Österreich · Pitztal Alps (Taschachferner)
Photo Session
Ausgabe 2021 · Text: Max Draeger · Fotos: Max Draeger · 5 min Lesezeit

„Drop-in in 10 Sekunden!“ Ich lege das Funkgerät in den Rucksack, nehme die Kamera mit Tele in die Hand und checke noch einmal die Belichtung. Durch den Sucher sehe ich, wie Jochen seinen Skischuh …
„Drop-in in 10 Sekunden!“ Ich lege das Funkgerät in den Rucksack, nehme die Kamera mit Tele in die Hand und checke noch einmal die Belichtung. Durch den Sucher sehe ich, wie Jochen seinen Skischuh schließt, dann fährt er los. In weiten Turns zieht er durch den Neuschnee neben einem kleinen Gletscherbruch, der leichte Wind trägt seinen Spray davon und das morgendliche Licht trifft ihn sanft von der Seite. Der war richtig gut! Es ist das erste Mal, dass Jochen und ich gemeinsam unterwegs sind und das, obwohl unser erstes Treffen schon Jahre zurückliegt. Seitdem hat es nie geklappt, dass der alte Hase der Freerideszene und ich als junger Fotograf losziehen. Am Ende des Corona-Winters ist es endlich so weit.
Spontan und bei guten Bedingungen ist die Zeit reif für ein Kennenlernen im Pitztal. Freitagnachmittag, 30. April 2021: Ich sitze im Büro und schaue durch das Bildmaterial des ersten Mountainbike-Shootings der Saison. Die Sonne scheint durchs Fenster und es ist warm. Der Frühling ist in vollem Gange und ich genieße die Abwechslung zu den vergangenen Monaten im Schnee. Der Winter war großartig, die Bedingungen in den Tiroler Bergen zum Teil hervorragend. Ich habe so viele Tage im Schnee verbracht wie noch nie, und doch bin ich auch froh, dass diese in vielerlei Hinsicht außergewöhnliche Saison ein Ende nimmt.
Denn nie zuvor habe ich so nah und intensiv die Schattenseiten unseres Sports kennengelernt und meine innere Stimme sagt mir, dass es vorerst genug ist. Trotzdem checke ich aus Gewohnheit den Wetterbericht und bin überrascht: Am Wochenende 15 bis 20 Zentimeter Neuschnee und in der Höhe entsprechend kalt. Sofort schießt mir eine Idee in den Kopf, die ich schon länger mit mir umhertrage. Mir fällt auch spontan jemand ein, mit dem ich das gerne umsetzen würde. Da ist es wieder, das Feuer, die Begeisterung und der Drang, in den Schnee zu gehen und zu fotografieren. Ich melde mich bei Jochen Reiser, Freerider, Skiführer, Inhaber der snowacademy und Urgestein der deutschen Freerideszene.
Wir haben uns vor ein paar Jahren in den Anfängen meiner Fotografenkarriere auf einer Messe getroffen. Seitdem hatten wir immer mal wieder Kontakt und uns Jahr für Jahr fest vorgenommen, gemeinsam ein Fotoprojekt umzusetzen. Ideen und Motivation hatten wir genug, doch zeitlich hatte es nie geklappt oder die Bedingungen waren ungünstig. Doch dieses Mal scheint alles zu passen. Jochen hat Zeit, das Wetter sieht vielversprechend aus und am Telefon merke ich sofort, dass wir auf einer Wellenlänge sind und ähnliche Vorstellungen und Ideen mitbringen. Perfekt! Im Schatten ist es richtig kalt, als wir am Taschachferner unsere Felle aufziehen.
Plan A haben wir einstimmig über den Haufen geworfen und uns dagegen entschieden, ein kleines nordostseitiges Face zu shooten. Uns zieht es in den Gletscherbruch unterhalb der Wildspitze, der geschützt durch die umliegenden Felszacken erst relativ spät Sonne abbekommt. Mir springt sofort ein Hang ins Auge, der rechterhand durch einen kleinen Gletscherbruch begrenzt wird und den die Sonne ganz leicht streift. Das ist unsere Chance! „Besser wird das Licht heute nicht mehr“, rufe ich Jochen, der einige Meter vorausgeht, zu. Er ist ebenfalls überzeugt, dass sich der Schnee dort gut gehalten haben muss. Wir diskutieren kurz über die Gletscherspaltensituation und sind uns einig, dass das Risiko in diesem Bereich überschaubar ist.
Ich drücke Jochen noch ein Funkgerät in die Hand, dann läuft er los. Jetzt kommt es auf jede Minute an. Unerbittlich steigt die Sonne über den Berg, und schon bald werden die Schatten verschwinden und der Hang lichtgeflutet sein. Doch Jochen ist schnell und überwindet die Steilstufe in weitem Bogen in Windeseile, während ich meine Kamera herrichte und mir einen geeigneten Standpunkt suche, der für eine große Totale funktioniert. Jetzt bloß keinen Fehler machen. Belichtung, Bildausschnitt, fokussieren, durchatmen und hoffen, dass der Schnee passt. Wir haben den Shot im Vorfeld von unten besprochen und man merkt Jochen die Erfahrung im Fotofahrer-Business an. Er weiß genau, wo er seine Schwünge setzen muss.
In wenigen weiten Turns zieht er seine Linie durch den Neuschnee neben dem Gletschereis, der Wind verweht seinen Spray, und als ich den Auslöser drücke, bin ich zutiefst zufrieden und aufgeregt zugleich. Nach nicht einmal 30 Sekunden ist das Spektakel vorbei, und auch Jochen hat ein breites Grinsen im Gesicht, als er bei mir abschwingt. High Five! Während wir gemeinsam weiter aufsteigen in Richtung Petersenspitze, finden wir schnell das nächste Motiv. Der Jahreszeit entsprechend machen sich zwar die Schatten um diese Uhrzeit rar, aber der Kontrast zwischen Gletschereis und unberührten Powderhängen bietet trotzdem spannende Möglichkeiten.
Wieder erkläre ich Jochen, was für ein Bild ich im Kopf habe, und bin begeistert, mit welcher Motivation er die Sache angeht. Er kennt das Gebiet wie seine Hosentasche und kann so unglaublich wertvolle Vorschläge bieten, was funktionieren könnte. Zur Abwechslung muss nicht ich heute für das nächste Bild die Füße in die Hand nehmen, sondern der Athlet, und so warte ich geduldig in der Vormittagssonne, bis Jochens Kopf gut 15 Minuten später an der Kuppe über mir auftaucht. Da das Gelände stark rollt und er keine Referenzen zur Orientierung hat, lotse ich ihn über den Funk zur richtigen Ausgangsposition. Trotz der etwas variablen Schneeverhältnisse zwischen den Eistürmen trifft Jochen den Rechtsschwung und wir haben das nächste Bild im Kasten.
Völlig im Flow arbeiten wir uns so von Spot zu Spot und Shot zu Shot weiter, bis uns schließlich die angekündigten hohen Wolkenfelder erreichen und der Kontrast verloren geht. Zeit, die lange Abfahrt über den Taschachferner zum Auto anzutreten. Wir haben Glück und müssen nur einmal kurz die Skier abschnallen, ansonsten läuft es perfekt. Was für ein Tag!





Fahrer: Jochen Reiser



