geht es hier hinunter in Richtung des Dorfes Tangmarg.
Wir genießen feinsten, metertiefen Kaschmiri Powder. Hach! Während wir oben unsere Lines im offenen Gelände und zwischen den einzelnen berühmten „paper trees" ziehen, finden wir weiter unten perfekte Treelines. Viele Powderturns später endet unser Run in einem entlegenen kleinen Dorf kurz vor Tangmarg. Das Urteil fällt schnell und einstimmig aus: „Freeriders Paradise". Was wir in diesem Dorf erleben, bringt uns jedoch zum Nachdenken. Wir treffen auf eine für uns unvorstellbare Armut, Kinder mit durchlöcherten Schuhen und Kleidern. Sie würden gerne in die Schule gehen, berichten sie uns in gebrochenem Englisch. Leider haben die meisten keine Möglichkeit dazu. Wir treffen Frauen, die in Sandalen oder gar barfuß ihre Arbeit verrichten.
Sie leben in alten zerfallenen Hütten, teils ohne Heizung und dazu noch auf engstem Raum. Trotz dieser Armut wirken die Kinder im Dorf sehr zufrieden. Sie lachen, kreischen, spielen, stellen sich zu dritt auf unsere Ski und klammern sich wie Affen an unsere Rucksäcke. Kinder, die glücklich sind, glücklich ohne Computerspiele, ohne Markenklamotten, glücklich ohne den materiellen westlichen Überfluss. Wir beschließen die Schokolade in unseren Rucksäcken zu verschenken. Die Kinder freuen sich, als würden sie gerade Weihnachten und ihren Geburtstag auf einmal erleben. Es prallen Welten aufeinander.
Auf der einen Seite Kinder, die gerne in die Schule gehen würden, aber nicht können und sich so herzlich und ehrlich über ein Stück Schokolade freuen, auf der anderen Seite reiche Skitouristen aus der westlichen Welt, die für eine Nacht im Hotel mehr Geld ausgeben, als ein Kellner im Monat verdient. Am Ende dieses unbeschreiblichen Tages lernen wir Yassin Khan kennen. Yassin betreibt einen Skishop in Gulmarg. Während er uns erzählt, dass es bei ihm den besten Safran und die schönsten Teppiche zu kaufen gibt, demonstriert er uns seinen Skiservice „à la Kaschmir". In der einen Hand seinen Glimmstengel haltend, in der anderen Hand mit der Karosseriefeile fuchtelnd, nimmt er sich der Stahlkante eines zehn Jahre alten Pistenskis an.
„Ich sollte bald eine Lieferung nagelneuer Carvingski bekommen" erzählt er uns stolz. Wir sitzen da, schauen und hören ihm aufmerksam zu... „Wisst ihr, alle Leute glauben, es sei gefährlich bei uns und überall seien Terroristen – die Al-Qaida und die Taliban, dabei leben wir hier im Paradies. Seht euch um, es ist friedlich, wunderschön und absolut sicher. So sicher wie nirgendwo auf der Welt". Die Feile rutscht erneut an der Kante ab und fällt wieder auf den Boden und dabei landet seine Zigarette auf dem ungewachsten, bereits weiß gefärbten und zerkratzten Belag des malträtierten Skis. Er lacht und wischt die Asche weg: „So, fertig. Der Ski ist nun perfekt präpariert für den nächsten Verleih".
Zugegeben, für uns ein etwas sonderbarer Skiservice, aber durchaus amüsant. Yassin Khan hat in einem Punkt recht. Gulmarg wirkt für uns sicher. Trotz oder vielleicht gerade wegen der vielen Soldaten, die im Skigebiet, in den Straßen und auch im hinteren Bergland ihre Patrouillen durchführen. Es beginnt erneut zu schneien in Gulmarg. Ein Schneesturm und eineinhalb Meter Neuschnee sollen in den nächsten zwei Tagen kommen und danach strahlendes Bergwetter. Unser Warten wird belohnt. What a day! Die ganzen Tage wird uns feinster Powder geboten. Uns fällt die Auswahl der Hänge bei der unglaublichen Anzahl von reizvollen Lines immer wieder schwer. Mehrere Tage genießen wir jungfräuliche Hänge bei traumhaften Bedingungen.
Während unser Fotograf Yves und Katharina wegen einer Durchfallerkrankung pausieren müssen, will ich gemeinsam mit Justin, der als Guide und bei der Lawinenkommission arbeitet, die 40 bis 45 Grad steile Pipeline Rinne fahren. Yves berichtet uns, dass er bei seiner Abfahrt in der Gegend einem Schneeleoparden in die Augen schauen durfte! Wir hiken etwa zwei Stunden auf den Mount Apharwad und dann weiter zum Drop In. Eigentlich eine recht kurze Strecke, aber die dünne Luft auf 4.200 Metern verwandelt sogar einen Spaziergang in eine konditionell anstrengende Tour. Die Belohnung nach dem Aufstieg: ein cooler Abschlussrun, der uns im tiefsten Powder in eine dicke Nebelsuppe führt. Justin macht seinen Job hervorragend und führt uns sicher ins Tal.
Ein würdiger Abschluss für ein außergewöhnliches Abenteuer. Die Heimat ruft und wir müssen uns von einem der schönsten Plätze dieser Welt verabschieden. Bye Bye Gulmarg... wir kommen zurück!





Fahrer: Eva Walkner, Katharina Schuler
