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Österreich / Deutschland · Allgäuer Alpen (Kreuzkarspitze / Lechtal)

Skylight Dream

Ausgabe 2017 · Text: Tobias Heinle · Fotos: Martin Fiala · 5 min Lesezeit

Skylight Dream

Ende April, Lechtal, Häselgehr, 4 Uhr morgens. Und es ist warm! So warm, dass die Idee, auf Skitour zu gehen, eigentlich absurd und völlig abwegig ist. Wäre da nicht dieser Typ. Ein Typ, dem man wohl …

Ende April, Lechtal, Häselgehr, 4 Uhr morgens. Und es ist warm! So warm, dass die Idee, auf Skitour zu gehen, eigentlich absurd und völlig abwegig ist. Wäre da nicht dieser Typ. Ein Typ, dem man wohl nachsagen würde, skiverrückt zu sein, nie genug bekommen zu können. Ein Typ, der mich ein paar Tage vorher angerufen hat, mit der Bitte, mit ihm diese Tour zu machen. Für ihn eine ganz besondere, kann man doch die Abfahrt durch die Gipfelrinne als seinen Dachfenster-Traum bezeichnen. Wer kennt das nicht: Eine Rinne, die man ständig vor Augen hat, die man täglich sieht, sommers wie winters, und die einen solange angrinst, bis Du nach einer Befahrung befreit zurückgrinsen kannst.

Andere planen um diese Zeit schon längst, an die Seen zu fahren und sich das erste Mal in der Frühjahrssonne die im Winter hart erarbeitete, edle Blässe so richtig zu verbrennen. Oder sie holen ihr Fahrrad raus, aber dazu später mehr. Jetzt stehe ich also um 4 Uhr morgens hier – ohne die geringste Ahnung über unsere bevorstehende Skitour und doch mit einem guten Gefühl im Bauch. Woher kommt nur dieses blinde Vertrauen? Normalerweise sollte es mich als hauptberuflichen Skiführer beunruhigen, nicht zu wissen, was da wohl kommen mag, aber es gibt einfach Typen, deren Entscheidungen man niemals hinterfragen würde. „Man muss nicht unbedingt alles wissen, vieles ergibt sich unterwegs, wir probieren es einfach mal aus“, sagt er.

Er hat leicht reden, immerhin kennt der Wahl-Lechtaler Martin Fiala jeden Gipfel der Grenzberge zwischen seinem Zuhause und dem Allgäu. Nicht viele verbringen im Sommer und Winter so viel Zeit hier oben wie er, kundschaften und spähen alles – wirklich alles – aus. Aber so ist er halt, der Martl. Ein Wunder, wo er doch die Hälfte des Jahres als FIS-Renndirektor für die Skicrosser um die ganze Welt jettet. Erst als wir unser Material packen, die E-Bikes vom Netz nehmen und langsam losradeln (wird das also doch eine Radtour?), wird mir wenigstens klar, auf welcher Talseite unsere Tour sein wird. Schon in der ersten Steigung lachen wir beide laut. Wir cruisen mühelos im Licht der Stirnlampe steil bergauf.

Mein Ziel ist es auf der Bikestrecke so wenig wie möglich zu schwitzen. Je mehr Höhenmeter hinter uns liegen, desto besser funktioniert es. In meinen Gedanken schon auf dem unbekannten Berg, höre ich plötzlich hinter mir ein lautes Fluchen. Martls Kette ist gerissen. Im Nachhinein kein Wunder, bei der Last, die er immer mit sich herumschleppt: Kameraequipment, Notfallausrüstung, und fast 100 Kilogramm Lebendgewicht. Da kann das schon mal passieren. Dazu kommt die unglaubliche Trittkraft der ehemaligen Weltcup-Abfahrtsbeine, die er immer noch hat. Ich lache. „Du hast mit Deinem Ultralight-Turnbeutel auch leicht reden“, meint Martl zu mir. Leicht wie ich unterwegs bin, darf ich mir für die restlichen 300 Höhenmeter seinen Rucksack aufschultern.

Martins Bike wird im Wald versteckt, und er stapft vor sich hinmurrend zu Fuß los. Die Idee vom Nichtschwitzen endet abrupt. Vom Ende des Waldweges aus steigen wir noch etwa eine halbe Stunde über einen steilen, seitlich abschüssigen Pfad, bis der Schnee anfängt – oder vielleicht sollte ich besser sagen, bis der erste Lawinenkegel vor uns liegt. Endlich ziehen wir die Ski an und schnell wird uns bewusst, dass wir unsere Harscheisen dieses Mal nicht umsonst dabei haben. Wir quälen uns entlang des Tals durch Kleinwagen-große Knollen, bis wir endlich auf eine glatte, hartgefrorene und mit Wasserrinnen übersäte Schneeoberfläche treffen.

Wir sind überrascht, bei diesen Temperaturen so eine harte und tragende Schneedecke vorzufinden, doch die klare Nacht hat anscheinend sehr gut abgestrahlt. Nach einem rund dreistündigen Spitzkehren-Massaker ist nun auch mir klar, um welchen Berg es sich handelt. Ein für mich doch nicht so unbekannter Berg, der da vor mir steht: Die Kreuzkarspitze, einer der markantesten, schroffsten Gipfel der Hornbachkette. Von hier aus ist die Route klar und es braucht keine weiteren Fragen der Planung, denn es gibt nur eine sinnvolle Route auf den Gipfel. Mit weiteren, steilen Spitzkehren kämpfen wir uns hinauf. Es wird immer steiler und steiler. Irgendwann geht es nur noch mit Steigeisen über einen 200 Meter breiten, senkrecht zur Seite abfallenden Balkon weiter.

Die Tritte sind klein, aber gut, und wir entschließen uns, ohne Sicherung weiterzugehen, bis wir an die etwa 55 Grad steile Gipfelrinne gelangen, die sich wie ein Trichter an den Gipfel anlehnt. „Nauf aufd Muatr“, sage ich zu Martl, der mir mit einem schallenden Lachen antwortet. Wären wir im Januar unterwegs, würde dieses Lachen nicht nur im Lechtal eine Lawine auslösen. Im April allerdings sind wir hier sicher. Nach den letzten Metern über ein steiles Schotterfeld erreichen wir endlich den Gipfel. Der Zugang zur Abfahrtsrinne ist nur über einen 30 Meter senkrecht abfallenden Kamin zu erreichen. Die Griffe sind gut und nur mit einem ultraleichten Führerpickel bewaffnet schaffen wir es schließlich an den Einstieg.

Vor uns bahnt sich nun ein gut 500 Meter langes Band den Weg durch die schroffen Felsen der Kreuzkarspitze. Martl fährt als erster hinein, um an ein paar exponierten Stellen seine Kameraausrüstung auszupacken und einige Bilder zu schießen. Der Schnee ist perfekt und der Firn spritzt. Bevor ich losfahre, schießt mir Martls Korrektur durch den Kopf, mit der er mich als Ski-Alpin-Ausbilder immer aufzieht. Und schon schreit er grinsend: „Innenhand hoch“. So werden sogar die Steinböcke auf uns aufmerksam. Vielleicht denken sie, Martl sei einer ihrer Artgenossen – kein Wunder, so leichtfüßig, wie er an der abschüssigen Felskante Fotos macht.

Ich rufe zurück: „Dachfenstertraum, CHECK“ und stürze mich voller Freude nach dem langen Aufstieg in die steile Rinne hinein. Im Noppenkar angekommen schauen wir nach oben auf die exponierte Flanke, durch die wir abgefahren sind, und mir wird klar, dass Martls Haus viele Fenster hat mit Aussichten auf wunderbare Berge, die darauf warten, befahren zu werden.

Skylight Dream
© Martin Fiala
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© Martin Fiala
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© Martin Fiala
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© Martin Fiala
Skylight Dream
© Martin Fiala

Fahrer: Tobias Heinle

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