Österreich · Allgaeu Alps (Wilder Kasten / Lechtal)
The Good Old Days Story
Ausgabe 2018 · Text: Martin Fiala · Fotos: Martin Fiala · 4 min Lesezeit

Es ist Hochwinter, eine Bilderbuchwetterlage, klar und eisig. Nordseitig findet man feinste und dennoch stabile Verhältnisse vor. Tobi Heinle, Skiguide aus Lech, Hannes Namberger, ehemaliger …
Es ist Hochwinter, eine Bilderbuchwetterlage, klar und eisig. Nordseitig findet man feinste und dennoch stabile Verhältnisse vor. Tobi Heinle, Skiguide aus Lech, Hannes Namberger, ehemaliger Skirennläufer und einer der besten europäischen Trailrunner und ich verabreden uns kurzfristig und erstmalig auf einen knirschend kalten Ausflug in die Allgäuer Alpen vom Lechtal aus. Wir möchten den Wilden Kasten, einen der südlichsten Gipfel der Allgäuer Alpen, über die Nordostrinne besteigen und befahren. Keine Erstbefahrung, aber eine Tour, die man in keinem der klassischen Tourenführer findet. Mir fiel die Linie vor einigen Jahren vom Heilbronner Weg aus auf und sie landete, neben vielen anderen, auf meiner Wunschliste.
Ich schlafe am Vorabend mit dem Gedanken ein, dass dies einer der „Guten Alten Tage“ werden könnte, an die man sich in der Zukunft erinnert. „Coming up easy“ von Paolo Nutini beendet abrupt meinen Schlaf und entbehrt absolut jeglicher Logik. Parallel dazu versucht mich die Gemütlichkeit des Bettes zu manipulieren und lässt mich das Weiterschlafen als die bestmögliche Option des Augenblicks wahrnehmen. Alles kalter Kaffee, Routine und Vorfreude übernehmen die Kontrolle und setzen mich in Bewegung. Nach einem schnellen Frühstück und einer kurzen Fahrt nach Holzgau traben wir in absoluter Dunkelheit an der Kirche los. Mein Rucksack inklusive Kameraausrüstung ist in punkto Gewicht nicht mit den alpinen Turnbeuteln der Jungs konkurrenzfähig.
Ich spiele kurz mit dem Gedanken, zumindest meine Trinkflasche an Tobi oder Nambo auszulagern. Mein Ego beendet den inneren Dialog bald jedoch sehr entschieden. Wir passieren bei Stirnlampenlicht die gefrorenen Simms-Wasserfälle und erreichen mit den ersten Lichtstrahlen die Untere Roßgumpenalpe. Hier verzweigt sich das Höhenbachtal: Nördlich verläuft es in die Richtung des höchsten Berges der Allgäuer Alpen, den Großen Krottenkopf. Wir steigen westlich weiter entlang des Schochenalpbachs und südlich des Allgäuer Haupkamms zum Schönanger auf. Der Schnee wird immer tiefer, und das Gewicht meines Rucksacks geht mir schlicht auf den Zeiger. Nach etwa 1.000 Höhenmetern können wir erstmals einen Teil der angepeilten Linie einsehen.
Ein Kar, übergehend in eine bis zu 45 Grad steile Rinne, die in einen, über Absätzen exponierten Ostgrat mündet und zum Gipfel führt. Die Jungs schauen steil nach oben, sichtlich motiviert sind sie kaum noch zu halten. Ich beschließe, erst einmal meine Trinkflasche zu leeren, fast den ganzen Liter Flüssigkeit transferiere ich genüsslich vom Rucksack in meinen Körper. Klar, was das zu tragende Gewicht angeht, ist das eine Milchmädchenrechnung, aber ohne Zweifel eine Wohltat zum richtigen Zeitpunkt. Wir schrauben uns mit zahllosen Kehren das Kar hoch, am Übergang in die Rinne schnallen wir die Skier auf die Rucksäcke. Während der Wühlerei schieße ich einige Aufstiegsbilder und schaue mir mögliche Positionen für die Abfahrt an.
Immer wieder aber schweifen meine Gedanken ab. Ich füge Schwung an Schwung aneinander, ziehe meine Linie durch die schöne Rinne, sehe den Sluff nach links rutschen, bleibe am Rücken des Kars und gebe entspannt den Lockrufen der Gravitation nach. Die Gedankenspiele lassen meinen schweren Rucksack kurzfristig aus meinem Bewusstsein verschwinden. Als dann noch Tobi und Nambo heftig schnaufen, während sie zum Ausstieg der Rinne nachkommen, sind meine schweren Beine und der Rucksack ganz vergessen. Tobi zieht sofort durch und wählt einen ausgesetzten, nördlich abfallenden Felsabschnitt, um zum Gipfelgrat zu gelangen. Hannes und ich grinsen uns kurz an und weichen einfacher südseitig aus.
Die letzten 100 Höhenmeter treiben noch einmal den Puls hoch, zumal es teils hüfttief und wirklich mühsam wird. Wir essen eine Kleinigkeit, ich würge die Bissen trocken hinunter, die Flasche ist ja fast leer, die Flüssigkeit hängt jetzt, erneut ohne Gewichtsverlust, in der Kleidung. Die Aussicht auf den nördlich gelegenen Allgäuer Hauptkamm ist beeindruckend. Südlich in die Lechtaler Alpen schauend, bleiben unsere Blicke im Kaisertal hängen. Wie eine exponierte Flosse ragen der messerscharfe Nordgrat und die steile Flanke der Kaisersteinspitze heraus. Klick, meine Wunschliste wächst erneut an. Wir ziehen die Felle ab und machen uns fertig. Ich beschließe, als erster bis zur Einfahrt in die Rinne abzufahren und von dort einige Bilder zu schießen.
Die hohen, nördlich abfallenden Felsabsätze erlauben keinen Blödsinn und sorgen für die nötige Konzentration. Ich merke schnell, dass sich die Burschen auch im exponierten Gelände wohlfühlen und wissen, was sie tun. Tobi bekommt für die jungfräuliche Rinne von uns die Vorfahrt und hat sichtlich Spaß. Ich stimme mich noch mit Nambo über die Linienwahl im unteren Kar ab, jeder soll schließlich auf seine Kosten kommen. Schnell ist die Kamera im Rucksack verstaut, Skischuhe zu, Brille gelüftet, Ski vom Schnee freigemacht, Stöcke aneinander geschlagen... die gute alte Routine läuft ganz automatisch ab. Ein kurzes „Drop-in“ und auf meiner Festplatte wird ein neues Kapitel der „Guten Alten Tage-Story“ abgespeichert.
Die nächste Stunde übernehmen dann Dopamin und Adrenalin das Zepter der Wohlbefindlichkeit. Tobi und auch Hannes scheint es nicht anders zu gehen. Auf dem Weg ins Tal nehmen sie jede Klippe mit und stillen weiter ihre Unersättlichkeit. Die abschließende Schieberei zurück durch das Höhenbachtal nach Holzgau beschließt den Tag besinnlich, fast meditativ. Während ich mit kräftigen, rhythmischen Stockschüben die Geschwindigkeit zu halten versuche, lasse ich den Tag Revue passieren und erlebe ihn noch einmal nach. Ich freue mich, dass meine Wunschliste um eine Linie erleichtert und zugleich um eine weitere bereichert wurde und bin zuversichtlich, dass die beiden an diesem Tag auch einiges von ihrem Speicherplatz für ihre „Guten Alten Tage-Erinnerungen“ eingesetzt haben.





Fahrer: Tobi Heinle, Hannes Namberger



