USA · North Cascades
The Land of the Swan
Ausgabe 2021 · Text: Jason Hummel · Fotos: Jason Hummel · 5 min Lesezeit

Von all den magischen Orten der North Cascades sind mir einige reizvolle, abgelegene Flecken bisher entgangen. Dazu gehört eine Bergkette, die sich über das Eldorado-Massiv hinausschiebt und am …
Von all den magischen Orten der North Cascades sind mir einige reizvolle, abgelegene Flecken bisher entgangen. Dazu gehört eine Bergkette, die sich über das Eldorado-Massiv hinausschiebt und am Gletscherwasser des Thunder Creek liegt. Die Region hat keinen besonderen Namen, aber zu ihr gehören die Berge Klawatti, Austera, Primus und Tricouni. Da der Glaziologe Dick Hubley den Klawattigletscher ursprünglich nach dem Chinook-Namen Kahloke benannt hat, was so viel wie „Schwan“ bedeutet, können wir die Region vielleicht „Land of the Swan“ nennen, auch wenn das zugegebenermaßen etwas kitschig klingt. Um diesen Ort mit eigenen Augen zu sehen, musste ich das Tal jenseits der Hänge des Eldorado überqueren.
Wer weiß, vielleicht würde er den Erwartungen seines neuen Namens gerecht werden? Auf der Tour zum Eldorado Peak schwankte das neblige Wetter zwischen Wolkenbruch und Sonne hin und her. Als das Wetter schließlich richtig schlecht wurde, machten wir kaum noch Strecke. Anstatt auf dem Gletscher herumzuirren, schlugen wir unser Lager genau dort auf, wo wir gerade waren. Schlaf, das merkte ich wieder einmal, ist besser als ziellos im Nebel auf einem Gletscher herumzustolpern. Am Morgen hing der Himmel voller Wolken, die gegen die Gipfel stießen. Wir schleppten unsere Ausrüstung in das nächste Camp, bevor wir nur mit Tagesrucksäcken zum Austera Peak aufbrachen.
Von hier oben sollten wir zum ersten Mal unsere Skier in den Schnee des „Land of the Swan“ setzen. Ich war aufgeregt, denn ich befand mich in einer mir noch unbekannten Ecke der Cascades. Es waren zwar dieselben Berge, aber aus einer anderen Perspektive. Einige sahen furchterregender aus, andere dagegen deutlich zahmer. Nun kannte ich sie ein ganzes Stück besser als zuvor. Am Gipfel des Austera Peak schnallten wir an und stürzten uns in die lange Abfahrt über den Gletscher: Klettern, Skifahren, Klettern und wieder Skifahren bis zum Einbruch der Dunkelheit. Am dritten Tag wollten wir die nördlichsten Gipfel des „Land of the Swan“ abhaken.
Zunächst kehrten wir zum Ostgrat des Austera zurück und balancierten auf nicht ganz sicherem Schnee um einen massiven Eisfall herum. Als wir uns dem Primus-Tricouni-Grat näherten, wurden Carl und ich von einigen Schneefeldern und Couloirs abgelenkt, die an der Südwestseite hinuntergingen. Nach kurzem Abwägen schlug ich Carl vor: „Wie wäre es, wenn wir über das Westcouloir des Tricouni aufsteigen, die Südwestwand abfahren, dann zurück zum Pass klettern, über den Ostgrat des Primus zum Gipfel gehen und dann die Südwand des Primus fahren?“ Wir querten über Fels und Geröll zu einem Schneebalkon unterhalb des Gipfels und über dem Couloir. Oben angekommen nahmen wir unsere Rucksäcke ab, ruhten etwas aus und genossen die Aussicht.
Das Panorama war sicher eines der schönsten in den Cascades. Natürlich ist das relativ, denn der aktuelle Gipfel ist immer ganz schnell auch der beste. Kurz darauf folgten wir den Orientierungspunkten, die wir im Aufstieg ausgemacht hatten, nach unten. Sich eine Linie vorzustellen und diese dann in den Schnee zu zeichnen, mag ein völlig egoistischer Genuss sein, aber genau deshalb waren wir ja da. Carl nannte sie „Triceratops“ – ein durchaus passender Name für eine derart gut gelungene Linie. Wir erreichten den Pass zwischen Primus und Austera und stiegen zum Primus Peak auf. Eine Abfahrt zum North Klawatti Glacier später, erreichten wir wieder den Austera.
Von dort ging es zurück zum Camp, wo erfreulicherweise bereits unsere Freunde Alexa Cathcart, Jack Kornfeld und Jeff Rich auf uns warteten. An unserem vierten Tag ging es über den Eisbruch des Klawattigletscher, von dort erkundeten wir dann eine Linie am Klawatti Peak. Jeff und seine Freunde hatten am Vortag ein enges Couloir gesichtet. Jeff meinte, es sei „...drei Skilängen breit“ – ausreichend Platz zum Skifahren also! Nachdem wir den Gipfel des Klawatti erreicht hatten, fuhr Jeff als erster los, dann folgte ich. Zwischen jedem Schwung lagen zwei oder drei Atemzüge. Unten schrien wir alle vor Freude. Als wir uns beruhigt hatten, sahen wir zu Jeff hinüber und waren uns einig, dass das Couloir sicher nicht nur drei Skilängen breit war!
Später schlug ich als Namen dafür „Swan Song Couloir“ vor, eine Anspielung auf den Gipfel darüber. Der Morgen des fünften und letzten Tages kam viel zu früh. Während der Rest der Truppe beschloss, im Lager zu bleiben und später über den Eldorado zu den Autos zurückzukehren, beschloss ich, den Moraine Lake und die Wasserscheide zu überqueren und zum Taboo Glacier aufzusteigen, bevor ich zum Roush Creek Basin fahren würde, um schließlich zur Straße zurückzufahren. Während meine Freunde noch Kaffee tranken, erzeugte das Gelände oberhalb des Moraine Lake bereits weitaus mehr Adrenalin in mir, als es Koffein je könnte. Über mir klafften Felswände, unter mir brachen 150 Meter hohe Cliffs ins Nichts ab.
Beides war Motivation genug, um in Bewegung zu bleiben. Als ich den 2.000 Meter hohen Pass östlich des Forbidden Peak erreichte, atmete ich erleichtert auf. Direkt hinter dem Pass legte ich mich ins Heidekraut und machte ein Nickerchen. Ich nahm mir vor, diese Route nie wieder zu gehen, nicht einmal an einem kalten Frühlingsmorgen. Bald konnte ich den Taboo Glacier ausmachen, entschloss mich angesichts des stellenweise fast einen Meter tiefen Schneematsches und der Gefahr versteckter Spalten gegen ein Weitergehen. Macht nichts, Scheitern gehört zum Abenteuer! Nach 1.200 Metern Abstieg erreichte ich einen umgestürzten Baumstamm über dem Cascade River. Ich tauchte meinen Kopf ins Wasser und setzte mich ans Ufer.
Das eiskalte Wasser machte meine Gedanken klar. Die Zeit im „Land of the Swan“ war kurz, aber ich messe sie nicht in Stunden, sondern in Erinnerungen, die ich nun tausendfach wieder erleben kann.





Fahrer: Alexa Cathcart, Jack Kornfeld, Jeff Rich, Carl Simpson



