Schweden · Kebnekaise Massif
Skiing next to Sweden’s highest Peak
Ausgabe 2019 · Text: Axel Adolfsson · Fotos: Axel Adolfsson · 5 min Lesezeit

Im hohen Norden Schwedens finden Skifahrer die beste Skitourenregion, die das Land zu bieten hat. In den Bergen neben dem Kebnekaise befinden sich in unberührter Natur Hänge mit 1.000 Höhenmetern …
Im hohen Norden Schwedens finden Skifahrer die beste Skitourenregion, die das Land zu bieten hat. In den Bergen neben dem Kebnekaise befinden sich in unberührter Natur Hänge mit 1.000 Höhenmetern. Das Gebiet ist sehr abgelegen und wild, aber man darf sich nicht täuschen lassen. Die Ureinwohner, die Sami, leben seit Jahrtausenden in dieser Gegend. Bei meiner zweiten Reise in die Region brachte ich eine internationale Truppe mit. Wir wollten den Toulpagorni befahren. Auf seinem Gipfel ist ein Krater, der meilenweit sichtbar ist. Kommt man hierher, muss man auf schnelle Wetterwechsel vorbereitet sein. Nach unserer Skitour auf den Toulpagorni können wir ein Lied davon singen.
Die dramatischen Wetterumschwünge bescherten uns ein paar besondere Erlebnisse, die so nicht geplant waren. Als wir den Sattel zwischen Toulpagorni und Vierranvárri erreichen, schlägt das Wetter plötzlich um. Was als perfekter Tag für eine Tour auf den Toulpagorni und seinen schneebedeckten Krater begann, ist zu einem intensiven Kampf geworden. Schon das Entfernen der Felle von den Skiern ist im Sturm eine Herausforderung. Weitergehen ist keine Option. Wir beschließen umzukehren. Dies ist meine zweite Winterreise in diese Gegend, und ich bin auf plötzliche Wetterumschwünge vorbereitet. Man kommt nicht umhin, die Wettervorhersagen zu studieren, aber man kann ihnen nie ganz vertrauen.
Die Berge neben Schwedens höchstem Gipfel, dem Kebnekaise, beeinflussen das Wetter und machen Prognosen fast unmöglich. Dennoch wird man in diesen Bergen immer belohnt, denn hier findet man die längsten Abfahrten Schwedens und es gibt weit und breit keinen Skilift. Es ist eine reine Backcountry-Destination ohne markierte Wege oder Pisten. Auf den ersten Blick könnte man meinen, es wäre eine reine Wildnis, aber die Region wird seit Jahrtausenden von den Sami bevölkert. Die Nomadenvölker, die seit jeher von der Natur und dem Rentierzüchten gelebt haben, nutzen das Gebiet als Weideland. Jeder Gipfel, jedes Tal, jedes Gewässer und jeder Gletscher haben in ihrer Sprache einen Namen.
Die Ortskenntnisse der Sami halfen den ersten Bergsteigern, die vor über 100 Jahren in die Gegend kamen. Das Volk half auch dem schwedischen Tourismusverband, als der im Jahr 1907 mit dem Bau der Kebnekaise Mountain Lodge begann, indem es den Bauarbeitern Unterkunft bot und sie beim Transport der Baumaterialien unterstützte. Zurück am Sattel zwischen Toulpagorni und Vierranvárri ist es an der Zeit, die Skier Richtung Tal zu lenken. Auf dem Weg nach unten jedoch biegt mein Schweizer Freund Andy nach rechts statt nach links ab. Anstatt abzufahren, beginnt er zu queren. Ich folge ihm, um ihn darauf hinzuweisen, dass er in die falsche Richtung geht, als ich plötzlich verstehe, was er vorhat. Andy will nicht zur Hütte.
Er will auf die Berge, statt sich ihnen geschlagen zu geben. Und so schiebt er in Richtung Rullevarerännan, einer 500 Meter langen Rinne, die zu den schönsten Abfahrten weit und breit zählt. Am Fuß der Rinne stehen wir still da und sehen uns an, lächeln und nicken. Oberhalb ist es immer noch neblig, außerdem ist es windig und kalt, und wir können den Anfang des Couloirs nicht sehen. Was wir sehen, ist lediglich der breite Ausgang der Rinne und die beiden Felswände links und rechts. Per Funk geben wir Greg und Aurelien Bescheid, dass wir in die Rinne aufsteigen. Sie bestätigen und teilen uns mit, dass sie wie geplant zur Lodge abfahren. Rullevarerännan kann auf zwei verschiedene Arten erreicht werden.
Man kann zum Sattel zwischen Toulpagorni und Vierranvárri steigen, Richtung Vierranvárri-Gipfel abbiegen und sich von oben in das Couloir abseilen. Die andere Möglichkeit, die wir uns ausgesucht haben, besteht darin, von unten direkt durch die Rinne aufzusteigen. Es ist steil, irgendwo zwischen 45 und 50 Grad, und obwohl der Schnee recht weich ist, benutzen wir Steigeisen und Eispickel. Andy übernimmt die Führung. Er ist ein großartiger Sportler und hat einen immens starken Willen. Er war früher in der Schweizer Skinationalmannschaft und fuhr die Weltcup-Abfahrt in Wengen. Seit einigen Jahren bevorzugt er jedoch das Freeriden und Backcountry-Skifahren. Plötzlich taucht aus dem Nebel eine große Wechte auf, die über dem Couloir thront.
Sie ist riesig, und wir beschließen, ihr nicht näherzukommen. Es ist an der Zeit, umzukehren. Die Rinne ist steil, aber breit, und wir können große Schwünge machen. Wir geben Gas und genießen die Abfahrt in vollen Zügen. Jetzt können auch wir zufrieden zur Hütte zurückkehren. Am nächsten Morgen spüren wir den Vortag in unseren Knochen. Es ist schwierig, aus dem Bett zu kommen, aber das Wetter hat sich erneut dramatisch verändert. Heute scheint zur Abwechslung die Sonne. Per SMS erfahre ich, dass mein Freund Magnus, der diese Saison in der Lodge arbeitet, den Toulpagorni besteigen möchte – die Tour, die uns zuvor durch das Wetter verwehrt war. Er lädt uns ein, mitzukommen.
Das ist das letzte Quäntchen an Motivation, das gefehlt hat, um den Rucksack zu packen. Magnus und sein Freund Emil haben sich für eine andere Route entschieden. Sie sind beide ausgezeichnete Kletterer und wollen den Gipfel über den nördlichen Kamm des Kraters erreichen. Emil hat die Expressen gepackt, Andy ein 30 Meter meeres langes Seil. Gleich zu Beginn der Tour seilen wir uns an. Magnus übernimmt die Führung. Mit unseren schweren Rucksäcken und unter der brennenden Sonne kommen wir alles andere als schnell voran. Nachdem wir endlich den Gipfel des Toulpagorni erreicht haben, fühle ich mich unbesiegbar. Nach dem gescheiterten Versuch am Vortag ist es eine Erleichterung, über dem Couloir zu stehen, das in den Krater führt.
Wir schnallten die Skier an den Rucksack und seilen uns ab. Als mich der wunderbare Krater wenig später unten ausspuckt, grinse ich von einem Ohr zum anderen. Endlich habe ich Schwedens klassischste hochalpine Tour abgehakt.





Fahrer: Andy Vogel, Magnus Kemi



