USA · Haines AK
Searching for the Pot of Gold at the End of the Rainbow
Ausgabe 2011 · Text: Reggie Crist · Fotos: Will Wissman · 4 min Lesezeit

Der messerscharfe Grat des Rainbow spannt sich wie ein Bogen weit in den Himmel. Der Rainbow ist ein markanter Gipfel in unmittelbarer Nähe des blauen Pazifiks und der kleinen Stadt Haines in Alaska …
Der messerscharfe Grat des Rainbow spannt sich wie ein Bogen weit in den Himmel. Der Rainbow ist ein markanter Gipfel in unmittelbarer Nähe des blauen Pazifiks und der kleinen Stadt Haines in Alaska. Schon seit über einem Jahrzehnt haben mein Skikumpel Sunny und ich diesen wunderschönen Berg ins Auge gefasst. Hubschrauber dürfen am Rainbow nicht landen. Der einzige Weg hinauf ist daher nur zu Fuß möglich. Erst am Ende eines unglaublich schneereichen Winters, im März 2010, finden wir endlich die richtigen Verhältnisse vor und brechen auf. Es ist fünf Uhr nachmittags, als wir uns an der Schlüsselstelle des Aufstiegs befinden, knapp 90 Meter unterhalb des Gipfels. Mein Denken ist ausgeblendet.
Wie auf dem Rücken eines Pferdes klammere ich mich fest, Schuhe rechts und links des Grates eingerammt. Instinkte leiten mich, während ich mit meinem Eispickel zusätzlich Halt und Gleichgewicht erkämpfe. Mein Blick richtet sich nur nach oben. Ich bin voll auf den Gipfel fokussiert und versuche, die bedrohlichen Lockerschneemassen zu ignorieren, die immer wieder unter mir abgehen. Als ich den Gipfel erreiche und das Geräusch meiner einrastenden Bindung höre, fühle ich mich unglaublich erleichtert. Sunny strahlt über beide Ohren, als er auf das Flimmern seines metallenen Hausdaches in der Ferne zeigt. Man darf ziemlich sicher davon ausgehen, dass er den Rainbow ab jetzt für immer mit ganz anderen Augen sehen wird.
Aber jetzt ist noch nicht die Zeit zum Feiern. Es ist ziemlich respekteinflößend hier oben. Mir kommt es vor, als stünde ich auf einem riesigen Basketball. Egal wohin ich auch blicke, überall tun sich Abgründe auf. Es ist für mich unmöglich, mehr als die ersten drei Schwünge einzusehen. Ich versuche, meine Fassung zu bewahren und gehe die geplante Linie im Kopf noch einmal konzentriert durch. Eine Fähigkeit, die man nach fast zehn Jahren als Weltcupabfahrer ziemlich perfektioniert hat. Beim Abfahrtsrennen in Kitzbühel am Start zu stehen, machte mir nie groß was aus, da hab' ich mich immer wohl gefühlt. Big Mountain Skiing hier in Alaska ist aber etwas anderes, eine ganz andere Nummer. Es gibt vorher keine Trainingsläufe.
Es gibt auch keine Fans, die zujubeln und einem Mut machen. Und es gibt auch keine Sicherheitsnetze. Um mich herum sind nur zerklüftete Felsen, so weit das Auge reicht. Über zehn Jahre träumten wir davon, auf diesem Gipfel zu stehen! Es gibt in diesem Moment keinen anderen Ort, an dem ich lieber sein würde. Ich mache meine Schnallen zu, hole noch einmal tief Luft. Ich beuge mich ganz langsam vorwärts und nehme Fahrt auf. Ein erster Linksschwung und die Schwerkraft übernimmt vollkommen die Kontrolle über mich. Die von mir ausgelösten Schneemassen donnern mahnend rechts über die Felsen hinunter. Ich trete die Ski kurz und heftig in die andere Richtung und setze sehr vorsichtig den nächsten Linksschwung an. Die Radien werden nun immer flüssiger.
Ich sehe aus den Augenwinkeln gerade noch die runde Wechte, die ich mir bei der Besichtigung für einen Sprung ausgesucht habe. Ohne zu zögern wähle ich die Falllinie. Sofort bin ich von sich bewegenden Schneemassen umgeben. Nun besteht keine andere Wahl: Skispitzen geradeaus und Airtime! Als ich wieder Boden unter den Füßen spüre, ist mir eins klar: Wenn ich hier heil rauskommen will, muss ich bei den nächsten High-Speed-Schwüngen ganz schnell wieder Kontrolle über meine Latten bekommen. Meine Sinne sind zwar von dem hohen Tempo recht benebelt, aber ich realisiere, dass die rechte Seite auf einmal ziemlich zerklüftet und schneelos ist.
Absolut am Limit kann ich das Tempo gerade so kontrollieren, dass ich sicher über den Bergschrund springe und so die Gletscherspalten im Auslauf vermeide. Ich gebe schnell die wichtigsten Infos an Sunny hinauf, der daraufhin eine andere Linie wählt und seine Telemarkschwünge gekonnt runterzieht. Jetzt ist es absolut an der Zeit, dieses einmalige Abenteuer zu feiern! Wir schwingen locker zum Basecamp, in dem eine warme Mahlzeit auf uns wartet. Am nächsten Morgen bauen wir das Camp ab und machen uns auf zum Abstieg in Richtung Ozean. Wir müssen die riesigen Eisschollen des Rainbow-Gletschers umgehen, wählen deshalb einen relativ einsamen Weg ins Tal, vorbei an der Scharte mit dem lustigen Namen „The Witches Tit".
Obwohl wir uns nun fast auf Meereshöhe befinden, ist die Schneequalität überraschend gut. Wir genießen die letzten Schwünge im Pulverschnee. So circa drei Kilometer vom Wasser entfernt ist es dann mit der weißen Pracht doch vorbei. Wir schnallen die Ski ab und gehen zu Fuß weiter. Der Weg führt durch einen alten Kiefernwald, dessen Unterholz vom sogenannten „Devil's Club", einem verdammt stacheligen Buschwerk, durchsetzt ist. Gott sei Dank ist der Boden relativ weich. Schritt für Schritt kämpfen wir uns vorsichtig über steile Böschungen und durch Felsschutthänge hinunter. Nach gut acht Stunden erreichen wir den Strand, an dem wie vereinbart das Boot auf uns wartet.
Wir packen die ganze Ausrüstung auf den sechs Meter Zodiak und starten zur Kanalüberquerung. Ein letzter Blick zurück! Die Wasseroberfläche des Ozeans sieht aus wie eine dünne Glasplatte und unsere Gedanken sind noch einmal beim Rainbow. Es war die letzte Abfahrt dieses eindrucksvollen Alaskatrips. Und ich kann mir beim besten Willen keinen phantastischeren Saisonabschluss vorstellen. Na ja, die Schwertwal-Herde, die unser Boot zurück zum Hafen begleitet oder besser jagt, ist auch ziemlich beeindruckend. In Alaska weiß man halt nie so genau, was auf einen zukommt... the Land of WOW!





Fahrer: Reggie Crist, Scott Sunberg



