BACKLINE Magazin
EN

Österreich · Tyrol Alps

Steep Love

Ausgabe 2016 · Text: Johanna Stöckl · Fotos: Manuel Ferrigato · 4 min Lesezeit

Steep Love

Wer David Lama in den sozialen Medien folgt, weiß, dass der 26-jährige Kletterstar aus Tirol regelmäßig zu Skitouren aufbricht. An die große Glocke hängt der Innsbrucker Felsexperte seine …

Wer David Lama in den sozialen Medien folgt, weiß, dass der 26-jährige Kletterstar aus Tirol regelmäßig zu Skitouren aufbricht. An die große Glocke hängt der Innsbrucker Felsexperte seine spektakulären Winterprojekte jedoch nicht. Grund genug, einmal genauer nachzufragen. Dass David Lama in steilen Felswänden zu Hause ist, weiß man. Längst zählt der sympathische Innsbrucker zu den ganz Großen in der Alpinsport-Szene. Nicht erst seit 2012, als ihm mit der ersten freien Begehung der berühmt-berüchtigten Kompressor-Route am Cerro Torre in Patagonien ein alpinistisches Meisterstück gelang. Sein Talent zum Kraxeln hat übrigens Peter Habeler entdeckt.

Die Bergsteigerlegende aus dem Zillertal sorgte dafür, dass der damals sechsjährige David in die ÖAV-Sportklettergruppe von Reini Scherer in Innsbruck aufgenommen wurde. Der Rest ist Geschichte. Erstmals auf Ski stand Lama allerdings deutlich früher... „Das ist so lange her, dass ich mich kaum erinnern kann“, sagt er lachend bei einem Interviewtermin. „Ich war drei Jahre alt, als mich meine Eltern zum Skifahren mitnahmen.“ Eine Schnupper-Skitour unternahm David im zarten Alter von fünf Jahren, ebenfalls mit seinen Eltern. Später war er oft mit seinem Opa mütterlicherseits im Gelände unterwegs. Weil es eine wirklich schöne Story ist, ein kurzer Exkurs an dieser Stelle: Wie David zu seinem nepalesischen Nachnamen kommt?

„Meine Mama reiste eines Tages mit ihren Freundinnen zum Wandern nach Nepal. Mein Vater war der Trekkingguide. Ein paar Monate später saß er im Flieger nach Innsbruck.“ Obwohl David Lama den Winter in den Alpen schon immer liebte, verhinderten seine Erfolge beim Hallenklettern vorübergehend alle Skitouren-Ambitionen: „Neben dem Training und den vielen Tourstopps im Boulderweltcup blieb dafür einfach keine Zeit.“ 2010 verabschiedete sich Lama aus der Wettkampfszene. Seitdem sucht der Profi neue, große Herausforderungen auf anspruchsvollen Kletterexpeditionen.

Ein willkommener Effekt der relativ freien Termineinteilung: Während der Wintermonate findet er Zeit für seine alte Leidenschaft: „Ich bin zeitlich flexibler und im Winter wieder oft auf Skitour.“ Ein paar Freunde gibt es, mit denen David regelmäßig loszieht. Vergangenen Winter allerdings war er im Großraum Innsbruck oder Osttirol meist solo unterwegs. Überbrückt der junge Felsakrobat mit Skitouren fitnesstechnisch bloß den Winter? „Skitourengehen und Steilwandfahren sind sicher ein gutes Training für anstehende Kletterexpeditionen. Schließlich machst du mit viel Gewicht am Rücken ordentlich Höhenmeter.“ Bei genauerem Nachfragen rückt der bloße Fitnessgedanke allerdings etwas in den Hintergrund: „In der Früh schaust du aus dem Fenster.

Über Innsbruck hängt eine dicke Wolken- oder Nebeldecke. Dann geht's auf Steigeisen in einer steilen Flanke der Sonne entgegen und auf Ski wieder runter.“ Etwas Schöneres gäbe es kaum. Nicht nur am nackten Felsen, auch im Schnee ist Lama in seinem Element. Wobei: „Mir geht es weniger um die Elemente. Ob im Sommer oder Winter, mich reizen viel mehr die Linien.“ Als Bergsteiger inspiziert er bedrohlich glatte, meist stark überhängende Wände auf kletterrelevante Details: „Wo steige ich ein? Wo sichere ich? Wo baue ich meinen Stand? Wo kann ich biwakieren?“ Beim Skifahren sei es ganz ähnlich. Lama ziehen Steilwände, im Besonderen deren Erstbefahrung in den Bann.

Im Zentrum steht eine Vision: Die Idee einer kletterbaren Route oder eben einer Traumlinie als Abfahrt. Beispiele gefällig? 2009 fuhr David gemeinsam mit Daniel Steuerer die 45 Grad steile Nordrinne an der Kesselspitze im Stubaital ab. Die Linie bezeichnet er als „nicht sonderlich schwierig, aber brutal eindrucksvoll, vergleichbar mit dem Canale Holzer am Passo Pordoi.“ Im Valsertal konnte er 2011 gleich zwei tolle, nebeneinanderliegende Linien an der Sagwand fahren: die 50 Grad steile Nordrinne gemeinsam mit seinem ehemaligen Klettertrainer und Mentor Reini Scherer, die Nordflanke solo. Am Hochplattig in der Mieminger Kette realisierte Lama im vergangenen Winter solo die Erstbefahrung der Südostrinne.

Dort erwartete ihn nach 1.600 Aufstiegshöhenmetern eine 50-55 Grad steile, 800 Meter lange Flanke. Gelingt eine Erstbefahrung, löst dies im jungen Alpinisten eine tiefe und vor allem anhaltende Zufriedenheit aus. Und das, obwohl die reine Abfahrt oft nur ein paar Minuten dauert: „Bin ich im Sommer in der Gegend, schaue ich nach oben und sag mir: Wow, da bist du runter gefahren!“ Eine Steilwand erfolgreich gemeistert zu haben, erzeugt in ihm ähnlich wie beim Klettern einer neuen Route einen besonderen Bezug zum jeweiligen Berg. Diese Nähe motiviert ihn. Eine erfolgreiche Abfahrt in einer Rinne hinterlasse etwas Bleibendes, eine dauerhafte Emotion, eine – romantisch formuliert – ewige Freude.

Deshalb zehrt David von schwierigen Besteigungen und waghalsigen Abfahrten viel mehr als vom bloßen Offpiste-Fahren. Man investiere schließlich mehr, als wenn man einen Lift als Aufstiegshilfe für eine tolle Powderabfahrt nütze. Seine Rechnung ist einfach: „Je mehr man einbringt, umso mehr bekommt man am Ende auch zurück.“ Klassisches Freeriden und Offpiste-Fahren geben David Lama eher wenig. Rauschähnliche Flowerlebnisse beim Tiefschneefahren sucht er nicht. Die definiert er als angenehme Begleiterscheinung seiner Unternehmungen: „Ich sehe mich weniger als Skifahrer, obwohl ich natürlich auf zwei Brettern unterwegs bin“, erklärt der Bergprofi... „mich reizt viel mehr die alpinistische Herausforderung.“

Auf das „Wie“, also auf den Stil kommt es dem Ausnahmesportler offensichtlich ganz besonders an. Freerider, die sich per Helikopter auf Gipfel fliegen lassen, verurteilt Lama aber nicht. Wenn es darum geht, in kurzer Zeit möglichst viele lässige Linien zu fahren, sei das Mittel Heli ein probates... „Es ist jedem selbst überlassen, wie er es halten will.“ Heliskiing in Alaska sei sicher eine feine Sache, Lamas Anspruch ist jedoch ein anderer: „Das Gesamtpaket zählt. Der schwierige Aufstieg gehört für mich einfach dazu.“

Steep Love
© Manuel Ferrigato
Steep Love
© Manuel Ferrigato
Steep Love
© Manuel Ferrigato
Steep Love
© Manuel Ferrigato
Steep Love
© Manuel Ferrigato

Fahrer: David Lama

Mehr aus Österreich